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Landsberg

26.10.2020

Bei Zirkussen und Artisten im Landkreis Landsberg herrscht Tristesse

René Frank vom Circus Roberto hat einen Stellplatz vom Kloster in St. Ottilien bekommen. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist er jetzt dort. Wie es weitergeht, ist unklar.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie treffen Zirkusse hart. Wie ein Zirkusdirektor in St. Ottilien, ein Artist in Utting und ein kürzlich in Landsberg aufgetretener Betrieb diese Zeit erleben.

„Wir sind das reisende Volk, das fahrende Volk. Und wir sind geboren, um in der Manege zu arbeiten. Und das geht einem momentan ab.“ René Frank, 65, schwarze Wollmütze und Brille, wurde in Rostock geboren, war von klein auf beim Zirkus Atlas und reiste mit seinem Circus Roberto Jahrzehnte quer durch Deutschland. Damit ist es seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr vorbei. Wie geht es ihm und anderen Zirkusleuten im Landkreis?

Inzwischen leitet René Franks Tochter den Zirkus. Das Familienunternehmen besteht aus sechs Leuten, einige seiner Kinder haben sich selbstständig gemacht, erzählt Frank. Und nun: Stillstand. Seit Mai steht Frank auf dem Gelände des Klosters in St. Ottilien. Eigentlich hätte er jetzt Projekte in München gehabt, mit Schülern und Kindergartenkindern. Die Stellplätze dafür sagte er frühzeitig ab – die Corona-Lage änderte sich zu schnell.

Von den drei Zelten, die René Frank besitzt, liegt eins in blauer Folie eingepackt auf einem Anhänger hinter den Wohnwägen. 500 bis 600 Zuschauer hätten hier Akrobaten und Clowns bestaunen können. Das letzte Projekt, Anfang August in München: ohne Publikum. „Die Atmosphäre war nicht da, das war traurig“, so Frank. Sein Zelt aufzubauen und Vorstellungen anzubieten unter Bedingungen wie Mindestabstand – das rechne sich nicht, sagt Frank: „Jetzt steht man da vorm Eingang, und was kommen da? 15 Leute.“ 60 bis 70 Zuschauer müssten sich ins Zelt setzen, damit die Rechnung aufgeht.

Eine kleine Hoffnung auf den Weihnachtszirkus

Nun verbringt er den Tag in einem Lkw-Anhänger, in dem er seine Werkstatt eingerichtet hat: Geländer für die Tribüne schweißen, Werbetafeln herrichten, einen kleineren Eingang für Kindergartenkinder bauen, damit überbrückt der er die Zeit. Seine Hoffnung setzt er nun auf den Weihnachtszirkus in Schwabing. Der Stern aus Lichterketten hängt bereits im Wagen. Die Zusage des Grundstücksbesitzers hat er schon. Noch wartet Frank, ob die Stadt München angesichts der Entwicklung der Corona-Zahlen grünes Licht gibt.

Kloster und Rhabanus-Maurus-Gymnasium in St. Ottilien organisieren seit 1991 alle drei Jahre ihren eigenen Zirkus, seit zehn Jahren in Kooperation mit dem Circus Roberto von René Frank. Vom Geld, das im Frühjahr für die Familie Frank gesammelt wurde, sei immer noch mehr da, als er brauche, erzählt Frank. Der nächste „Circus St. Ottilien“ hätte 2021 zum 30. Jubiläum stattgefunden – er wurde bereits abgesagt.

Der Artist Lorenzo Brumbach hatte nur einen Auftritt in acht Monaten

In Utting braucht Lorenzo Brumbach für seine Auftritte kein Zelt. Der Artist, der mit seiner Verlobten Lisa-Marie Sigg als „Artistenzirkus Bügler“ auftritt, lebt von Kunststücken wie Feuerspucken oder Messerwerfen. Nur: Er hat keine Auftritte. Vor Corona habe er drei bis vier Auftritte pro Woche gehabt, bei Hochzeiten oder Geburtstagen, sagt er. 200 bis 300 Euro pro Auftritt nahm der Artist ein. Drei Monate gastierte er in einem Landkreis, dann ging es weiter. Seit Corona im März hätten ihm die Kunden abgesagt, weil sie Angst vor Menschenansammlungen hätten, sagt Brumbach. In der Zwischenzeit verteilt er Flyer, hofft, dass man ihn engagiert – er habe aber in den letzten acht Monaten nur einen Auftritt gehabt. Die Situation sei „eigentlich noch schlimmer als im März“, erzählt Brumbach. Im Winter brannte der Wohnwagen ab, in dem er mit seiner Verlobten Lisa-Marie Sigg wohnte, vor einigen Wochen ging das Auto kaputt.

Lorenzo Brumbach (mit seiner Verlobten Lisa-Marie Sigg) hat seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie keine Gelegenheit mehr, als Artist aufzutreten.
Bild: Julian Leitenstorfer

Brumbach kommt ursprünglich aus Freising, seine Verlobte Lisa-Marie Sigg aus Leeder. Nun leben sie seit einem Monat mit im Wohnwagen von Brumbachs 88-jähriger Großmutter Alaida Bügler in Utting auf dem Grundstück eines Landwirts. Auch sie hatte bereits einen Zirkus. Neben der Spüle, gegenüber dem kaputten Ofen, hängt ein Foto vom 16-jährigen Lorenzo Brumbach, geschminkt als Clown. Ein Relikt aus besseren Zeiten. Nun sucht der 19-Jährige nach Lösungen und Hilfe. „Nachts schlafen ist schwer“, sagt Brumbach. „Ich bin immer am Überlegen, was ich mache, wie ich’s mache.“ Was er gern machen würde: Wieder auftreten. Zurzeit laufen er und Lisa-Marie Sigg, die im sechsten Monat schwanger ist, in Utting von Haus zu Haus und freuen sich über Spenden. Eine Lehre beginnen, solange Corona wütet? Keine Option für ihn. „Wir waren früher kaum in der Schule, haben von klein auf im Zirkus gearbeitet“, erklärt Brumbach. Bereits seine Urgroßeltern waren beim Zirkus. Und normalerweise könne er ja Vorstellungen geben: „Wäre das Coronavirus nicht, bräuchten wir keine Unterstützung.“ In den vergangenen Wintern arbeitete er manchmal in Firmen. „Aber das war nicht so meins. Beim Zirkus hat man seine Selbstständigkeit und Freiraum und kann seine Arbeit so machen, wie man möchte“, nämlich als ein abgeschlossenes Projekt, und nicht Arbeitsstunde für Arbeitsstunde.

Nur jeder dritte Platz darf im Zirkuszelt besetzt werden

Auf dem Festplatz in Landsberg baute vor Kurzem der Circus Alfons William sein großes Hauptzelt auf. Es bietet Platz für 600 Personen, in Corona-Zeiten dürfen 200 Gäste Platz nehmen. Der Tagesablauf der Familie: Tiere versorgen, Heu füttern, Flyer verteilen. „Dasselbe wie sonst auch, nur mit Maske“, so Kimberley William. Bis zum vorvergangenen Sonntag waren sie in Landsberg. Sie seien zufrieden, dass sie überhaupt gastieren dürften, trotz Corona. Einhalten müssen sie Auflagen wie einen Abstand von 1,50 Metern zwischen den Stühlen.

Der Circus Alfons William gibt unter Corona-Auflagen Gastspiele, vor Kurzem war er in Landsberg (Foto), im Juli in Dießen.
Bild: Julian Leitenstorfer

In der Vorstellungspause dürfen junge Besucher in den zugehörigen Streichelzoo. Neben dem Streichelzoo und den Luftnummern sind Feuerschlucker und Dressurnummern wie „Aladdin – 1001 Nacht“ Teil des Programms, das die Familie seit vergangenem Jahr neu aufgelegt hat. Als Corona über die Region hereinbrach, strandete der Zirkus in Buchloe. Er bekam Hilfe von der Bevölkerung. Seit Juli darf der Zirkus wieder in verschiedenen Städten gastieren. Gleich zu Beginn trat er in Dießen auf. Familie William ist inzwischen weitergezogen nach Fürstenfeldbruck. Ihre größte Angst im Moment: „Dass es wieder Stillstand gibt“, so Kimberley William.

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