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Hofstetten

04.07.2017

Der coole Hund mit der Geige

Alessandro Quarta bei seinem Auftritt in Hofstetten, zusammen mit dem Gitarristen Franco Chirivi.
Bild: Minka Ruile

Die Klassiker beherrscht Alessandro Quarta seit vielen Jahren, jetzt gehört seine Liebe dem Tango Nuevo.

Schwere Silberringe an fast allen Fingern der Bogenhand, mehrere Panzerketten um den Hals, die Handgelenke voller Leder- und Freundschaftsarmbänder, Drei-Tage-Bart und ein im Krafttraining zum „Body“ geformter Körper – ein ganz „cooler Hund“, so kündigte am Samstag auch Kurt Scherdi den musikalischen Gast des Abends im leer geräumten Glashaus in Hofstetten an. Die Aufregung des Hausherren vor dem Konzert plagte den Musiker nicht: Bevor er sich mit Lampenfieber herumschlage, hatte dieser ihm anvertraut, hänge er seine „Guadagnini“ lieber an den Nagel. Alessandro Quarta pflegt das Image des Geige spielenden Underdogs, eines von seinem Instrument Besessenen, der die Bühne rockt.

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Doch standen am Beginn des Konzerts, das er mit dem Pianisten Giuseppe Magagnino sowie Franco Chirivi an der Gitarre, gab, erst einmal die ganz leisen Töne. In zartestem Pianissimo hauchte er das Hauptthema aus Giuseppe Tornatores Film „Cinema Paradiso, für den Oscar-Preisträger Ennio Morricone die Musik geschrieben hat, in den Saal (als Trio und mit der überraschend guten Akustik des Glashauses hätte man das vielleicht einmal ohne Verstärker versuchen können) und versetzte anschließend einen weiteren Filmklassiker, „La dolce Vita“ von Federico Fellini mit der Musik von Nino Rota, in fast übermütigen Swing.

Im zweiten des auf vier Teile angelegten Programms stand neapolitanische Musik, die den drei Musikern nicht nur besonders am Herzen, sondern auch gut in den Fingern lag. „O sole mio“, ganz ohne Schmalz, dafür zum Mitsingen: Der Chor der Zuhörer stimmte erst zögerlich, schließlich aber gerne ein, wenngleich nicht jeder Sänger in derselben Tonlage. Mit der zweiten „canzone“ setzte das Trio dann eine wahre Rhythmus-Maschine in Gang – Fußwippen rundum, kaum einer, der noch ruhig auf seinem Stuhl saß – und stimmte ein auf das, was nach der Pause folgen sollte: Musica appassionata aus Lateinamerika. Nach dem berührend wehklagenden „Bésame mucho“ der mexikanischen Komponistin Consuelo Velázquez ging es weiter nach Brasilien und wurde nun rockig, mit Raum für wechselnde Soli, und immer wieder begeisterten Zwischenapplaus. Es folgte eine Art Samba, über die die drei Musiker jetzt erst richtig in Spiellaune gerieten und immer noch mehr aufdrehten. Kein Wunder, dass der Adrenalinspiegel nach solchen Auftritten leicht erhöht ist, was zu schlaflosen Nächten führen kann. Eine solche hatte Alessandro Quarta in der Vornacht des Konzerts und – Pech des einen, Glück der anderen – bescherte dem Publikum die Uraufführung seiner neuesten Komposition „Auf den Schlaf warten“.

Höhepunkt des Abends und zugleich das neueste Musik-Projekt Quartas, waren Interpretationen von ausgesuchten Tango-Nuevo-Stücken des argentinischen Bandoneon-Spielers und Komponisten Astor Piazzolla. Oblivion durfte da natürlich nicht fehlen, es folgten Fracanapa, Jeanne y Paul sowie zuletzt Libertango. Technisch brillant, in teils rasendem Tempo immer exakt und rhythmisch scharf akzentuiert, spielten sich Quarta, Magagnino und Chirivi in einen regelrechten Rausch. Das Publikum war begeistert und der Applaus erst zu bremsen durch eine Zugabe: Chick Coreas „La Fiesta“, frisch, unverbraucht und unablässig vorwärtstreibend gespielt von den drei Musikern, als seien sie gerade erst auf die Bühne gekommen.

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