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Igling

15.02.2020

Vor 75 Jahren starben sieben Menschen bei einem Fliegerangriff auf Igling

Siegfried Lang (links) und Ludwig Ziegler am Kriegerdenkmal in Oberigling. Eine Tafel erinnert an die Opfer eines Bombenangriffs, der sich am 16. Februar 1945 ereignet hat.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Vor 75 Jahren wurde Igling bombardiert. Siegfried Lang und Ludwig Ziegler waren damals Kinder. Sie zählten die Flugzeuge und dachten gar nicht daran, in die Bunker zu gehen.

Es ist ein herrlicher Vorfrühlingstag, dieser 16. Februar 1945. Zwei Tage nach Aschermittwoch sind schon einige Iglinger Landwirte auf den Feldern. Der damals neun Jahre alte Ludwig Ziegler liegt mit einem Freund in einer Wiese und zählt Flugzeuge. Die Bomber fliegen in diesen Wochen häufiger über den Ort. Doch an diesem Tag ist alles anders. „Plötzlich haben wir die Bomben gesehen.“ Es folgt ein lautes Dröhnen und Pfeifen. Ludwig Ziegler rennt nach Hause. Als die Bomben explodieren, ist er an der Haustüre und wird durch den Luftdruck in den Hausgang geschleudert. Er bleibt unverletzt. Sieben andere Iglinger verlieren durch den Bombenangriff ihr Leben.

Siegfried Lang, damals ebenfalls neun Jahre alt, spielt mit anderen Buben vor der heimischen Schmiede in Oberigling, als sich der Himmel regelrecht verdunkelt. „Es war wie eine Sonnenfinsternis“, erinnert er sich. An die 375 amerikanische Flugzeuge hatte er gezählt. Wie Silberkreuze heben sie sich vom strahlend blauen Himmel ab. Das Brummen der Motoren ist im ganzen Dorf zu hören. „In die Luftschutzbunker ist aber niemand gegangen“, erinnert sich der 84-Jährige. Zum Glück. Denn die Bomben zerstören einige der von den Dorfbewohnern angelegten Bunker.

Dass Igling von starken Kampfverbänden überflogen wird, ist im Frühjahr 1945 nichts Außergewöhnliches mehr. Seit Mai 1942 starten Engländer und US-Amerikaner massive Luftangriffe gegen deutsche Großstädte. Auch Augsburg und München sind Ziele der Alliierten. „Die haben uns nie angegriffen“, sagen Lang und Ziegler.

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Die letzte Staffel kehrt nach Igling zurück

Das änderte sich jedoch an jenem 16. Februar 1945. Die im italienischen Foggia stationierte 15. Luftflotte hat bereits den Fliegerhorst und das Dorf Penzing bombardiert. Über dem Ort schert die letzte Staffel mit zwölf Bombern aus und fliegt über Buchloe und Erpfting zurück nach Igling. Ob der Kampfverband von der Eisenbahnerflak in Kaufering beschossen worden war oder ein Notabwurf der Grund für die Rückkehr der Bomber war, ist bis heute nicht geklärt, sagt Langs Frau Josefine. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Arbeitskreises Geschichte hat sie die Geschehnisse aufwendig dokumentiert.

Innerhalb von zwei Minuten verwandeln die 250 bis 300 Sprengbomben mit je vier bis fünf Zentnern Gewicht den Tag zur Nacht. Die Erde bebt, Häuser wackeln, Mauern stürzen ein, Dachziegel fliegen, Fensterscheiben zersplittern, in den Ställen brüllt das Vieh und der Himmel ist eine einzige Staubwolke. Die ersten Bomben schlagen in die Unteriglinger Dorfstraße ein, die Wasserleitung wird getroffen, Stromleitungen hängen herunter.

Durch die Wucht mehrere Meter durch die Luft geworfen

Das Oberiglinger Armenhaus, das damals noch aus drei Wohnungen besteht, treffen 18 Bomben. Der 32-jährige Josef Trautwein, der vor dem Haus Holz hackt, wird durch die Wucht mehrere Meter durch die Luft geworfen und später tot in einem Graben gefunden. Zwei seiner Kinder – zwei und drei Jahre alt – kommen ebenfalls ums Leben. Total zerstört wird das Wohnhaus der Familie Höfler. An die 23 Bomben schlagen dort ein. Ein Splitter bohrt sich in den Oberschenkel von Landwirt Sebastian Höfler.

Am schlimmsten erwischt es den Schubauerhof gleich neben der Oberiglinger Pfarrkirche. Mehrere Bomben treffen das Wohnhaus. Die Mauern fallen in sich zusammen und begraben Mensch und Tier. „Der erste Stock war einfach weg“, erinnert sich Siegfried Lang. Der fast vollständig erhaltene Dachstuhl sitzt auf dem Boden auf. Im Haus werden vier Menschen getötet: der Landwirt Johann Mößmer, seine Schwägerin Johanna Söldner, sein 13-jähriger Sohn Erich und ein im Haus einquartierter Arbeiter aus Schwandorf in der Oberpfalz.

Viele Schaulustige kommen nach Igling

Fast alle Gebäude westlich der Unteriglinger Straße und dem nordwestlichen Teil von Oberigling werden beschädigt, überall sind Bombentrichter. Viele Bomben gehen im heutigen Gebiet rund um die Schulstraße nieder. In den Tagen nach dem Fliegerangriff kommen viele Schaulustige nach Igling. „Bei den Aufräumarbeiten hat das ganze Dorf mitgeholfen. Aber wir hatten keine Maschinen. Alles wurde von Hand erledigt“, sagt Siegfried Lang. Die zerstörte Wasserleitung stellt die Bewohner von Hurlach, Ober- und Unterigling noch lange vor Probleme. Die Reparatur dauert einige Zeit. In Unterigling holen die Bewohner das Trinkwasser mit Eimern aus einem 16 Meter tiefen Dorfbrunnen und von der nahe gelegenen Singold wird das Wasser in Odelfässern herbeigeschafft.

Die Buben holen das Pulver aus den Bomben

Zwangsarbeiter müssen die Bomben und Blindgänger ausgraben, die im Garten von Sebastian Höfler gestapelt werden. Für die Buben des Dorfes ein Ort mit großer Anziehungskraft. „Wir haben das Pulver aus den Bomben geholt und ins Feuer geworfen oder selbst angezündet“, sagt der 84-jährige Ludwig Ziegler. Doch nicht alle Bomben werden gleich entdeckt. Bei der Erschließung des Baugebiets Schulstraße Mitte der 1970er-Jahre wird eine nicht detonierte Bombe gefunden und danach von einem Sprengkommando entschärft.

Einige Tage nach dem Bombenangriff auf Igling findet eine Messe für die sieben Verstorbenen statt. Der Särge werden an der Hitlereiche in Oberigling aufgebahrt. Bei Schneeregen warten die Dorfbewohner auf den Landrat und die Vertreter der NSDAP. Heute erinnert eine Tafel am Kriegerdenkmal in Oberigling an die Dorfbewohner, die beim Angriff ums Leben kamen.

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