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Buchbesprechung

31.03.2012

Ganz schön ausgeflippt

Katja Huber.
Bild: Andreas Frey

Coney Island“ von Katja Huber

Bei „Coney Island“ fällt gleich auf: Katja Huber hat den Verlag gewechselt. Statt vom Münchner Kirchheim Verlag hält man nun schwer gebundene und gestochen bedruckte Seiten des Zürcher Verlagshauses „secession“ in der Hand. Doch trotz des gewichtigen Auftritts entpuppen sich sowohl die Form als auch der Inhalt als ganz schön ausgeflippt.

Das fängt schon mit dem Buch an. Das sticht, gleich nach dem Aufklappen, im Innendeckel mit Neonpink ins Auge. Der Text ist ebenso unkonventionell, nämlich beeinflusst vom Stil eines Poetry Slams mit dessen raschen Sprüngen und dessen teils slangverhafteten Ausdrücken.

Fürwahr, mit den Erzählsituationen jongliert Katja Huber – geboren 1971 in Weilheim und aufgewachsen in Dießen – fast schwindelerregend. Die multiperspektivischen Sequenzen auf den ersten Buchseiten machen den Einstieg nicht eben leicht. Neben mehreren Nebensträngen führt die Autorin drei Hauptpersonen ein: den kurz vor der Rente stehenden Professor Steinberg, den mit der Midlife Crisis hadernden David und, als Jüngste im Trio, Steinbergs Sekretärin Eileen. Allen Dreien ist in der Erzählzeit, einer Woche im New York des Jahres 2007, etwas gemeinsam: Sie fühlen sich ziellos im Leben und lassen sich daher auf spontane Entscheidungen ein, die sie sonst nicht getroffen hätten.

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Das Buch gewinnt an Fahrt, als sich Eileen erst zur Sexbombe mausert und dann zur Detektivin mutiert. Schließlich ist Professor Steinberg schon zu lange nicht mehr in seinem Büro aufgetaucht…

Eine leicht morbide Atmosphäre

Katja Huber gibt sich redlich Mühe, die Atmosphäre eines „randständigen“ New Yorks zu entwickeln, denn Ränder sind gleich mehrfach im Blick. Einmal geografisch, denn das titelgebende Coney Island ist, als New Yorker Gegenpart zum Wiener Prater, der Ort der meisten Handlungen. Genauso wie dieses Vergnügungsviertel schon bessere Zeiten gesehen hat, geben auch die verarmten Juden und die eingewanderten Russen eine leicht morbide Atmosphäre ab.

Freilich werden eingestreute original-russische Satzfetzen – Katja Huber studierte in Wolgograd – und einige jüdische Kulturzitate nur in der ersten Hälfte des Buches häufiger benutzt, sodass man das Gefühl bekommt, hier hätte die Autorin mehr mit künstlichem Schmuck geblinkert als wirklich zur Vertiefung der Figuren beigetragen. Ähnlich kurz kommt die New Yorker Halbinsel Coney Island selbst, auf die man für einen echten Roman durchaus konsequenter hätte eingehen können.

Auch die leichte Geste, mit der sich die Irrungen und Wirrungen zuletzt auflösen, erinnert stilistisch ein bisschen an eine Kurzgeschichte. Was dann aber wiederum eine Stärke ist – denn trotz des unterschwellig spürbaren Hauptthemas vom „Altern“ legt man das Buch mit einem Lächeln aus der Hand. „Coney Island“, Katja Huber, im Zürcher Secession-Verlag für Literatur erschienen.

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