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Theater in Landsberg

07.10.2013

Die im Dunkeln sieht man nicht ...

Ein Engel und eine Prostituierte: In jeden Fall Schwestern, die nach langer Zeit wieder miteinander reden: Eine der intensivsten Szenen. Es spielten Darya Hoff und Jennifer Petrenko.
Bild: Thorsten Jordan

Randgruppen der Gesellschaft? Damit befasste sich schon Brecht in seiner "Dreigroschenoper" und in dem oben genannten Song. Maximilian Huber versuchte nun eine eigene Betrachtungsweise über Menschen am Rande der Gesellschaft. Szenen, die zum Nachdenken anregen

Ein Bild von Symbolcharakter empfing Theatergänger bei der jüngsten Premiere im Landsberger Stadttheater. Zwei junge Männer, eindeutig als die beiden Autoren und Regisseure des Premierenstücks „Randerscheinungen“ zu identifizieren, empfingen die Besucher als quasi „lebendes Kunstwerk“, gegenüber dem Eingang sitzend, mit verbundenen Augen. Was sollte das bedeuten?

„Wir verschließen unsere Augen, wollen nicht alles sehen“, vielleicht? Vermutlich war das Bild aber eher ein Hinweis auf Justitia, deren Augenbinde seit dem ausgehenden Mittelalter als Symbol für die erwünschte Unparteilichkeit (nicht für Blindheit, wie man gelegentlich auch vermuten könnte) gedeutet wird. Schließlich wollten die Autoren Maximilian Huber und Julian Pietsch mit „Randerscheinungen“ auf Randgruppen der Gesellschaft eingehen und deren Behandlung beleuchten.

Ein Stück, geschrieben und in Szene gesetzt von zwei Landsbergern, die Mitwirkenden vor und hinter der Bühne ebenfalls aus Landsberg oder der näheren Umgebung – das weckte die Neugier und lockte viele Besucher ins Stadttheater. Mit dabei waren Duc Doan, Dr. Regina Kläger, Bea Ball, Vinzenz Neumair, Juanne Schluifelder, Julian Entrup-Galindo, Raphaela Kriegl, Christine Wachsmuth, Christine Polzer, Darya Hoff, Jenny Petrenko, Mirjam Walter und Alexandra Hartmann.

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Der Saal war fast ausverkauft. Einzelne Schauspieler, erkennbar an ihrer Kleidung oder der Art, sich zu bewegen, schlenderten, noch bevor sich der Vorhang hob, durch den Saal und ließen die Spannung steigen. Die Erwartungen? Wurden mit der ersten Szene mit Christine Wachsmuth als Mutter und Julian Entrup-Galindo als schwulen Sohn bereits erfüllt. Hier wurde die Thematik „gleichgeschlechtliche Liebe“, die sich wie ein roter Faden durch fast das gesamte, aus etlichen Einzelgeschichten zusammengesetzte Stück zieht, ordentlich laut, deutlich und auch ein wenig schelmisch unters Volk gebracht.

Das Publikum hatte Lust auf mehr

Und auch das im Lauf des Abends mehrmals thematisierte Verhältnis Mutter/Kind fand hier erstmals Beachtung. „Wie sag ich’s meiner Mutter und vor allem, wie reagiert sie auf mein Outing?“ Die beiden Protagonisten auf der Bühne spielten authentisch und öffneten mit ihrer Art das Interesse des Publikums. Bea Ball musste sich in einer weiteren Szene mit Maximilian Huber ebenfalls in einer Rolle als Mutter dann mit dem Thema Geschlechtsumwandlung beschäftigen und hatte hart damit zu kämpfen, dies zu akzeptieren.

In den weiteren Szenen ging es um Stigmatisierung (Alexandra Hartmann), die Behandlung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und die Unterschiedlichkeit von Geschwistern. Es wurden sanft provokative, verbale und nonverbale Diskussionen geführt und Lebensweisheiten erzählt. Nicht alle Szenen gelangen in der gleichen Intensität, wie der Abend begonnen hatte.

Alexandra Hartmann hatte (meist allein mit Teddy auf der Bühne) den schwierigsten Part – und überzeugte mit großer Textsicherheit und einer beachtlichen Leistung. Ganz neu war, so Maxi Huber, die Szene mit der Prostituierten in die Planung aufgenommen worden – Darya Hoff und Jennifer Petrenko spielten allerdings dermaßen gut, dass das nicht auffiel. Einer der kleinen Höhepunkte dieser Inszenierung. Alle Sequenzen sollten Träume sein, gedeutet von einer Ärztin (Kläger), die zwischen den einzelnen Bildern das Publikum in Kenntnis setzte. Aber mit Textmappe in der Hand? Das kam nicht so ganz gut rüber. Ein Regieeinfall, der nicht überzeugte, denn Kläger aber mit Bühnenpräsenz wieder etwas  ausglich. Regisseur hatte den Text für die Zwischenmoderation erst kurz vor der Aufführung geschrieben – deshalb konnte die Akteurin ihn nicht mehr lernen. In ihrer eigentlichen Rolle als Ärztin (hier frei sprechend) zeigte sie dann wesentlich mehr Spontanität und Textsicherheit.

Nicht ganz schlüssig war, wen die aufklärerische Schlussszene ansprechen sollte, denn Informationen über HIV und Erklärungen zur richtigen Verwendung von Kondomen locken heute doch kaum mehr jemand hinter dem Ofen vor. Doch die Szene führte uns auch deutlich vor Augen, dass was für viele aufgeklärte Menschen selbstverständlich ist, durchaus nicht für jeden gelten muss. Und: welche Macht Vorurteile und eingelernte Gedankenmuster immer noch haben.

Termine „Randerscheinungen“ weitere Vorstellungen am Donnerstag 10. und Freitag 11. Oktober jeweils um 20 Uhr im Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg, Lechstraße 6.

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