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Landsberg

30.06.2017

Norwegischer Faust mit Techno und Blues

Dunkle und düstere Bühne, spannende Handlung und effektvolles Einsetzen von Ton und Licht. Peer Gynt mit dem Landestheater Schwaben im Stadttheater Landsberg.
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Dunkle und düstere Bühne, spannende Handlung und effektvolles Einsetzen von Ton und Licht. Peer Gynt mit dem Landestheater Schwaben im Stadttheater Landsberg.
Bild: Thorsten Jordan

Peer Gynt – Landestheater Schwaben überzeugt mit der neuen Inszenierung und neuer Intendantin.

Wohin bringen uns immer mehr Individualismus, Selbstverwirklichung und letztlich Egozentrik und Egoismus? Die ewige Nabelschau, wie will ich leben, wie kann ich das Leben maximal für mich nutzen? Henrik Ibsen zeigte es uns schon 1876 mit seinem „norwegischen Faust“, dem dramatischen Gedicht „Peer Gynt“. Das Landestheater Schwaben präsentierte das Stück im Stadttheater in einer modernen, aber dennoch werkgetreuen Version unter der Regie seiner neuen, jungen Intendantin Kathrin Mädler und kam damit beim Landsberger Publikum bestens an.

Eine bruchgelandete Gondel liegt schief im Eck der Bühne, Sinnbild dafür, dass Peer das Leben und Vermögen seiner Familie gehörig gegen die Wand gefahren hat. Peer, das sind drei, die in dieser Inszenierung immer gleichzeitig auf der Bühne sind: Der Junge (Sandro Sutalo), der im mittleren Alter (Jens Schnarre) und der Alte (Aurel Bereuter). Die drei sprechen auch miteinander, einer beendet den Satz des anderen. Das wirkt lebendig und hat Witz - steckt nicht in jedem von uns der junge, der erwachsene und der alte Mensch? Mutter Ase, großartig verkörpert von Anke Fonferek, ist verbittert über ihren Versager von Sohn, doch obsiegt die Mutterliebe. Schon die erste Szene, Peers (Sandro Sutalo) überaus lebendig vorgetragene Lügengeschichte von der Jagd auf den Bock, zeigt: Diese Inszenierung hat Pepp.

Diese Inszenierung hat Pepp

Die Inszenierung ist frisch und abwechslungsreich: Die Hochzeitsfeier wird von elektronischer Techno-Musik begleitet, zu der die Braut (ganz wunderbar hemmungslos: Elisabeth Hütter) dementsprechend eckig die Hüften wackelt. Die Trolle kommen als weiß gekleidete Mafiosi daher, die Verrückten im Irrenhaus von Kairo bilden einen sehr ulkigen Haufen. Sehr effektvoll werden Licht und Ton eingesetzt, sodass in der Schiffbruchsszene manchem Zuschauer fast schlecht wurde vor Seegang. Als heimlicher Star des Stücks erweist sich Miriam Haltmeier als zurückhaltende Solveig. Haltmeier ist eine begabte Sängerin, mit ihrer leicht rauen, melancholischen Bluesstimme trifft sie exakt den Ton, der gefordert ist, wenn Peer (zur Braut Ingrid) sagt: „Kannst du singen, dass man froh und traurig zugleich wird?“ Zwei Versionen ihres Songs „Talkin’ ‘bout Dreams“ singt sie, und natürlich „Solveigs Lied“, aber nicht die bekannte Komposition von Edvard Grieg, sondern als schlichten, anrührenden Blues auf Englisch.

Verkündet Peer als Nachtclubbesitzer und Drogenbaron (Jens Schnarre) noch „Gier ist gut und richtig, die Gier wird uns retten“ und „Geld ist der größte und beste Problemlöser“, so steht er im Alter (Aurel Bereuter) vor dem Tod (Knopfgießer: Anke Fonferek) mit leeren Händen. Die Trolle können nur sagen, er sei „sich selbst genug gewesen“. Wer oder was war Peer denn nun? Zum Sinnbild seines Lebens wird eine Zwiebel, die er abschält: „Schicht liegt auf Schicht. Kommt denn nicht einmal ein Kern ans Licht?“ Es kommt keiner (auch wenn der arme Sandor Sutalo die Zwiebel tatsächlich „auffressen“ muss). Peer hat nichts zu beweinen, nichts zu bejubeln und nichts zu beichten, der Priester (André Stuchlik) wendet sich angewidert ab. Kein Zeuge kann für ihn sprechen, nur eine: Solveig. In ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung ist Peer er selbst. Und wieder rät das eine Ich: „Drum herum!“ Doch nun wird Peer er selbst: „Nein, diesmal, Peer, mittendurch!“ Ein gewaltiger Urschrei, den sich Solveig und Peer (Sandro Sutalo) entgegenschleudern, verhilft Peer endlich zu seinem wahren Ich. Eine aktualisierte, aber dennoch werkgetreue Inszenierung, die durch überzeugendes Bühnenbild, Ideen- und Abwechslungsreichtum begeisterte.

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