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Internet

12.02.2015

Die Stars aus dem Laptop

Sie gehören zu den ersten YouTube-Stars in Deutschland: Die drei Jungs von Y-Titty produzieren Parodien und Sketche. Ihr Hauptkanal hat knapp 3,1 Millionen Abonnenten.
Bild: Thorsten Jordan (Symbolfoto)

YouTuber wie Bibi oder „Y-Titty“ erreichen Millionen – und laufen den traditionellen Medien den Rang ab.

Wann es angefangen hat, weiß Thomas Metschl eigentlich gar nicht mehr. Irgendwann, sagt der 20-Jährige aus Leeder, hat er zum ersten Mal auf eines der Videos geklickt. Vielleicht war es ein Musikclip, vielleicht auch eines von diesen Videos, in denen Pandas niesen oder Kätzchen mit Wollknäueln spielen. Heute gehört YouTube zu seinem Alltag, er verbringt viel Zeit auf der Videoplattform, drei, vier oder fünf Stunden in der Woche sind es bestimmt, sagt er. Er schaut sich dann Clips an, die er für die Uni brauchen kann, über den Aufbau von Sonaten zum Beispiel. Meistens aber eher andere Dinge: Parodien von bekannten Musikvideos, lustige Sachen, kurze Sketche. „ Videos, über die man einfach lachen kann“, sagt Thomas.

Vor zehn Jahren haben drei Entwickler im kalifornischen San Mateo die Videoplattform YouTube gegründet. Mittlerweile gehört sie zu Google, sie ist groß geworden, sehr groß sogar. Das Prinzip hat sich aber nicht geändert: Nutzer können selbst gedrehte Clips hochladen – vom Wohnzimmer direkt in die Weite des Internets, unberührt von Redaktionen oder Sendechefs.

Das kann man als Nachteil sehen, als Garant für stümperhafte Kameraschwenks, grauenhafte Dialoge und einen miserablen Ton. Man kann es aber auch als das sehen, was es mittlerweile auch ist: Eine Spielwiese für junge, unverbrauchte Menschen, die über das sprechen, was sie interessiert – seien es Schminktipps, Musik oder Videospiele. Die meisten von ihnen haben kein besonderes Talent, können nicht singen, sind keine herausragenden Sportler oder umwerfenden Schauspieler. Sie sind ganz normal, sie drehen ihre Videos über herrlich alltägliche Dinge wie Flechtfrisuren, Abschminktücher und das erste Date – und haben damit ganz nebenbei das erste Programm für Jugendliche erschaffen, bei dem kein Erwachsener Mitspracherecht hat.

Da sind zum Beispiel „Y-Titty“, die so etwas wie die ersten You-Tube-Stars in Deutschland waren. Die drei Jungs aus der fränkischen Provinz haben vor sechs Jahren begonnen, kurze Videos von Sketchen oder Musikparodien hochzuladen. Etwas mehr als ein Jahr später hat ihr Kanal die 100000-Abonnenten-Marke überschritten, heute ist die Zahl ihrer Abonnenten mit 3,1 Millionen rund 25 Mal so hoch wie die Auflage der Jugendzeitschrift Bravo.

Auch Thomas Metschl schaut sich regelmäßig die Videos der Jungs von „Y-Titty“ an. Wenn er erklären soll, was ihn an den kurzen Filmen fasziniert, muss er erst einmal überlegen. „Ich bin oft mit mir im Zwiespalt“, sagt er dann. Denn eigentlich drehten sich die Clips oft „um ganz belanglose Dinge“. Aber sie sind kurz, sie bringen ihn zum Lachen, sind ein guter Zeitvertreib. Außerdem geben sie ihm das, was ihm im TV verwehrt bleibt: einen Einblick in das Leben der Protagonisten. „Die wirken ja wie ganz normale Menschen“, sagt Thomas. „Das ist nicht wie im Fernsehen – sondern so, als wäre man gleich bei ihnen im Wohnzimmer.“

Authentizität ist ein Stichwort, das im Zusammenhang mit YouTubern immer wieder fällt. In den Videos gibt es keine Hochglanz-Kulissen, die Fans beobachten ihre Stars meist direkt durch das Auge der Webcam – wie einen Freund, den man beim Skype-Gespräch an seinem Schreibtisch sieht. Viele YouTuber haben, zumindest am Anfang, aus ihren Kinderzimmern gesendet – vor weißen Expedit-Regalen, ungemachten Betten und Filmpostern. „Es wirkt aller sehr echt“, sagt Thomas Metschl, „sehr real“. Auch wenn einige YouTuber mittlerweile fünfstellige Summen verdienen und ein Management oder PR-Agenturen haben, ist es noch immer dieses Prinzip, auf dem der Erfolg der YouTube-Stars aufbaut: Wer vor dem gleichen Ikea-Schrank wie seine Zuschauer sitzt, kann doch so anders nicht sein.

Das Versprechen, das die YouTuber ihren Fans damit geben, muss allerdings auch eingehalten werden. Und so drehen viele von ihnen nicht mehr nur Videos über sich selbst, über ihr Leben und ihre Vorlieben, sondern setzen sich ganz bewusst in den Clips auch mit den Fans auseinander. Bianca Heinicke, deren Kanal „Bibis Beauty Palace“ knapp 1,6 Millionen Abonnenten hat, ist für ihre Fans so etwas wie beste Freundin und große Schwester in einem. Regelmäßig landet der Hashtag #askbibi unter den Top-Trends auf Twitter, neben #Tatort oder #WorldCup. Ob sie mal den Satz des Pythagoras erklären könnte, fragen ihre Fans sie dann zum Beispiel, ob sie sich vorstellen könnte, mit ihrem Freund in ein anderes Land zu ziehen oder ob sie lieber einen Monat ohne Duschen oder ohne Handy auskommen würde. Bianca antwortet auf viele der Fragen, einige davon greift sie auch immer wieder in ihren Videos auf.

Dass die Liebe der Fans manchmal aber auch zu viel werden kann, haben Bianca und ihre YouTube-Kollegin Dagmara alias Dagi Bee allerdings auch schon merken müssen. Als die beiden vor rund einem Jahr über das Internet eine spontane Autogrammstunde in Köln ankündigten, kamen rund 500 Jugendliche. Die Veranstaltung geriet außer Kontrolle, mehrere Fans wurden eingequetscht, andere brachen vor Aufregung zusammen.

Solche Meldungen hört man im Zusammenhang mit den YouTubern immer wieder. Ihr Einfluss wird unterschätzt, sie selbst tun es auch. Denn der Starkult findet – bis auf wenige Ausnahmen – im Internet statt. Er ist unübersichtlich, auf mehrere Plattformen und Netzwerke verteilt, kaum greifbar, schon gar nicht für Eltern oder Lehrer. Anders als das Fernsehen mit seinen festen Sendezeiten ist YouTube völlig privat, völlig individuell. „Man schaut das zwar, aber im Freundeskreis wird kaum darüber geredet“, sagt auch Thomas Metschl. Denn, fügt er hinzu, wie soll man auch über etwas reden, das jeder zu einer unterschiedlichen Zeit ansieht?

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