1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Ein Bauernhof-Bilderbuch und die Realität

Hofstetten

14.08.2019

Ein Bauernhof-Bilderbuch und die Realität

Politik trifft Landwirtschaft beim Bauern Schuster in Hofstetten (von links): Michael und Andreas Schuster, Johann Drexl, Gabriele Triebel, Bernhard Drexl und (vorne) Johannes und Ludwig Schuster.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Grüne) trifft vier Landwirte in Hofstetten. Was sie zum Tierwohl sagen und wo sie Möglichkeiten und Grenzen sehen.

Vor der Landtagswahl im Herbst 2018 hatten sich die Kandidaten auf dem Bauernhof der Schusters in Hofstetten getroffen. Als Abgeordnete kommt Gabriele Triebel von den Grünen nun nach nicht ganz einem Jahr wieder, um von den Landwirten von ihrer aktuellen Situation zu erfahren – angesichts der Glyphosat-Diskussion, Volksbegehren zum Artenschutz, der Tierwohl-Thematik und des Klimaschutzberichts der Vereinten Nationen gibt es viele Themenfelder, die am Küchentisch der Schusters angesprochen werden.

Wer hat die Sachkunde für Pflanzenschutzmittel

In einer Sache sind sich alle Landwirte einig, seien sie nun vom Bauernverband wie Kreisobmann Johann Drexl und sein Stellvertreter Bernhard Drexl oder vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter wie Andreas Schuster sowie sein Sohn Michael: Sie fühlen sich als Bauern gesellschaftlich an den Pranger gestellt. Sie vermissen, dass andere Bürger nach dem gleichen Maß gemessen werden. Warum dürfe beispielsweise ein Gartenbesitzer Pflanzenschutzmittel und Düngemittel ausbringen ohne Sachkundenachweis?

Ein romantisch verzerrtes Bild der Landwirtschaft

Gabriele Triebel spricht an, dass in der Öffentlichkeit ein romantisch verzerrtes Bild von der Landwirtschaft gezeichnet wird. Sie zeigt ein Puzzle ihrer Enkelin, auf dem allerlei Tiere vom Pferd bis zum Schwein auf einer Weide stehen. „Das hat mit der Realität nichts zu tun.“ Ihr ist wichtig, dass beispielsweise über die Schule ein realistisches Wissen von der Landwirtschaft vermittelt wird.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Die Bauernhöfe seien gewachsen, weil die Politik und die Marktsituation dies gefordert hätten, sagt Michael Schuster. Der Landwirt sei Unternehmer. Schuster macht aber auch deutlich, dass er nur verdienen kann, wenn es seinen Tieren gut geht. Er sieht Bio- und konventionelle Landwirtschaft beim Tierwohl nicht weit auseinander. Hier ist Biobauer Johann Drexl nicht ganz d’accord: „Bei der Bio-Sau ist ein Auslauf vorgeschrieben“, verdeutlicht er als ein Beispiel.

Kühe auf der Weide - eine Illusion?

Kühe auf die Weide treiben, das lässt sich bei den heutigen Herdengrößen – die Schusters haben 100 Milchkühe plus Nachzucht – kaum mehr verwirklichen, sind sich die Landwirte einig. Die Weiden rund um die meisten Bauernhöfe reichen dafür nicht aus, und 100 Kühe könne man nicht einfach durchs Dorf treiben.

Michael Schuster verteidigt auch das Enthornen von Milchkühen, angesichts der Verletzungsgefahr durch deren Hörner. „Für mich geht da Menschenwohl vor Tierwohl.“ Schuster mag aber das Enthornen nicht, er setzt auf genetisch hornlose Tiere. „Wir sind Nutztierhalter“, sagt Schuster, irgendwann scheide die Kuh aus, das heißt, sie werde geschlachtet. Und die männlichen Kälber werden verkauft.

Eine stark spezialisierte Landwirtschaft

Dass vor allem bei milchbetonten Rassen wie den Schwarzbunten das Kalb für die Mast keinen Wert mehr hat, stört auch die anwesenden Bauern, sie sehen aber keine Lösung: Die Landwirtschaft sei stark spezialisiert, erläutern sie, dass der eine Betrieb Milch erzeuge, der nächste die Kälber als sogenannte Fresser übernehme und aufziehe, bis sie im nächsten Betrieb dann wieder gemästet werden. Die Schusters haben Fleckvieh, das auch als Mastvieh geeignet ist.

Die Milchbauern Schuster und Drexl äußern sich auch zu dem Tierquälerskandal in Bad Grönenbach und differenzieren: Eine Kuh von 700 bis 1000 Kilogramm Gewicht, die nicht mehr aufstehe, lasse sich nicht mit der Hand bewegen. „Ich mag die Beckenzange nicht“, sagt Michael Schuster über ein Werkzeug, um ein Rind nach oben zu ziehen und mit dem Traktor transportieren zu können. Er verwende Bauchgurte, um ein krankes Tier in die Luft heben zu können. Man versuche, die Kuh wieder zum Laufen zu bringen, denn wenn das Tier krank sei und getötet werden müsse, bedeute das für den Bauern einen Schaden.

Oft sind es auch die gesetzlichen Vorgaben, die den Landwirten Probleme bereiten. Die vier Bauern verweisen auf die Düngemittelverordnung, die immer komplizierter werde und Ausgaben in neue Technik nach sich ziehe. Die Bauern sehen ihre Interessen auch geopfert im Handelsstreit mit den USA, die mehr Rindfleisch einführen dürfen. Und beim argentinischen Rindfleisch kümmere sich der Verbraucher offensichtlich wenig darum, wie es erzeugt werde – die Tiere würden mit Wachstumshormonen behandelt und mit Gensoja gefüttert, dessen Produktion wiederum dazu führe, dass der Regenwald abgeholzt werde.

Was können die Landwirte selbst auf ihren Betrieben tun? Im Ackerbau bei manchen Kulturen auch wieder mechanisch Unkraut bekämpfen und so Herbizide einzusparen sei möglich, sind sich alle einig. Ansonsten sehen sie sich von der Politik und Marktentwicklung abhängig und verweisen darauf, dass der Verbraucher sich auf teurere Lebensmittel einstellen müsse, sollten seitens der Politik mehr Vorgaben gemacht werden. Gabriele Triebel rät den Landwirten dazu, mehr Forderungen zu stellen: „Ihr müsst mehr Selbstbewusstsein haben und den Takt angeben.“

Mehr zum Thema finden Sie hier: Grünen-Politiker Ludwig Hartmann stellt sich Kritik der Landwirte

Können Landkreis und Gemeinden mehr Bio?

Der Kommentar zum Thema: Mehr Wertschätzung für die Arbeit der Landwirte

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren