Newsticker

Börsengang des Tübinger Biotechunternehmens CureVac erwartet
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Jeder Vierte im Landkreis Landsberg ist in Kurzarbeit

Landsberg

22.06.2020

Jeder Vierte im Landkreis Landsberg ist in Kurzarbeit

Auch Bianca Schmidtner ist von Kurzarbeit aufgrund der Corona-Pandemie betroffen. Sie und ihr Sohn Lukas versuchen, die Situation so gut es geht zu meistern.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Für Bianca Schmidtner ist die Nachricht ein Schock, dann macht sich eine Prioritätenliste. Die Arbeitsagentur spricht von Zahlen nie gekannten Ausmaßes. Die meisten Betroffenen sind im verarbeitenden Gewerbe tätig.

Es war ein Schock für Bianca Schmidtner, als sie im März erfahren hat, dass sie in Kurzarbeit muss. Die Assistentin der Geschäftsleitung bei der Textilfirma Veit in Landsberg ist alleinerziehende Mutter eines elfjährigen Sohnes. „Meine Sorge war, wie schaffen wir das?“ Bianca Schmidtner ist eine von vielen Arbeitnehmern im Landkreis Landsberg, die die Corona-Krise hart getroffen hat. Aktuelle Zahlen der Agentur für Arbeit Weilheim zeigen die Dimension des Themas.

Keine Angst vor dem Kind zeigen

Demnach haben im Landkreis im März und April 1020 Betriebe mit 9867 Arbeitnehmern Kurzarbeit angezeigt. Das ist fast jeder vierte sozialversicherungspflichtige Job. Darunter ist Bianca Schmidtner – sie arbeitet seit 2015 bei Veit – und sie musste die Nachricht erst einmal verdauen. „Man darf seine Angst auch nicht vor dem Kind zeigen“, erinnert sich die 44-Jährige an diesen Moment. Sie arbeitet 30 Stunden die Woche und musste die Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren. Anfangs hatte sie viele Fragen: Was muss sie bei der Agentur einreichen und wann würden diese Anträge bearbeitet? Ihre Chefs konnten sie beruhigen, darum kümmert sich ja die Firma. „Damit war der erste Druck schon mal weg.“

Man muss auf vieles verzichten

Was das finanziell für sie bedeutet, wurde Ende April mit der Gehaltsabrechnung klar. „Dann wusste ich, womit ich rechnen kann.“ Und Bianca Schmidtner hat sich eine Liste gemacht – mit allen Dingen, worauf man verzichten kann. „Ganz oben stand der Urlaub“, sagt sie ohne Bedauern. Eigentlich wollte sie mit Sohn Lukas an den Gardasee. „Stattdessen haben wir in Bayern Urlaub gemacht.“ Gleich unter dem Urlaub standen Friseur und Kosmetik: „Das sind Zuckerl, die man sich gönnt,die müssen aber nicht sein.“ Und nachdem auch die Kleiderschränke „ausgemistet“ worden waren, stand fest: „Ich gehe jetzt eben nicht shoppen, aber mein Sohn braucht Kleidung, weil er so schnell wächst.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Doch es gibt auch gute Momente

Doch Schmidtner kann der Situation auch Gutes abgewinnen: „Es erdet einen“, sagt sie. Und es sei eine schöne Erfahrung, welche Solidarität in der Firma herrsche: „Lieber gehen jetzt alle in Kurzarbeit, als dass einem gekündigt werden muss.“ Auch die zusätzliche Zeit mit ihrem Sohn beim Homeschooling sieht sie positiv. Inzwischen gibt es keine speziellen Wünsche mehr, auf die sie sich nach dieser Zeit freut. „Wichtig ist nur, dass wir alle gesund bleiben, dass die Firma diese Zeit übersteht und dass die Kurzarbeit dazu beigetragen hat, dass bei der Weihnachtsfeier, die ich organisiere, alle Kollegen mit dabei sind.“ Aktuell sind bei Veit fast alle der knapp 200 Beschäftigten in Kurzarbeit. Vorerst bis Ende September, aber man müsse abwarten, wie sich die Situation entwickle, teilte das Unternehmen mit.

Es wird noch einige Zeit dauern bis zum Ende der Krise

Auch anderswo sind Beschäftigte in Kurzarbeit. Beim Großküchenausrüster Rational ging es im April mit dem Vertrieb los. Anfang Mai folgten die Kollegen in der Komponentenfertigung und seit Beginn dieses Monats gilt das auch für die Montage, informiert Pressesprecher Stefan Arnold. Das Unternehmen hat rund 1200 Mitarbeiter. Die Betroffenen haben zwischen 30 und 40 Prozent weniger Arbeitszeit. Im März brach das Auftragsvolumen laut Arnold um 30 Prozent ein, im April sogar um 60 Prozent. Das Unternehmen beantragt die Kurzarbeit jeden Monat neu. Arnold glaubt, dass ein langer Atem notwendig sei, bis die Krise vorbei ist. „Wir gehen davon aus, dass es sechs bis acht Monate dauern wird, bis sich die Lage normalisiert und wir annähernd wieder so ausgelastet sind wie vorher.“

Bei Hilti sind seit 1. Mai 600 Beschäftigte betroffen, informiert Claudia Wallner, Leiterin der Unternehmenskommunikation. „Der Umfang der Kurzarbeit wird individuell pro Bereich und Mitarbeitenden festgelegt. Der Arbeitsausfall betrug über das gesamte Werk im Monat Mai rund 15 Prozent.“ Angemeldet hat Hilti Kurzarbeit bis Ende August. Kathrin Grabmaier, Pressesprecherin der Arbeitsagentur Weilheim, spricht von „Zahlen nie gekannten Ausmaßes“. Nahezu alle Branchen seien betroffen. Das letzte Mal, dass Kurzarbeit in größerem Umfang genutzt wurde, war während der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09. Damals waren im Vergleich zu jetzt ein Drittel weniger Arbeitnehmer betroffen. In der Statistik der Agentur sind auch Wirtschaftszweige mit hohen Fallzahlen vertreten, die man so wohl nicht erwartet hätte. Dazu gehört das Gesundheitswesen. Viele Fachärzte gingen in den Notbetrieb. Dass Zahnärzte nur eingeschränkt arbeiteten, wirke sich auch auf die Dentallabore aus und auch Mitarbeiter, die in Fitnessstudios RehaKurse abhalten, fallen in diesen Bereich.

Der Kommentar zum Thema: Auswirkungen überall sichtbar

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren