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Eresing

07.03.2017

Ein Kulturgut mit vier Farben

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4 Bilder
Da liegt zwar der "Alte" in der Hand, aber zum Spielen langt es eigentlich nicht.
Bild: Gerald Modlinger

In Eresing gibt es einen Verein, dessen Zweck das gepflegte Schafkopfspiel ist. Nur das Finanzamt spielt dabei (noch) nicht mit

Wenn an manchen Montagen und Donnerstagen noch spätnachts im Brotzeitraum der Firma Loy in Eresing Licht brennt, lässt das nicht auf einen verspäteten Feierabend für die Mitarbeiter schließen: An solchen Tagen trifft sich hier der jüngste Verein im Dorf: Der Schafkopfverein „Gut Blatt“: Am Samstag, 11. März, leistet er auch seinen Beitrag zum Eresinger Jubiläumsjahr und veranstaltet ab 19 Uhr im Gasthaus Wiedmann (Holly-Wirt) ein Schafkopfturnier.

Das Spiel mit den Karten mit Eichel, Laub, Herz und Schellen war früher eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, der man gerne im Wirtshaus nachging. Doch die Wirtshäuser werden immer weniger und auch die Kartenspieler verschwinden mehr und mehr aus den noch verbliebenen Wirtschaften. Doch in Eresing kehrt sich dieser Trend gerade um: „Wir haben 47 Mitglieder und alle sind aktiv“, erzählt Joachim Loy, der Vorsitzende des Vereins „Gut Blatt“, der sich im Dezember 2015 gegründet hat. Und das Bemerkenswerte dabei ist, dass sich hier eine neue Generation von Schafkopfspielern zusammengetan hat. Die meisten Mitglieder sind unter 30 Jahre alt. Die Älteren sind in der Minderheit.

Ein Vereinstreffen im Brotzeitraum der Firma Loy ist ein Abend der gepflegten Unterhaltung. An den vier oder fünf Spieltischen ist für eine gut sortierte Getränkeauswahl gesorgt. Die Tarife sind moderat, beim Rufspiel (ein Spieler ruft über eine Ass seinen Partner) geht es zehn Cent, beim Solo (einer gegen drei) um 50 Cent. Allerdings: Am Tisch eins mit den zwei Alt-Schafkopfern Johann Drexl und Fritz Geyer sowie Tobias Gerling und Vereinschef Joachim Loy schmelzen die zehn Euro Kleingeld, die ich mir als seltenen Gelegenheitsspieler zurechtgelegt habe, schnell zusammen.

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Rufspiele sind hier offenbar nicht so angesagt, es gibt fast nur Solos und auch die Wenz-Spiele kosten. „Schell sticht“, sagt Johann Drexl an und seine drei Gegenspieler schrammen mit 31 Augen gerade noch so am Schneider vorbei, und gegen den Wenz mit vier Untern, den Fritz Geyer spielt, haben die übrigen drei auch nicht den Hauch einer Chance. Dann aber kommt die Wende: Drei laufende Ober, drei Schellen und zwei Herzen liegen in der Hand, wenn nicht jetzt, wann dann? Also wieder Schell sticht. Die Trümpfe der anderen fallen zwar wie erwartet, aber am Ende komme ich gerade so über die 61 Augen, die für den Spielgewinn notwendig sind, und kann damit 80 Cent von jedem Gegenspieler einkassieren, am Ende des Spielabends liegt der Verlust etwa im Gegenwert einer Breze. Fast wäre das Spiel schiefgegangen. Ich hatte mir keinen Trumpf zurückbehalten und am Ende nur noch die beiden Herzen. Das wäre beinahe ein teurer Fehler geworden, wird in der Nachbesprechung erörtert. Über den Spielverlauf noch einmal zu reden, gehört bei Gut Blatt auch immer dazu, aber ohne dass es in ein Nachtarocken ausartet, wie in der Runde betont wird. Also geschimpft kriegt keiner, wenn er einen Fehler macht.

Seine Lektionen lernt man bei Gut Blatt auch so: Dafür sorgt das Geld, das hier über die Tische geht. Die Einsätze sind zwar nicht hoch, sodass auch ein schlecht verlaufender Schafkopfabend ein vergleichsweise billiges Vergnügen ist, aber man bekommt halt doch anhand der vor einem liegenden Münzen ein Gefühl, ob man öfter gewinnt oder verliert, sagen Johann Drexl und Fritz Geyer. Sie sind zusammen mit Bürgermeister Josef Loy an diesem Abend die wenigen älteren Schafkopfer. Der neue Verein gefällt ihnen, denn auch ihnen ist in den vergangenen Jahrzehnten aufgefallen, dass dem Kartenspiel zunehmend der Nachwuchs ausgeht. Tatsächlich weist auch die Vereinsstruktur von Gut Blatt eine Lücke zwischen den 30- und 60-Jährigen auf. „Da fehlt eine ganze Generation“, sagt Johann Drexl.

Seit einem guten Jahr ist aber die Trendwende geschafft – zumindest in Eresing und zumindest beim Schafkopfen. Es gäbe ja noch viele andere alte Spiele wie Watten, Ramsen, Grasobern oder Tarock, bei „Gut Blatt“ will man sich aber erst einmal auf das wohl nach wie vor bekannteste bayerische Kartenspiel konzentrieren. Allerdings: Vom Wert der Vereinsarbeit für das bayerische Kulturgut ist man im Finanzamt bislang noch nicht so recht überzeugt. Dass dem Verein dort die Gemeinnützigkeit bislang nicht zuerkannt wurde, hat die Vereinsgründer enttäuscht.

Vielleicht sollten sich die Finanzbeamten mal selbst ein Bild vom Vereinsleben machen. Das würde auch nicht viel Dienstzeit beanspruchen: Der Verein bietet auch Kompaktkurse an, um das Schafkopfen zu erlernen. Vertiefen kann man das Gelernte dann bei den regelmäßig stattfindenden Vereinsabenden, die Anfänger und Profis in gemütlicher Runde zusammenbringen sollen. Und nicht nur das: Über Wenz und Solo, Spatzen und Schmiere, kurzen Weg und lange Farbe soll auch der Austausch der Generationen belebt und vertieft werden. Da kann es dann schon mal etwas länger werden. Beim Kartenspiel vergeht die Zeit schnell, und bis man schaut, schlägt es Mitternacht.

Im Internet

www.spein.de

Hier finden sich auch die Spieltermine immer jeden ersten Donnerstag und jeden dritten Montag im Monat und die Regularien für das Schafkopfturnier am 11. März.

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