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Kaltenberg

14.07.2019

Ritterturnier: Schloss Kaltenberg ist in Frauenhand

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Ob mit dem Schwert oder bei der Voltige – der Akrobatik hoch zu Ross – die neuen starken Frauen (Luisa Kaczmar als Affra) beim Kaltenberger Ritterturnier heizen ihren männlichen Kontrahenten erstmals gehörig ein.
Bild: Thorsten Jordan

Erstmals kämpfen Ritterinnen in der Kaltenberger Arena. So war das Auftaktwochenende beim Ritterturnier.

Auf dem Kopf eine Hörnerkappe, auf der Nase ein weißer Punkt, das Gesicht zur Grimasse verzogen, die Lederstiefel mit Glöckchen verziert, die langen Spitzen sind hochgebunden – man erkennt ihn sofort wieder, auch wenn man schon lange nicht mehr da war, auf den Kaltenberger Ritterspielen: Wandelbar, der Narr. Weißhaarig ist er geworden, kein Wunder, denn Wandelbar ist ein Urgestein. „Seit 29 Jahren hält es dieser bayerische Hofnarr aus, dass er vom schwarzen Ritter in den Sand getreten wird“, verkündet Johannes Steck, Sprecher in der Arena.

Vieles ist heuer neu, manches Alte jedoch geblieben, wie die bis ins Detail liebevolle, mittelalterliche Umwandlung des Geländes. Die Buden mit den Leckereien und breit gefächerten Verkaufswaren sind nicht 08/15, sondern liebevoll gestaltete Unikate, teils sogar Fachwerkhäuschen. Holzscheite, Äste, Rupfen, Schilfmatten: Das Ambiente macht es leicht, ins Mittelalter einzutauchen. Manche Besucher, ein wachsender Trend, werden sogar Teil davon und lassen sich in ihren Kostümen, die oft eher als Mix aus Gothic, Bauchtanz und Mittelalter daherkommen, gar nicht mehr so einfach von den fürs Fest Engagierten unterscheiden.

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Wilde Amazonen stehlen dem Schwarzen Ritter die Schau
Bild: Thorsten Jordan

Schwarze Springerstiefel, grober Leinenrock, bauchfreies Mieder, Hexenhut, um den Hals ein Amulett, ein stets gefülltes Trinkhorn – perfekt ist die Mittelalter-Maid. Der Jüngling dazu hat allerlei Felle, vom Hasen bis zum Flokati, um seinen Leib dekoriert, nur das Handy und die Turnschuhe wollen nicht recht dazu passen. Abhilfe können da die vielen Stände mit handgefertigten Lederwaren wie Schuhe und Beutel, edlen Kopfbedeckungen und Gogeln leisten.

Jubel mag nicht jeder

Einmal durch das Eingangstor getreten, das geht trotz Schlange erstaunlich schnell, wird der Besucher wie in einer Waschmaschine mittelalterlich weichgespült. Von der Waldbühne her erklingen Fiedel und Sackpfeife, gefolgt vom Jubel der Zuhörer. „Jubel“ ist übrigens das meistgehörte Wort an einem Tag in Kaltenberg. Darsteller wie Besucher fordern lautstark ständig dazu auf. Nicht jedem will’s gefallen: Ein Marketender hat an seiner Bude ein Schild mit „Jubelfreie Zone“ angebracht. „Seelenfänger nicht erwünscht“ steht an der Badstube, in der sich zwei hübsche Bäderinnen um ihre Gäste im Wasserzuber kümmern.

Eine blonde Vierjährige in Dirndl und Gummistiefeln zieht eine Hellebarde hinter sich her, beim Köhler raucht beißend der Holzhaufen, Rinderfetzen, Stockbrot, Arme Ritter und Gänsewein finden dankbare Abnehmer. Ein unheimlicher Stelzenläufer mit Bocksbeinen springt daher und wischt einem Besucher die Brille sauber, ein Mönch treibt einen nur mit Lendenschurz bedeckten Wilden durch die Gasse, ein Bauer zwei stattliche Ochsen, dicht begleitet von der Security. Die Rüstungen der schwarzen Ritter riechen nach Öl, darunter mischt sich Weihrauchgeruch. Waffen klirren, Fahnen fliegen kunstvoll geworfen durch die Luft, Edle in Samt und Gesinde in Leinen ziehen vorbei: Ein wahrer Höhepunkt ist stets der Umzug, dem auch ein kleiner Schauer, übrigens der einzige am Samstag, keinen Abbruch tut.

Der Schwarze Ritter kehrt zurück

Dann drängen alle in die Arena, die Spiele beginnen. Bewunderung für die zimmermännische Meisterleistung, die Arenaüberdachung. Neu ist die Königsloge, darunter die Tore, die sich für die hunderte von Darstellern in großen und kleinen Rollen öffnen werden. Als erster reitet Luitpold Prinz von Bayern ein, auf einem nervösen, bockigen Schwarzen. Auf einer Wiese habe man angefangen mit den ersten Ritterspielen, oft mehr ein Sumpf, im sechsten Jahr wurde die Arena gebaut. Im Galopp jagt er hinaus, wünscht währenddessen einen schönen Tag im Mittelalter, dankt allen, die bei jedem Wetter kommen. „Volk, es reicht. Reiches Volk, ähh… Volk des Reiches, willkommen in Kaltenberg“, beginnt Live-Sprecher Johannes Steck komödienhaft die Spiele.

Erstmals treten Frauen gegen die Ritter an

40 Jahre Kaltenberger Friede und eine Hochzeit sollen gefeiert werden, der Schwarze Ritter kehrt zurück, der Kampf um Gut und Böse beginnt. Wie immer, und doch immer in neuer Spielart – dafür sorgen das rasante Drehbuch, exzellente Tontechnik und Effekte, ausgefallene Kostüme und leidenschaftliche Akteure, Stunts, die einem den Atem stocken lassen und natürlich die Hauptdarsteller, die Pferde. Was wären die Ritterspiele ohne diese edlen Tiere und ihre wagemutigen Reiter von Mario Luraschis Truppe „Cavalcade“. Heuer, zum 40. Jubiläum, haben sich die Frauen einen Platz in der Arena erkämpft: Zum ersten Mal gibt es Ritterinnen, die beim Lanzenstechen sogar gegen Männer antreten.

Auch im 40. Jahr bleibt das Kaltenberger Ritterturnier ein Original. Unerreicht gut, denn hier ist vieles echt, nach wie vor: ein echter Prinz, ein echtes Schloss, ein echter Sprecher - und auch echte Leidenschaft.

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