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Kreis Landsberg

20.08.2019

Wachkoma-Patient sexuell missbraucht: Pfleger muss ins Gefängnis

Der Prozess gegen den Pfleger fand am Amtsgericht in Augsburg statt.
Bild: Jakob Stadler (Symbolfoto)

Der Angeklagte hat einen Patienten in einer Einrichtung im Kreis Landsberg am Penis verletzt. Wollte er ihm nur laienhaft helfen oder sich selbst sexuell erregen?

Zwei Jahre und sechs Monate muss ein 42-jähriger Pfleger ins Gefängnis, der in einer ambulanten Wohngemeinschaft im Landkreis Landsberg einen Wachkomapatienten sexuell missbraucht haben soll.

Mit diesem Urteil folgte das Schöffengericht des Augsburger Amtsgerichts dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

War es eine Tat, um ihn selbst, den Angeklagten, sexuell zu erregen? Oder hat der 42-jährige Krankenpfleger lediglich eine laienhafte und falsche Hilfeleistung gegeben? Darum drehte sich in großen Teilen der Prozess gegen den Angeklagten aus Biberach, der im vergangenen November in der Einrichtung den Patienten am Penis verletzt hatte.

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Der missbrauchte Wachkoma-Patient ist schwer hirngeschädigt

Nach eigenen Angaben hatte der Angeklagte im November 2018 bei dem 36-jährigen Geschädigten zum wiederholten Mal eine Dauererektion festgestellt. Der Patient war vor Jahren bei einem Arbeitsunfall aus sechs Metern Höhe von einem Gerüst gefallen und ist seitdem schwer hirngeschädigt. Er ist zu keiner Willensäußerung fähig, wie es vor Gericht hieß.

Um ihm den Stress eines möglichen Krankenhausbesuches zu ersparen, habe er als Pfleger Soforthilfe geleistet. Mit seiner Hand, die in einem Latex-Handschuh steckte, habe er am Penis des Patienten gerubbelt, so lange bis dieser weicher geworden sei. Dieser Vorgang war von einer Kollegin des Angeklagten beobachtet und angezeigt worden.

Dr. Harald Munding, Urologe von der Uniklinik Augsburg, konnte als Gutachter keine Anzeichen für das Krankheitsbild der Dauererektion beim 36-Jährigen feststellen. Er stellte klar, dass die Dauererektion und die sexuell stimulierte Erektion verschiedene Ursachen haben und dass eine Dauererektion durch „Rubbeln“ nicht zu beheben sei. Dazu brauche es ärztliche Maßnahmen. Ohne Beobachtung sei nicht festzustellen, ob ein Patient unter einer seltenen Dauererektion leide oder ob er mehrfach sexuell bedingte Erektionen bekomme.

Angeklagter Pfleger leidet an Burn-out-Syndrom und Belastungsstörung

Vor dem Urologen war als Zeuge bereits der behandelnde Allgemeinarzt der Wohngemeinschaft angehört worden. Dieser sagte aus, vom Pfleger auf das Problem der Dauererektion angesprochen worden zu sein. Er habe das aber wieder vergessen, zumal über ein derartiges Problem im Falle des Vorliegens nicht mit dem Pflegepersonal, sondern mit der Pflegedienstleitung zu sprechen sei.

Ihm selbst sei in seiner sechsjährigen Behandlung des Patienten nie so etwas wie eine Dauererektion aufgefallen. Gutachterin Dr. Kathrin Lauterbach vom Institut für Rechtsmedizin in München hatte über ihre Untersuchungsergebnisse berichtet. Sie hatte auf Anforderung der Kriminalpolizei den Geschädigten zwei Tage nach der Anzeige des Vorfalls untersucht und hatte an seinem Penis Schwellungen sowie Abschürfungen und Verschorfungen festgestellt.

Als dritter Gutachter war Professor Albert Stein mit der Angelegenheit befasst. Er hatte den angeklagten Pfleger für die Gerichtsverhandlung begutachtet. Dabei bestätigte er das Vorliegen eines bereits diagnostizierten „Burn-out-Syndroms“ sowie einer Belastungsstörung.

„Nichts Ungewöhnliches für einen Menschen, der – wie der Angeklagte – noch nie mit der Justiz zu tun gehabt hat“ und dann seit über einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzt. Ihm gegenüber habe der geschiedene Vater dreier Kinder geäußert, inzwischen auch homosexuell bedingte Empfindungen zu verspüren. Anzeichen für eine verminderte Schuldfähigkeit erkannte Stein bei dem Angeklagten nicht.

Der Wachkoma-Patient war dem Pfleger schutzlos ausgeliefert

Für Staatsanwältin Birgit Milzarek war das Vorliegen einer sexuell bedingten Handlung des Angeklagten am Geschädigten klar. Weil er sich seines unrechtmäßigen Tuns bewusst gewesen sei, habe der Angeklagte von seiner Manipulation wegen angeblicher Dauererektion mit niemandem gesprochen und diese auch nirgends dokumentiert. Es habe allen Zeugenaussagen zur Folge kein sexuell bedingter Notstand beim Geschädigten vorgelegen. Zu berücksichtigen sei beim Strafmaß die besondere Situation des Geschädigten, der dem Pfleger schutzlos ausgeliefert gewesen sei. Milzarek forderte für den Angeklagten eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Ganz anders die Bewertung von Verteidiger Wolfgang Polster. Der Rechtsanwalt sah keine Hinweise auf eine Tat aufgrund von sexueller Erregung bei seinem Mandanten vorliegen. Er forderte in diesem Anklagepunkt Freispruch. Unstrittig sei die Körperverletzung am Geschädigten durch den Angeklagten, wofür dieser zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu verurteilen sei.

Der Pfleger ist des schweren sexuell bedingten Übergriffs schuldig

Exakt dem Antrag der Staatsanwältin folgte das Schöffengericht von Richterin Rita Greser mit seinem Urteil und zeigte sich „erschüttert von dem, was dem Geschädigten passiert ist“. Wegen schweren sexuell bedingten Übergriffs verurteilte es den 42 Jahre alten Angeklagten zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Der bisexuell veranlagte Pfleger habe die Frechheit und Dreistigkeit besessen, die Situation seines Patienten auszunutzen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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