1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Späte Ehre für einen furchtlosen Kaminkehrer

Landsberg

26.10.2017

Späte Ehre für einen furchtlosen Kaminkehrer

leit7623523.jpg
2 Bilder
Alois und Maria Elsner mit Sohn Alois Junior. Das Bild entstand während des Zweiten Weltkriegs.
Bild: Familie Elsner

Die Elsners halfen in den letzten Kriegsmonaten KZ-Häftlingen in Kaufering und Hurlach. Der Sohn des verstorbenen Ehepaares nimmt nun eine besondere Ehrung entgegen.

46 beziehungsweise 29 Jahre nach ihrem Tod sind die Landsberger Eheleute Alois und Maria Elsner vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden. Der Landsberger Kaminkehrer und seine Frau erhielten diese höchste staatliche Auszeichnung für Nichtjuden, weil sie während des Zweiten Weltkriegs KZ-Häftlinge mit Kleidung, Medikamenten und Lebensmitteln versorgt haben. Ihr Sohn Alois erhielt die Ehrung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Dienstagnachmittag im Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz in München vom israelischen Botschafter Jeremy Isacharoff.

Alois Elsner (1897-1971) war Kaminkehrer in Hurlach und Kaufering. Auch die 1944 errichteten Barackensiedlungen im Gleisdreieck bei Kaufering und die KZ-Außenlager bei Hurlach gehörten zu seinem Kehrbezirk. Dort bekam er auch das Elend und die Grausamkeiten in diesen Lagern mit. Er konnte nicht wegsehen und nahm Kontakt mit den Häftlingen, vor allem aber auch mit den Ärzten der Krankenbaracken auf, schrieb der frühere Landsberger Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle 1998 in den Landsberger Geschichtsblättern.

Alois Elsner gehörte einer kleinen Landsberger Widerstandsgruppe an, zusammen mit dem Polizeibeamten Rasso Leitenstorfer und dem Kommunisten Alfred Schacke und Walter Groos, der 1944/45 als Bauleiter für das Rüstungsprojekt „Ringeltaube“ tätig war. Groos wurde bereits in den 1990er-Jahren als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Medikamente und Kleidung waren gefragt

Wie Alois Elsner und seine Frau Maria den Häftlingen halfen, lässt sich anhand etlicher im Elsnerschen Haushalt erhaltenen Zettel und Briefe nachvollziehen, aus denen Rößle zitierte: So gibt es den Wunschzettel eines Häftlings namens Stefan Fonyo, auf dem dieser um das Folgende bat: „1 warme Unterhose, warmes Hemd, Swetter, zwei Paar Strümpfe, zwei Taschentücher.“ Dass die Elsners tatsächlich solche Hilfeleistungen erbrachten, geht aus einer Erklärung früherer Häftlinge aus dem Sommer 1945 hervor. Außerdem habe er die Häftlinge vor geplanten Schikanen des SS-Wachpersonals gewarnt, sie aufgefordert zu flüchten und sich sogar verpflichtet, ihnen eine Unterkunft zu bieten.

Die Unterzeichner dieser Erklärung – die Häftlingsärzte Dr. Josef Heller und Dr. Robert Held – nannten Alois Elsner einen „aufrichtigen Freund und Gönner“ und schrieben wörtlich: „Durch diese uns erwiesenen Dienste hat er oft im wahren Sinne des Wortes sein Leben aufs Spiel gesetzt.“ Erhalten sind auch einige Dankesbriefe, etwa von Margit Katz, die 1947 aus Weilheim bestätigte, von Elsner häufig „Strümpfe, Seife, Kämme und sogar etwas zu Essen gebracht zu haben“.

Die Sachen schmuggelte er unter dem Kaminkehreranzug

„Der Mut des Alois Elsner“ ist Rößles Aufsatz betitelt und er verweist damit auf einen herausragenden Wesenszug des Kaminkehrers. Er sei ein furchtloser Mensch gewesen, sagt sein 1942 geborener Sohn Alois junior über ihn, der ab den 1960er-Jahren mit seinem Vater als Kaminkehrer auch in den Kasernen tätig war: „Mein Vater ist da einfach durch, wenn die Schranke offen war“ – ganz ohne Personenkontrolle. Man kann sich vorstellen, dass er auch in den letzten Kriegsmonaten mit der gleichen Selbstverständlichkeit mit den unter seinen schwarzen Kaminkehreranzug verborgenen Hilfsmitteln in die Baracken und Lager gekommen ist. Seine Frau Maria (1906-1988), erzählt Alois Elsner junior, sei von einem ähnlichen Schlag gewesen.

Sein Vater sei kerzengerade aufgetreten und habe als einfacher Handwerker keine Berührungsängste mit Menschen gehabt, die andere vielleicht als höhergestellt erachtet hätten: So erinnert sich Alois Elsner junior, dass es für seinen Vater in den 1950er-Jahren selbstverständlich war, nach der sonntäglichen Messe mit dem damaligen Oberbürgermeister Ludwig Thoma und dem späteren Landrat Bernhard Müller-Hahl zu ratschen – und das, ohne politisch angepasst zu sein. Zwar wurde Elsner 1941 – sein Sohn vermutet aus beruflichen und wirtschaftlichen Gründen – Mitglied der NSDAP, aber er verhielt sich dann offenbar so provokativ und desinteressiert, dass er im Schnellverfahren schon 1943 wieder ausgeschlossen wurde, wie im Aufsatz von Rößle zu lesen ist. Und nach dem Krieg habe sein Vater zeitweilig mit der Kommunistischen Partei sympathisiert, weiß Alois Elsner junior.

Seit Jahren ist eine Straße nach ihm benannt

Die Unerschrockenheit seines Vaters habe vielleicht auch etwas mit seinem Lebensweg zu tun gehabt: „Mein Vater hat um alles, was er erreichen wollte, kämpfen müssen.“ Alois Elsner senior wurde 1897 in Burglengenfeld geboren, lernte Kaminkehrer und war Soldat im Ersten Weltkrieg. Als Kaminkehrer musste man damals ein Kaminkehrerrecht pachten oder kaufen. Durch den Kauf eines solchen Rechts kam Elsner 1926 nach Landsberg. Ein schwerer Schlag war für ihn, dass 1936 diese Realrechte entschädigungslos kassiert wurden. Elsner wurde der Kehrbezirk in Hurlach und Kaufering zugewiesen, was aber für ihn mit dem Fahrrad wesentlich schwerer erreichbar war.

In Landsberg wurde Alois Elsner schon vor etlichen Jahren mit einem Straßennamen geehrt: Gemeinsam mit bekannten Persönlichkeiten wie den Geschwistern Scholl, Edith Stein, Viktor Frankl, Irving Heymont und Israel Beker auf dem Gelände der früheren Saarburgkaserne.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren