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Lesung

21.11.2017

Ein ganz normaler Mensch

Alexander Netschajew liest aus dem Buch „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ im Rathaussaal.
Bild: Julian Leitenstorfer

Alexander Netschajew liest aus Lewinskys Roman

In der Nacht vom 9. auf den 10. November des Jahres 1938 kam es deutschlandweit zu verheerenden Übergriffen gegen Juden, ihre Wohnungen, Geschäfte, Gemeindehäuser und Synagogen. Die vom nationalsozialistischen Regime organisierten Gewaltmaßnahmen sind als Reichspogromnacht in die Geschichte eingegangen. Diese Novemberpogrome markierten bekanntermaßen den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden zur systematischen Verfolgung, die kurze Zeit später im Ho-locaust mündete.

Die seit 1983 bestehende „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“ veranstaltet bereits zum zweiten Mal im November eine Kulturwoche mit ausgewählten Gedenk-Veranstaltungen (das LT berichtete). „Kultur wider das Vergessen“ nennt sich die Woche, die am Samstag mit dem deutsch-jüdisch-russischen Kabarett von Alexej Boris zu Ende gehen wird. Dabei las der Intendant, Theaterregisseur, Dramaturg und Schauspieler Alexander Netschajew (dem Landsberger Theaterpublikum bestens bekannt durch die kurzzeitige Leitung des Stadttheaters 2008) aus dem Buch des Schweizer Schriftstellers und Drehbuchautors Charles Lewinsky: „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ aus dem Jahr 2005. Der Titel des Buches ist programmatisch, denn so die Frage, die das ganze Buch durchzieht: Kann es das nach all dem Grauen in Deutschland überhaupt noch geben, einen ganz normalen Juden?

Zum Inhalt: Einem Hamburger Juden, 1959 als Kind von Holocaustüberlebenden geboren, wird von seiner Gemeinde ein Brief übergeben, mit den Worten, mach du das, du bist doch Journalist, du kannst das. In dem Brief die überaus höflich und vorsichtig formulierte Bitte eines Gymnasiallehrers, jemanden zu schicken, der seinen Schülern Rede und Antwort stehen könne. Im darauf folgenden Monolog, als inneren Ansprechpartner den Lehrer fest im Blick, deklamiert der Ich-Erzähler aus unterschiedlichen Perspektiven, mit vielfältigen Argumenten, warum er genau das nicht könne und dass es das eben nie mehr geben kann, einen ganz normalen Juden in Deutschland. Netschajew liest, nein spielt, den jüdischen Kulturjournalisten Emanuel Goldfarb mit aller Inbrunst, mit allen (Ver-)Zweifeln, aller Wut und Empörung, allem Witz, die diesem brillanten Text innewohnen.

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Goldfarb wehrt sich gegen beschönigende Formulierungen („Jude heißt das!“), lästert gegen das Vorführen als Untersuchungsobjekt („wie im Zoo“), ist überempfindlich gegen die permanenten Solidaritätsbekundungen („die dünne Haut kommt von der Behandlung mit Samthandschuhen“), ist verbittert ob der Last der Geschichte („eigentlich wären wir eine große Familie“), verabscheut das deutsche Betroffenheitsgesicht und die Moralkeule, hat sich von seiner Religion losgesagt („man bleibt immer ein getaufter Jude“), ihr wieder zugewendet, als er einen eigenen Sohn bekam, hasst die ständigen Fragen zur Politik des Staates Israel („als sei Israel meine wahre Heimat“), wettert gegen Weltverbessermusikanten und sitzt letztendlich – und damit endet das Buch – dann doch vor der Schulklasse mit den Worten: Also gut.

Wie Lewinsky/Goldfarb/Netschajew nach und nach alle Aspekte der deutsch-jüdischen Identität aufrollen ist großartig.

Mit viel Witz, scharfer Analyse, jeder Menge Selbstzweifel und Ironie hinterlässt der Abend nachdenkliche deutsche Zuhörer.

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