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Theater

17.11.2015

Die Komik im Grausamen

Herz- und Glanzstück der Poetenpack-Inszenierung von „Mein Kampf“: Schlomo (Teo Vadersen, links) und Adi (Jörg Vogel) im Männerwohnheim.
Bild: Thorsten Jordan

Das „Poetenpack“ aus Potsdam brachte „Mein Kampf“ nach Landsberg. Eine Farce über das Lachen und die Liebe – nach Auschwitz

Anscheinend ist er wieder ein Thema: Adolf Hitler. Nur ganz anders, eben komisch. Derzeit läuft in den Kinos die deutsche Filmkomödie „Er ist wieder da“, und das freie Theater „Poetenpack“ aus Potsdam inszenierte George Taboris „Mein Kampf“. Das Publikum im Landsberger Stadttheater durfte damit eine neue Truppe kennenlernen, von der es zu hoffen gilt, dass sie noch öfter zum Gastspiel in Landsberg erscheint.

George Tabori, Jahrgang 1914 (gestorben 2007), war selbst Betroffener des Holocaust, sein Vater und mehrere Angehörige waren in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden. Dennoch ist seine Herangehensweise an dieses monströse Thema die Farce, die Komik, der jüdische Witz oder, wie es der Theaterkritiker Peter von Becker einmal ausdrückte, „das Lachen und die Liebe – nach Auschwitz“. In „Mein Kampf“ versucht der jüdische Hausierer Schlomo Herzl vergeblich, die Zerstörungswut des jungen Hitler mit Liebe und Unterwürfigkeit zu beschwichtigen und zu heilen. Doch aus der Enttäuschung des größenwahnsinnigen Möchtegern-Künstlers entsteht dennoch unaufhaltsam der Nationalsozialismus.

Das erste Drittel des Stücks gestaltet sich überaus komisch, unterhaltsam, amüsant. Es zeigt sich, welche hervorragenden Darsteller das Potsdamer Poetenpack vorweisen kann: Jörg Vogel als Adolf Hitler glänzt vom ersten Auftritt an mit der meisterhaft stets leicht brechenden, überspannten Stimme, mit seinem Tonfall und dem ersten Redeschwall, der unglaublich komisch wirkt. Er zeigt deutlich auf der einen Seite den Größenwahn des jungen Hitler, auf der anderen Seite den ungelenken Versuch, mit markigen Sprüchen und zackigen Bewegungen die eigene Unsicherheit zu verbergen.

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Ganz im Kontrast dazu verkörpert Teo Vadersen den herzensguten, weisen Schlomo Herzl in seinem tragisch vergeblichen Bemühen, dem jungen Ungestüm zu helfen, ihn zu pflegen und zu bemuttern, um ihn auf die rechte Bahn zu bringen. Die beiden Darsteller sind das Herz- und Glanzstück der Inszenierung. Und sie retten auch darüber hinweg, dass die beiden folgenden Drittel Längen aufweisen, dass es phasenweise schwerfällt, die Konzentration aufrechtzuerhalten.

Die Inszenierung von Andreas Hueck zeigt aber immer wieder kreative Glanzpunkte: Hitler singt, heroisch in seine Wolldecke gehüllt, im Männerwohnheim eine Tannhäuser-Arie mit dem Hintergrundchor der elenden Zimmergenossen; Schlomo frisiert Hitler das Haar und rasiert sein Bärtchen, wobei die Füße der beiden einen lustigen Tanz vollführen; ein Brüller ist der Auftritt der Jungnazi-Truppe (von Tabori bezeichnet als „sieben Tiroler Lederdeppen“): Steifbeinige Zombies im Heino-Stil treten gespenstisch aus Seitennischen und singen „Schwarzbraun ist die Haselnuss…“ – das ist urkomisch und gruselig zugleich. Das Abschlachten des Huhns als Sinnbild für den Holocaust – auch das ist komisch und grausam zugleich, erst Stoffhuhn, dann toter, gerupfter Gummiadler, dann Brathähnchen aus dem Ofen. Solchen Witz kann sich auch heute noch nur erlauben, wer selbst betroffen ist. Absolut sehenswert, eine hervorragende Truppe, die es versteht, ein so schwieriges Stück professionell und hochwertig auf die Bühne zu bringen.

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