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Landsberg

08.03.2016

Unheimliche Parallelitäten

Bertold Brechts Flüchtlingsgespräche: Bei aller derzeitigen Überflutung mit dem Thema bot das Stück des Berliner Ensembles (im Bild: Manfred Karge und Roman Kaminski) eine neue Perspektive auf das aktuelle Flüchtlingsgeschehen.

Das Berliner Ensemble am Landsberger Stadttheater: Brechts „Flüchtlingsgespräche“ sind aktueller denn je und machten betroffen.

Es war sicher schon ein Höhepunkt in der aktuellen, noch jungen Saison am Landsberger Stadttheater. Und es war eine respektable Leistung des Fördervereins TILL mit Unterstützung der Firma Delo (das Ehepaar Herold war anwesend) und des Theaterleiters Florian Werner, dass zwei Schauspielergrößen vom Berliner Ensemble hier ein Gastspiel gaben. Gespielt wurde ein Stück, das eigentlich als Dialog angelegt ist: „Flüchtlingsgespräche“ von Bertolt Brecht, Regie und Fassung: Manfred Karge. Bei aller derzeitigen Überflutung mit dem Thema bot dieses Stück aus den frühen 1940er-Jahren, das Brecht aus der Sicht des selbst Geflüchteten im dänischen Exil schrieb, doch einmal eine ganz neue Perspektive auf das aktuelle Flüchtlingsgeschehen. Es zeigte auf gruslige Weise die Parallelitäten der Phänomene unserer Zeit mit dem Weltgeschehen um den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg auf.

Manfred Karge und Roman Kaminski gaben – schauspielerisch souverän, ein echter Genuss – das ungleiche Paar, ein intellektueller Physiker und ein einfacher Arbeiter, das sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im selben Schicksal vereint findet und scharfsinnig über die Lage der Welt und der Menschheit sinniert. Der eine aus der Sicht der Gebildeten und des Wohlstandsbürgertums, der andere aus der der sozialen Unterschicht. Und doch sind sie sich stets einig, was die Ursachen für das Unglück in der Welt und die Mittel zu deren potenzieller Rettung betrifft. Bei all dem stellt der Zuhörer eine unheimliche, bedrohliche Parallelität der Zustände um den Zweiten Weltkrieg und der aktuellen Weltsituation fest. Diese Bedrohlichkeit wird zum Glück durch den beißenden Sarkasmus abgeschwächt, der immer wieder ein bitteres Lachen provoziert. Die Dialoge wirken zu keiner Zeit veraltet oder in ihrer Zeit behaftet. Brecht hätte sie wohl heute wieder genauso geschrieben.

Da geht es um die Entmenschlichung durch die Umstände einer Flucht – der Pass ist wichtiger als der Mensch, dieser ist nur noch „der mechanische Halter“ des Passes. Dahinter steckt ein pedantischer Ordnungssinn, der im Gespräch als Gefahr entlarvt wird. Man sinniert über die Genüsse der Reichen, die viel mehr Anlass zur Revolution gäben als jeder politisch-philosophische Ansatz, wenn die Armen davon nur wüssten. Der Physiker macht die Beobachtung, dass sich große gesellschaftliche Umwälzungen über längere Zeit leise und allmählich anbahnen, um dann ganz plötzlich hereinzubrechen. Die Parallelen zum Heute sind unübersehbar. Über den Krieg wird auch gesprochen, und zynisch empfehlen die beiden, doch ganze Länder – nein, die ganze Welt – von der störenden Zivilbevölkerung zu evakuieren, damit man in Ruhe Krieg führen könne, und die Flüchtenden nicht alle Straßen verstopfen, die doch von Truppen und Panzern gebraucht würden.

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Der Kapitalismus wird als unmenschliches System entlarvt, die Wirtschaft hat eine Komplexität erreicht, dass es einen „Übermenschen“ bräuchte, um sie zu durchblicken. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Am Ende fällt leise Schnee, und die Flüchtenden auf ihren Koffern sehen noch einen Ausweg: „Hoch oben in Lappland, nach dem nördlichen Eismeer zu, sehe ich noch eine kleine Tür.“

Manfred Karge und Roman Kaminski schaffen zwei Flüchtlingsfiguren, deren Schicksal für das Publikum nachvollziehbar wird, und die irgendwo ganz im Hinterkopf ein Unwohlsein wecken, es könnte einem doch einmal ebenso ergehen. Und wenn nicht, dann war es nur Glück. Betroffenheit und lange anhaltender Applaus belohnten die eindrucksvolle Aufführung.

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