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Experiment

20.02.2018

Hörspiel ohne Worte

Carlos Cipa (Klavier), Martin Brugger (Musikmaschine Occupanther) und Schlagzeuger Simon Popp.
Bild: Thorsten Jordan

Klavier und Schlagzeug. Wie Carlos Cipa, Martin Brugger und Simon Popp die Besucher in ihren Bann zogen

Die erste kompromisslose Reduktion im Pop ist dem Punk geschuldet. Nicht unbedingt was seine Intensität betrifft. Aber seine musikalische Komplexheit und auch seine Virtuosität sind hörbar eingeschränkt. Bewusst, versteht sich! Und damit stilbildend. Die Bands wollten einfach klingen, nach all dem Bombast zuvor sollte es innerhalb eines Songs archaisch und überschaubar zugehen.

Das musikalische Handwerk war zweitrangig. Und der nonkonforme Regelbruch gehörte sowieso zum Programm.

Einige Jahrzehnte später entstand eine ähnliche Bewegung. Und entsprechend den Interpreten, die in diesem Fall allemal Meister ihres Instruments waren und sind, hört sich das Ergebnis völlig anders an. Trotzdem gehören aber Reduktion und Regelbruch auch in der Neo-Klassik zu den herausragenden Merkmalen. Es wundert (theoretisch) also nicht, dass sich Pianisten wie Hauschka, Francesco Tristano, Max Richter oder eben Carlos Cipa in der Frühzeit ihrer Karrieren stark mit Punk und Techno (ebenfalls ein Ergebnis aus Reduktion und Regelbruch) beschäftigten. Musikalisch ist heute davon natürlich nichts mehr zu spüren. So auch gestern Abend nicht, als Carlos Cipa und sein Duopartner Martin Brugger alias Occupanther plus Schlagzeuger Simon Popp das Landsberger Stadttheater und sein Publikum mit ihren mäandernden Klängen verzauberten. Dabei erweiterte das Trio den an sich schon weit gefassten Begriff der Neo-Klassik noch um einige Nuancen. Melancholisch schön, zwischen Klassik und Pop, klingt anders.

Hier fanden sich klare Bezüge zur elektronischen Musik im Konzept, Soundscapes in bester Soundtrack-Manier eroberten den Raum und Simon Popp unterlegte einen Teil des Sets mit fiebrigen Grooves, die der Musik eine völlig neue, fast experimentelle Richtung gaben. Das Zusammenspiel erinnerte in manchen Momenten an ein Klanglaboratorium, eine Sound-Schmiede auf der Suche nach neuen musikalischen Möglichkeiten.

Ob das Trio fündig geworden ist? Allemal. Auch wenn manches vielleicht nicht ganz so leicht ins Ohr ging, ja regelrecht ein wenig sperrig klang. Aber das hat jeder Art von Musik schon immer gutgetan. Zu rütteln an dem Bestehenden, das Bewahrende aufzubrechen, sich selbst auszuprobieren. Und das im öffentlichen Raum. Das Publikum ist immer auch ein Teil dieses kreativen Prozesses, kann daran teilhaben und sich positionieren.

So durchwehte nicht nur ein Hauch von Romantik die alten Gemäuer an der Schlossgasse. Sondern eher der Mut, andere, wenig berührte Wege zu gehen. Die klangen manchmal wie ein Hörspiel ohne Worte, ein Soundtrack ohne Bilder. Aber: Jede Musik entfesselt Bilder. Nicht nur beim Synästhetiker. Von verlassenen, kargen Landschaften bis zur urbanen Betriebsamkeit, vom scharf geschnittenen Schwarz-Weiß bis zu kunterbunten Illusionen, von der berauschenden Unendlichkeit kosmischer Dimensionen bis hin zum Zauber des Mikrokosmos. Vielleicht ja auch völlig entgegen dem, was die Grundidee für Carlos Cipa war. Bei ihm hat man das Gefühl, er würde den Flügel neu erfinden. Er brilliert nicht am Möbel, er sucht die Töne, die passenden Töne. Und was weit wichtiger ist: Er findet sie. Auch mithilfe von elektronischen Hilfsmitteln. Occupanther schafft flächige Sounds, schichtet elektronische Akkorde, verändert Höhen und Tiefen, verändert die Balance. Im Grunde ist das nicht viel – aber in seiner Wirkung enorm. Und das Publikum? Es hat sich positioniert und wollte am Ende die Musiker nicht wieder von der Bühne lassen.

Im Internet

www.kultkomplott.de

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