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Gedenken

27.03.2015

Plötzlich entstehen die Bilder im Kopf

Berufschullehrer Christian Zindlhauser (im grünen Hemd) und seine angehenden Zimmerer im ersten Lehrjahr bei der Arbeit im Bunker der Welfenkaserne. Dabei gehen sie auch nach Originalplänen vor.
Bild: Thorsten Jordan

Durch den Nachbau einer begehbaren KZ-Erdhütte fanden 30 Zimmerer-Lehrlinge der Berufsschule Weilheim einen persönlichen Zugang zur eigenen Historie. Auch Auszubildende aus dem Landkreis Landsberg sind dabei

Zunächst war es das Lernen einer handwerklichen Tätigkeit. Dann setzte etwas in den Köpfen der 30 Zimmerer-Lehrlinge der Berufsschule Weilheim ein, das Bilder entstehen ließ – Bilder von Vorgängen, die sich vor mehr als 70 Jahren in der Region in den damaligen Außenlagern des KZ Dachau zugetragen haben und die Tausende von gefangenen Menschen das Leben kosteten. Die jungen Leute, zu denen aus dem Landkreis Landsberg auch Jakob Hoffmann (Weil), Florian Heggl und Benedikt Hoiß (beide aus Eching) sowie Lukas Kellner aus Utting gehören, haben im Rahmen ihrer Ausbildung ein ebenso besonderes wie schwieriges Thema umgesetzt: Sie bauten ein Schnittmodell von Erdhütten nach, wie sie in den KZ-Außenlagern verwendet wurden. Dieses wird künftig in der Militärgeschichtlichen Sammlung „Erinnerungsort Weingut II“ in der Untertageanlage der Welfenkaserne in Landsberg zu sehen und zu erleben sein, ein erstes Mal bei der zentralen Gedenkfeier am 30. April, genau 70 Jahre und drei Tage, nachdem die Landsberger Lager von den amerikanischen Truppen befreit wurden.

Der Anstoß zum Bau kam von einem Betroffenen selbst: vom Vorsitzenden der Überlebendenvereinigung Uri Chanoch. Er hat den Holocaust und seine Deportierung nach Landsberg überlebt. Oberstabsfeldwebel Helmut Müller und Oberstleutnant Gerhard Roletscheck, die beiden verantwortlichen Soldaten für die Militärgeschichtliche Sammlung, versuchen seit einiger Zeit, den schwierigen Weg zu gehen, Geschichte sichtbar zu machen, ohne in den Verruf zu kommen, „historisches Disneyland“ zu schaffen. Helmut Müller: „Uri möchte schon seit Jahren eine Erdhütte in der Gedenkstätte Dachau haben.“ Allerdings passe sie dort nicht hin, weil in Dachau andere, feste Hütten und Gebäude standen.

Über die zahlreichen Führungen in dem Bunker, der 1944 von Zwangsarbeitern gebaut wurde, lernte der Oberstabsfeldwebel den Studienrat Robert Stolzenberg von der Berufsschule Weilheim kennen. Schulleiter Dr. Burkhard Küster musste von der Idee ebenfalls nicht lange überzeugt werden. Hatte es doch schon einmal drei Aktionswochen an seinem Haus gegeben, die sich mit dem Thema Rechtsradikalismus und Neonazis beschäftigten: „Das war eine passende Weiterführung unserer Aktion gegen Rechts.“

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In Weilheim, wo auch Landsberger Zimmerer unterrichtet werden, wird handlungsorientierter Unterricht groß geschrieben. Mit den Schülern im ersten Lehrjahr erstellten Christian Sindlhauser und seine Kollegen bisher allerdings meist Baumhäuser, Spielhäuser für Kindergärten und vieles andere mehr. „Ein Projekt wie die Erdhütten hatten wir noch nie und werden wir wohl auch nicht mehr haben“, ist sich Sindlhauser sicher.

Zunächst wurden die rund 30 jungen Zimmerer, alle zwischen 16 und 21 Jahre alt, mit dem Thema vertraut gemacht. „Wir waren sehr unterschiedlich informiert über die Zeit des Holocaust“, berichtet Benedikt Hoiß aus Eching am Ammersee im Gespräch mit dem LT. Er selbst sei sich gar nicht bewusst gewesen, dass sich die Lager doch so nah an seinem jetzigen Wohnort befanden.

Dass eine KZ-Erdhütte nachgebaut wird, fanden die Eltern von Lukas Kellner aus Utting zunächst „schon komisch“, ließen sich aber von den Erzählungen des Sohnes überzeugen. Jetzt stünden sie voll dahinter. Für ihn selbst sei das ein ganz besonderes Projekt, damit Geschichte greifbar und erlebbar werde. Lukas Kellner: „Hier sieht man Geschichte.“

Mit einem Vortrag beim Bunkerbesuch („Das war richtig beklemmend“) und durch entsprechende Aufarbeitung im Unterricht wurde ein Bewusstsein bei den jungen Leuten geschaffen, das große Motivation erzeugte. Auch Schüler, die bislang, oft auch aus Unwissenheit, rechts gerichtete Phrasen von sich gegeben hatten, wurden nachdenklich oder verabschiedeten sich von entsprechendem Gedankengut. Zunächst habe ab Oktober das praktische Lernen der Zimmererfertigkeiten im Vordergrund gestanden. Dann jedoch, mit Erreichen der ersten Teilfertigungsstationen, begann die Vorstellung klarer zu werden. Christian Sindlhauser: „Jetzt entstanden bei den Jungs die Bilder im Kopf.“

Robert Stolzenberg registrierte erfreut, dass alle Schüler schnell bereit waren, über den Unterricht hinaus freiwillig zusätzliche Zeit in das Projekt zu investieren. Sie wollten etwas Bleibendes schaffen, das bei vielen Menschen ähnliche Gefühle hervorrufen soll. Lukas Kellner: „Wir sind alle mit viel Herzblut dabei.“

Sie werden die ersten öffentlichen Reaktionen am Donnerstag, 30. April, bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung der KZ-Häftlinge im Bunker der Welfenkaserne hautnah miterleben – dieses Mal als Gäste. Jakob Hofmann: „Es macht uns auch stolz, dass so viele Hochkaräter unsere Arbeit würdigen werden.“

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