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Stelzer

01.07.2019

Die Sicht ist gut da oben

Da schauen die Passanten auf: die Stelzer bei ihrem Auftritt am Samstagmittag auf dem Hauptplatz. Die Gruppe gibt es inzwischen seit 25 Jahren.
Foto: Thorsten Jordan

Bei einem Workshop im Rahmen des Festprogramms können Kinder und Jugendliche das Stelzengehen trainieren. Vom Weitergehen-Reflex und von schnellen Erfolgserlebnissen

Theoretisch ist es ganz einfach. Nach oben schauen, locker bleiben, lachen und vor allem das Atmen nicht vergessen. Ganz wichtig: Wenn man stolpert oder strauchelt, einfach weitergehen. Wolfgang Hauck, Leiter der Theatergruppe „Die Stelzer“, erklärt das Stelzengehen. Zum 25. Jubiläum gab es am Wochenende ein buntes Programm auf dem Landsberger Hauptplatz, eine Stelzenparade, Stelzengeschichten sowie am Sonntagabend ein von der Jugendgruppe selbst inszeniertes Theaterstück, geleitet und organisiert von der 19-jährigen Isabell Wohlfahrt und ihrem achtköpfigen Team. Kinder und Jugendliche, aber auch einzelne Erwachsene, konnten bei einen Schnupper-Workshop ihr Talent für Stelzengehen ausprobieren.

Linnea Köbel (15), Schülerin der Montessorischule, sowie Ahmad Siar Hakimi (18) aus Afghanistan schnallen sich die schwarzen, etwa einen Meter hohen Stelzen um. Wolfgang Hauck überprüft den richtigen Sitz. Die Stelzen, so erzählt er, wurden seinerzeit gemeinsam mit der Schreinerklasse der Berufsfachschule entwickelt, oben Gummi und Polster für einen sehr festen und gleichzeitig bequemen Sitz, unten Klettverschlüsse, um die Füße zu fixieren. Was sich zunächst wie eine lästige Behinderung anfühlt, wird schnell zur natürlichen Verlängerung der eigenen Beine.

Linnea und Ahmad laufen bereits nach einer Minute nur noch an einer helfenden Hand auf der Stelle. „Immer schön tippeln“, sagt Lilly Wilson, eine der älteren Schülerinnen aus dem Trainer-Team. Sie begleitet Linnea bei ihren schnell immer besser werdenden Bewegungen. Manche brauchen 20 Minuten, bis sie die richtige Balance heraus haben, sagt Hauck, bei manchen klappt es fast sofort. Um den Reflex des Weitergehens beim Stolpern zu verinnerlichen, brauche es allerdings ein paar Monate, erst dann könne man bei den öffentlichen Projekten und Theateraufführungen mitmachen.

Stelzengehen ist „eine der besten traumapädagogischen Techniken“, so Hauck weiter, „denn man ist dabei komplett im Hier und Jetzt“. Gerade traumatisierte Flüchtlinge lernen eine aufrechte Körperhaltung, Bewegung, Körperbewusstsein, auch mal einen Blick von oben herab, ein schnelles Erfolgserlebnis, und dazu die Gemeinschaft im Team bei den Trainings und Aufführungen.

Stolz berichtet Wolfgang Hauck von seinem jüngsten Aufenthalt in Kabul und von den Stelzerkursen, die sie in allen 13 afghanischen Provinzen eingeführt haben, „gerade den Mädchen dort tut das Selbstbewusstsein gut. Sie dürfen in der Regel nur zwei sportliche Tätigkeiten ausüben, Jonglieren und Stelzengehen.“

Mittlerweile gehen Linnea und Ahmad bereits rückwärts, seitwärts und probieren erste Tanzschritte aus. Die beiden haben augenscheinlich Talent. Rund 30 Jugendliche sind bei den Stelzern aktiv (neben den 20 professionellen Ensemble-Schauspielern), viele davon bereits seit Jahren. Einige der älteren, wie Isabell Wohlfahrt, hat es sogar dazu inspiriert, Sport-, Event- und Medienmanagement zu studieren.

Der Workshop wird aufgrund der Hitze kurzerhand in den schattigen Hof hinter dem Foyer des Historischen Rathauses verlegt, und es herrscht eine entspannte Atmosphäre: Überall genießen Eltern das laue Lüftchen, das hier die Hitze erträglicher macht. Wolfgang Hauck legt irgendwann Musik auf und Linnea und Ahmad wagen erste Tanz-schritte. Es werden Telefonnummern ausgetauscht, denn klar ist: Die beiden wollen weitermachen, das Stelzenfieber hat sie gepackt.

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