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Landsberg

07.10.2017

Vom kleinen Gregor bis zum großen Netzer

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4 Bilder
Gregor bezeichnet sich selbst als einen unverbesserlichen Kunst-Freak: „Kunst regt mich an, gibt mir Mut und fasziniert mich“. 2015 verwirklichte er den „Landsberger Kunstautomat“, ein umfunktionierter Zigarettenautomat, bei dem man für 5 Euro statt einer Packung Zigaretten, eine Packung Kunst kaufen kann.
Bild: Peter Wilson

Peter Wilsons fotografiert  „Landsberger Leute“. Heute Gregor Netzer, den Mann mit Hut, der in Landsberg den Kunstautomaten schuf. Warum er in Landsberg seine Bestimmung gefunden hat.

Auf den Spuren des preisgekrönten Fotografen Peter Wilson steigen wir heute die schmalen Stiegen einer Altstadtwohnung hinauf. Hier mitten in Landsberg wohnt der Mann mit dem Hut. Mister Kunstautomat empfängt wie immer perfekt gekleidet in Anzug mit Einsteckstuch, heute mit rotgelb gepunkteter Fliege. Dürfen wir vorstellen: Gregor Netzer, Künstler, Galerist, Kunstvermittler, Kurator, Punk im Dandygewand. Oder wie er selbst sagt: Kunstaktivist.

Vor ziemlich genau zwei Jahren stand Gregor Netzer das erste Mal in dem kleinen unterirdischen Rondell auf dem Weg in die Schlossberg-Tiefgarage und präsentierte die erste „Spielzeit“ des neu installierten Kunstautomaten, eines umfunktionierten Zigarettenautomaten, in dem jeweils fünf Künstler quartalsweise Kunst verkaufen, die in eine Zigarettenschachtel passt, und die für genau fünf Euro zu erwerben ist. Kleine Kunst zum kleinen Preis. Unikate von namhaften sowie (noch) unbekannten Künstlern. Für alle, die zufällig vorbeikommen, für Sammler und Kunstinteressierte, vor allem aber, und das ist Netzer sehr wichtig, für all diejenigen, die sonst – aus welchen Gründen auch immer – den Weg in eine Galerie scheuen würden. Kunst für die breite Öffentlichkeit eben.

Kurz zuvor hatte „der Netzer“ (eine seiner vielen Eigenbezeichnungen) seine erste eigene Ausstellung im seinerzeit neu eröffneten Projektraum von Catherine Koletzko. „Portraits trauriger toter Lebensmittel“ so der Überbegriff für seine aquarellierten Fischbilder. Gregor Netzer war schon vieles in seinem Leben, aber das war der Zeitpunkt, an dem der Netzer antrat, mit einer Mischung aus Punkattitüde, dadaistischen Gedankengut und feiner Sensibilität die Landsberger Kunstszene von unten zu infiltrieren. Denn auf dieser Vernissage im Projektraum wurde ihm, so sagt er, deutlich bewusst, dass die Hemmschwelle in eine Galerie einzutreten für viele Menschen äußerst groß sei. Dass der Kunstmarkt ein Markt der Eitelkeiten und ein bildungsbürgerliches Spielfeld einer arrivierten und etablierten Szene ist. Und das widerspricht fundamental der nonkomformistischen, ja rebellischen Haltung des „kleinen Gregors“ (ein Terminus, den er ebenfalls gerne für sich verwendet). Ein Kunstautomat musste also her. Ein Kunstautomat mit dem Kaufanreiz einer Wundertüte. Kunst für Alle.

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In den folgenden zwei Jahren hat sich Gregor Netzer (und sein Verein „Künstlerforum Kunstautomat“) derart mit dem Konzept verbunden, dass er heute behaupten kann, „der Kunstautomat, das bin ich.“ Die Kunstfigur Gregor Netzer hat unbenommen ein großes Ego, aber eben auch ein großes Herz für jegliche Kunst und unterschiedlichste Künstler; er steht gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit, will aber von allen geliebt werden. Er ist eine schwierige, aber vielfältige Persönlichkeit. Und es ist ihm tatsächlich gelungen, ein niederschwelliges (und erfolgreiches) Forum für Künstler aus der Region zu schaffen. Gregor Netzer hat verstanden, dass Kunst auch immer mit Vermarktung, Auftreten und Inszenierung zu tun hat. Dieses Metier beherrscht er, sein valentinesker Stil ist weithin bekannt. Er ist mittlerweile bestens vernetzt und hat für die nahe und ferne Zukunft noch viele weitere Ideen. Wer ist nun dieser Mann, den Peter Wilson auf seinem Foto selbstverständlich vor dem Kunstautomaten inszeniert hat? (Beachten Sie die Spiegelung im Fenster des Automaten und die kleine, dunkle Person ganz hinten im Gang.)

Der kleine Gregor, so erzählt er, begehrte schon immer gegen Konventionen aller Arten auf. „Ich war schon in der Grundschule ein Außenseiter und fing relativ früh an, das zu zelebrieren.“ Frühintellektuell, lange Haare, Latzhose, Antiatomkraftsticker. Mit Eintritt ins Gymnasium dann die große Veränderung. Im grauen Anzug des Vaters mit formvollendeten Manieren hieß er bei allen „der Mann von HamburgMannheimer“. Anzug, das ging in der 70er/80er Jahren gar nicht. Aufnahme fand er dann bei einer Gruppe älterer Punks, die ihn schräg fanden, aber offen genug waren, ihn als das zu akzeptieren, was er ist, ein sensibler junger Mann auf der Suche nach sich selbst. Schon damals traf man ihn desöfteren in den Münchner Museen, wie er auf dem Boden saß und die großen Meister studierte. Doch zunächst versuchte Netzer, in der „normalen“ Gesellschaft Fuß zu fassen, eine Buchhändlerlehre, Vertriebsprofi bei einem großen Computerbuchverlag, eigene Softwarefirma, nebenbei immer wieder Modeljobs. „Geldverdienen war kein Problem.“ Doch glücklich war er damit nicht. Erst mit dem Umzug nach Landsberg, dem Hinschmeißen aller Jobs und dem Wechsel in den hiesigen Kunstbetrieb hat er seine Bestimmung gefunden.

Was steht als Nächstes an, Gregor? Anfang November will er gemeinsam mit seinem Freund Peter Wilson den Landsberger Kultursalon im Kunstcafe eröffnen. Er möchte die Kunstschaffenden der Stadt animieren gemeinsam zu agieren oder sich zumindest auszutauschen. „Es geht nicht gegeneinander, es geht nur miteinander.“ Danach wird Netzer ein Stummfilmprojekt über den Kunstbetrieb drehen, der Schauspieler habe noch nicht fest zugesagt, deshalb wolle er noch nicht mehr verraten.

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