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Fuchstal

31.03.2016

Mobbing statt guter Taten?

Symbolfoto
Bild: Ralf Lienert

Beim Pfadfinder-Stamm Fuchstal hatten zuletzt vor allem Juristen zu tun. Ein Neuanfang soll her – auf getrennten Wegen.

Was ist los bei den Pfadfindern im Fuchstal? Statt von guten Taten war zuletzt von Mobbing und und staatsanwaltlichen Ermittlungen zu hören. Ein Teil der Mitglieder hat derweil den Stamm verlassen und sucht jetzt eine neue Pfadfinder-Heimat, möglicherweise beim Stamm Landsberg.

„Echt übel“ seien die Auseinandersetzungen zuletzt gewesen, lässt Moritz Hartmann vom Kreisjugendring anklingen, vor allem deshalb, weil der Streit vor den Kindern des Stamms ausgetragen worden sei. Worum es dabei geht und wodurch er ausgelöst wurde, das ist auch nach Gesprächen mit den Beteiligten schwer auszumachen. Auch Hartmann hält sich mit Bewertungen zurück, nur eines sagt er deutlich: „Es ist wahnsinnig schade, dass es so eskalieren musste, darunter leiden die Kinder und es ist sehr viel Energie verloren gegangen.“

Der VCP-Stamm Lechrain (VCP ist die Abkürzung für den Verband christlicher Pfadfinder) besteht schon seit 1954, einen neuen Aufschwung nahm der Stamm seit 2005. Damals wurde Tyll-Patrick Albrecht aus Denklingen zum Stammesführer gewählt. Zuletzt war mit Jonathan Englmeier die nächste Generation an die Spitze des Stamms gerückt. Irgendwann aber scheint, so lässt aus den Darstellungen beider Seiten erkennen, die Freundschaft zwischen den Albrechts und Englmeier und dessen Umfeld zerbrochen zu sein. Stephan-Maximilian Albrecht, der Sohn von Tyll-Patrick Albrecht, fühlte sich gemobbt: Es sei versucht worden, ihm die Teilnahme an einem Bundeslager zu verweigern, erzählt er. Auch eine Gruppe leiten zu dürfen, war für den jungen Albrecht mit einigen Mühen verbunden: Die Stammesleitung war im Frühjahr 2015 damit erst einverstanden, nachdem er sich bereit erklärt hatte, sich an zehn von der Stammesführung erteilte Regeln zu halten. Dazu, sagt der zurückgetretene Stammesführer Jonathan Englmeier, habe man sich unter anderem deshalb veranlasst gesehen, weil Albrecht, damals 15 Jahre alt, überhaupt noch nicht die notwendige Ausbildung zum Gruppenleiter gehabt habe.

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Dessen pädagogische Fähigkeiten will Englmeier nicht in Zweifel ziehen: „Mit den Kindern umgehen kann der Bub“, sagte er dem LT, „aber ich hatte persönlich den Eindruck, dass er sich nur dann an Regeln hält, wenn es zu seinem Vorteil ist.“ Bald begann es dann auch zu knirschen: Bei einem Wichtel-Wölflings-Treffen in den Herbstferien in Mühldorf gerieten Englmeier und Albrecht aneinander. Englmeier wollte mit Albrecht sprechen, um dies abseits der Kinder zu tun, wurde offenbar auch etwas körperliche Kraft eingesetzt: Während das Englmeier-Lager davon spricht, Albrecht sei lediglich die Hand auf die Schulter gelegt worden, berichtet Albrecht, er sei so sehr gepackt worden, dass ihm der Arm sehr weh getan habe.

Bald darauf, bei einem Übernachtungswochenende der Pfadfinder in ihrem Gruppenraum in Leeder, klingelte Englmeiers Telefon. Die Polizei in Landsberg war dran. Es sei gegen ihn Anzeige wegen Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung erstattet worden, wurde ihm gesagt. Die Beschuldigungen blieben ohne rechtliche Folgen: Die Staatsanwaltschaft habe das Ermittlungsverfahren eingestellt, verweist Englmeier auf ein vor zwei Wochen bei ihm eingegangenes Schreiben der Justiz.

Im Winter wurde Albrecht die Gruppenleitung entzogen. Begründung: Er habe wiederholt gegen diese Regeln verstoßen, erzählt Englmeier. So habe Albrecht gegen den Stamm und seine Vertreter agiert, seine Eltern nicht aus der Gruppenarbeit herausgehalten, durch eine Fahrt ins Legoland dem Stamm enorme finanzielle Risiken aufgebürdet und seine Wölflinge von Stammesaktionen ferngehalten, geht es aus einer E-Mail hervor.

Sein Versuch, Albrecht aus dem Stamm oder dem VCP auszuschließen, blieb ohne Erfolg: Es habe einfach Aussage gegen Aussage gestanden. Im Gegenzug gingen Vater und Sohn Albrecht gegen den Entzug der Gruppenleitung mithilfe eines Rechtsanwalts vor. Englmeier wurde er im Februar aufgefordert, zu versichern, der Entzug der Gruppenleitung sei nicht rechtswirksam. Der Rechtsanwalt sprach von „Mobbing“ und den Versuch, Stephan-Maximilian „völlig mundtot zu machen und sämtlicher Rechte zu berauben“.

Vor Kurzem nun trat Englmeier mit den bisherigen Mitgliedern der Stammesführung und weiteren Personen aus dem Stamm Lechrain aus. 29 Pfadfinder im Alter von sieben bis 48 Jahren sind es der Darstellung der Englmeier-Seite zufolge. Im Stamm seien nur noch die fünfköpfige Familie Albrecht und zwei ihrer Sipplinge verblieben. Er habe den Stamm verlassen, weil er als Student keine Lust darauf habe, sich ständig mit „Anwaltsgeschichten“ herumschlagen zu müssen, sagt der 26-jährige Englmeier.

Allerdings: Mit ihrem Austritt vom Stamm Lechrain stehen Englmeier und seine Unterstützer mit ziemlich leeren Händen da: Sämtliches Material (beispielsweise Zelte und Gerätschaften) blieben dort zurück. Auch den Gruppenraum in Leeder können die Ausgetretenen nicht mehr benutzen. Sie haben sich zuletzt „demonstrativ“ davor getroffen, erzählt Tobias Groner aus der Gruppe um Jonathan Englmeier: „Wir haben den Eltern gesagt, die Kinder sollen sich warm anziehen“. Auf Dauer ist das für eine Pfadfindergruppe freilich kein Zustand: Deshalb sei man auf der Suche nach einer neuen Unterkunft im Raum Fuchstal. Demnächst seien auch Gespräche mit dem viel kleineren Stamm Landsberg geplant, mit dem Ziel, dort Aufnahme zu finden.

Der Stamm Lechrain will sich derweil neu aufstellen und eine neue Leitung wählen: André Roehler stünde für diese Position zur Verfügung. Er wolle die Pfadfinderarbeit „resetten“ sagt er dem LT und dazu lade er die gesamte alte Gruppe ein, „wir sind froh um jeden, der sich engagiert“.

Der Darstellung der Gegenseite, dass nahezu alle Stammesmitglieder außerhalb der Familie Albrecht ausgetreten seien, widerspricht Roehler: 15 ausgetretenen Pfadfindern stünden derzeit 21 verbliebene Mitglieder gegenüber. Archivfotos: Seidl-Cesare/Albrecht

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