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25.02.2008

Über 300 Jahre alter Fayence-Krug kehrt zurück

Dießen (lt) - Eine echte kunsthistorische Rarität ist seit Samstag im Eigentum der Marktgemeinde Dießen: Bürgermeister Herbert Kirsch ersteigerte am Samstag in einem Münchner Auktionshaus einen Fayence-Krug aus dem Jahr 1684. Möglicherweise stammt er aus der Keramikwerkstatt Rauch in St. Georgen.

In der Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am Montag stellte Kirsch das Stück vor und betonte dessen Stellenwert für die internationale Keramikforschung und für die lokale im Besonderen. Nur drei Krüge und eine Schale aus dieser Zeit sind in den vergangenen 25 Jahren im Kunsthandel aufgetaucht. Seinen gestalterischen Merkmalen nach stammt der Krug auch noch vom Hafner-Grundstück am Kirchsteig, auf dem die Lösche-Dynastie lebt, arbeitet und forscht. Volkskundler Wolfgang Lösche: "Wenn ich den Krug anschaue, habe ich das Gefühl einem alten Bekannten gegenüberzustehen."

Wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag ist Keramiker Ernst Lösche überwältigt. Er hält einen sechsfach gedrückten, 25 Zentimeter hohen Krug in beiden Händen. Vorsichtig, so sensibel, wie man nur mit einer großen Leidenschaft umgeht, streift er am Henkel entlang, erfasst den Rand des Kruges, vergleicht die Dekore und barocken Ausschmückungen mit keramischem Material aus seinem unerschöpflichen Scherbenfundus.

Seit den 1960er Jahren hatte Ernst Lösche die internationale Keramikforschung mit seinen aus Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnissen über die Dießener Hafnerproduktionen immer wieder verblüfft und belegen können, dass die früheste lokalisierte Fayenceherstellung in Süddeutschland in Dießen beheimatet war.

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Sein Sohn, der Volkskundler Wolfgang Lösche, wirkte über Jahrzehnte mit, als auf Baustellen, natürlich auch auf dem Lösche-Grundstück am Kirchsteig - tonnenweise Scherben aus Werkstattbruchgruben und von Produktionsstätten zutage getreten sind. Darunter bergeweise Material mit den Dekoren und Farben, wie sie der sechsfach gedrückte Krug aufweist. In seiner Magisterarbeit über "Plab und weiß Geschirr aus Diessen" bereitete Wolfgang Lösche seine Erkenntnisse wissenschaftlich auf.

Vor zwei Wochen zur Begutachtung gebracht

Vor zwei Wochen, erzählt Lösche senior, sei der Krug, bevor er zur Versteigerung kam, für einige Tage bei ihm am Kirchsteig gewesen. Er und sein Sohn haben im Auftrag des Münchner Auktionshauses Vogt die über 300 Jahre alte Arbeit begutachtet. Wolfgang Lösche: "Ich verbürge mich mit meiner wissenschaftlichen Forschung, dass es ein original Dießener Stück ist." Malerei, Dekore und die exakte formale Übereinstimmung mit Fundstücken aus Dießener Hafnereien seien eindeutig gesichert.

Ein Fragezeichen stünde hinter der Werkstatt. Es liege nahe, dass der Krug vom Lösche-Grundstück am Kirchsteig kommt, wo um 1684 ein Hafner namens Wilhelm Rauch arbeitete. Der Krug könnte aber auch aus einer Werkstatt in der Fischerei oder von der Hofmark stammen. "Das sind Fragen, die wir noch klären." Er, Lösche, sei überglücklich, dass der Krug für immer in Dießen ist.

Für einen Ehrenplatz im Rathaus vorgesehen

Hier gehöre er auch her. Das hätte auch die Fachwelt befunden und sich bei der Versteigerung zurückgehalten. Viele Sammler hätten mit der Fayence geliebäugelt. "Aber", das bestätigt auch Bürgermeister Kirsch, die Experten hätten einhellig befunden, der Krug dürfe nicht in einer privaten Sammlung verschwinden, "der gehört in die Öffentlichkeit". Da wird er auch bleiben. Er bekommt einen Ehrenplatz in einer der Rathausvitrinen im ersten Stock vor dem Hauptamt.

Übrigens ist der Krug in London bei einer Auktion aufgetaucht und vom Münchner Auktionshaus Vogt ersteigert worden. Aufgerufen war er am vergangenen Samstag für 17 500 Euro. Den Zuschlag bekam Kirsch für 18 000 Euro. Mehrere Dießener hätten spontan noch Geld beigesteuert und in Reserve gehalten, berichtet Kirsch, falls doch Mitbieter aktiv geworden wären und die dem Bürgermeister bewilligte Summe nicht gereicht hätte.

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