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Weiler im Landkreis Landsberg

12.09.2016

Aus dem Gutshof wurden fünf Höfe

Drei Generationen in der „Villa“ Möstl: Gertrud, Claudia und Liselotte Möstl leben auf einem der fünf Höfe in dem Weiler bei Obermühlhausen.
Bild: Stephanie Millonig

In Oberbeuern hatte der Kurfürst einst einen Jagdhof. Nach dem Krieg siedelten sich Heimatvertriebene an.

Über Unterbeuern hat das LT schon berichtet, jetzt wenden wir uns dem einen Kilometer entfernten Oberbeuern zu. Welcher der Weiler eher bestanden hat, ist laut der Obermühlhauser Chronik von Jakob Senger nicht bekannt, erwähnt wurde „Buron“ 1052. Wie in Unterbeuern gab es im Mittelalter zwei Höfe und einen Kleinbauernhof. Im 16. Jahrhundert hatten die bayerischen Herzöge hier einen Waid- das heißt Jagdhof. Ab 1671 gab es drei Höfe, deren Hofnamen im Laufe der Jahre auch Josepfbauer oder Hößbauer, Andräbauer oder Änderlebaur sowie Friedl waren. 1901 wurden diese landwirtschaftlichen Betriebe zusammengefasst zu einem Gutshof mit fast 500 Tagwerk, was rund 170 Hektar entspricht. Gutsbesitzer war Ernst Schall, der 1902 dort ein Gutshaus, von den Einheimischen „Villa“ genannt, erbauen ließ. Ihren gründerzeitlichen Stil hat die Villa bis heute behalten und lockt nun als Villa Möstl zur Einkehr.

Bevor es in die weitere Geschichte der Oberbeurer Anwesen geht, muss hier noch ein Gebäude erwähnt werden, welches nicht mehr existiert: das Antoniuskirchlein von Oberbeuern. Hans Baur hatte es 1602 auf seinem Grund errichten lassen. Jakob Senger schreibt in der Ortschronik, dass man es aufgrund der Größe des Kirchenschiffs, welches 10,5 Meter lang, acht Meter breit und zehn Meter hoch war, sowie eines Turms mit Zwiebelhaube, der 21 Meter maß, als Kirche bezeichnen könne. Erwähnenswert an der Ausstattung sind unter anderem Holzfiguren von Lorenz Luidl. Ein Votivbild zeigte den Kirchenstifter Hans Baur mit seinen elf Buben, sechs Mädchen und zu Schluss seiner Frau in der damaligen Tracht, wie der Ortschronik zu entnehmen ist. Der Besitzer des Gutshofes hatte offensichtlich kein Interesse an dem Gotteshaus. 1913 stürzte der Turm ein, da laut Ortschronik das Fundament unvorsichtig bloß gelegt worden war. 1923 gab es eine Abbruchgenehmigung durch die Regierung von Oberbayern, 1940 wurde die Ruine abgebrochen und Oberbeuern von Oberfinning nach Dettenschwang umgepfarrt.

Das Gestühl der Antonius-Kirche steht übrigens jetzt in der St.-Magnus-Kapelle in Unterbeuern, und der Altar ist in der Justizvollzugsanstalt Landsberg zu finden, wie der ehemalige und der derzeitige Kirchenpfleger von Obermühlhausen, Herbert Meyer und Werner Paul, erzählen. Holzfiguren finden sich laut Ortschronik in St. Martin in Dettenhofen und in Heilig Kreuz in Oberfinning. In Oberbeuern erinnert ein Marterl, welches Josef Seefelder aus Obermühlhausen schuf, an den Platz der ehemaligen Kirche.

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Oberbeuern unterscheidet sich nicht nur durch die Schaffung des Gutshofes von den Orten, in denen die landwirtschaftlichen Betriebe über Generationen hinweg weitervererbt oder von Bauern aus der Region gekauft wurden: 1954 erwarb die Bayerische Landessiedlung das Gut und teilte es auf an vier Vertriebene aus dem Sudetenland und den Verwalter des ehemaligen Gutes, wie Gertrud Möstl erzählt. Ihre Schwiegermutter Liselotte Möstl – die Familie Urbanek/Möstl soll hier exemplarisch auch für die anderen Siedler stehen – kam als Zwölfjährige mit ihren Eltern Johann und Martha Urbanek nach Oberbeuern. Eine „Villa“ zu bewohnen, darauf waren die Siedler damals nicht scharf, wie Liselotte Möstl schon einmal in einer Häuserserie des LT erzählt hat. Denn das herrschaftliche Haus galt es zu erhalten, aber dann war man doch stolz auf den großen Gutshof.

An Misstrauen seitens der Einheimischen gegenüber den Neuankömmlingen kann sich Liselotte Möstl nicht erinnern. „Die Unterbeurer Kinder waren am nächsten Tag da.“ Außerdem habe man sich in der Landwirtschaft gegenseitig helfen müssen nach dem Krieg. Zu Fuß ging’s in die Schule, auch „wenn’s gschneit hat und g’weht!“. Der Cousin habe sie zum Happerger nach Ludenhausen zum Tanzen mitgenommen, denn 1954 war nicht nur Hans Urbanek nach Oberbeuern gekommen, sondern auch sein Bruder Ernst, die noch dazu zwei Schwestern geheiratet hatten. Die Jugend habe sich auch immer an der Milchsammelstelle in Obermühlhausen getroffen.

Neben den Urbaneks gab es noch die Siedlerfamilien Schaal und Kreuzer, und der Sohn des ersten Kreuzerbauern von Oberbeuern, Willi Kreuzer, prägte den Ort auch durch seine geschnitzten großen Gnomfiguren. Liselotte Möstls Mann Englbert, der aus Obertaufkirchen kam, war ebenfalls eine bekannte Persönlichkeit durch sein Amt als Gemeinderat und seine Auszeichnung als Ehrenschützenmeister. Sohn Norbert hat die Landwirtschaft übernommen und er heiratete Gertrud Meitinger aus Lamerdingen, einem Dorf mit 771 Einwohnern. Am Anfang hatte sie schon das Gefühl, dahin zu ziehen, wo sich Fuchs und Has’ Gute Nacht sagen, zumal es ja auch die gleichnamige Wirtschaft in Dettenhofen gibt. Ein Gefühl, welches sich offensichtlich schnell verflüchtigt hat, wenn man die Hauswirtschaftsmeisterin, Kräuterexpertin und gelernte Restaurantfachfrau heute in ihrem Hofcafé Villa Möstl besucht. 2010 hatte die Familie entschieden, das Potenzial ihrer Villa zu nutzen, und dort ein Hofcafé einzurichten – und es wird angenommen, wie Gertrud Möstl sagt. Und mit Tochter Claudia, die derzeit ihren Bachelor in Ernährungs- und Versorgungsmanagement macht, ist auch eine potenzielle Nachfolgerin vorhanden.

Denn dort draußen zu wohnen, versteckt hinter dem Wald, scheint bei der Jugend kein negatives Echo zu hinterlassen: Claudia Möstl hatte zwar keine gleichaltrigen Spielkameraden in Oberbeuern, aber „ich hab halt immer Freundinnen dagehabt“. Denn der Platz war vorhanden um den elterlichen Hof. „Wir waren immer draußen beim Spielen mit den Tieren.“ Mutter und Tochter können sich ein Leben in der Großstadt nicht vorstellen. „Reinfahren in die Stadt kann ich immer“, sagt Claudia Möstl. Um in den nächsten Ort zu kommen, ist man freilich immer auf ein Fahrzeug angewiesen und muss darum auch aufs Wetter aufpassen. Denn bei Sturm kann es schon mal passieren, dass ein Baum über der Straße liegt.

Und die drei Frauen – Norbert Möstl nahm an dem Gespräch nicht teil, da er in der Landwirtschaft zu tun hatte – wissen auch die Ruhe und die Schönheit ihres Wohnorts zu würdigen. Auf dem Weg zu einem Wegkreuz, welches Liselotte Möstl für ihren 1990 verunglückten Sohn Günter, aufstellen ließ, zeigen sie immer wieder Stellen, wo eine Schneise im Wald einen Blick auf die Berge freigibt und ein Gebäude von Dettenhofen zu sehen ist. Und auf der Bank mit Blick auf Oberbeuern kann man in ländlicher Stille, die höchstens vom Geräusch eines Schleppermotors in der Ferne unterbrochen wird, die Seele baumeln lassen.

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