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Landkreis Landsberg

18.10.2017

Waschen, schneiden, föhnen: So ist es um das Friseurhandwerk bestellt

Das LT hat sich in Landsberg umgehört, wie es um das Friseurhandwerk bestellt ist. Friseurmeister Patrick Zirkel beim Haareschneiden in seinem Betrieb.
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Das LT hat sich in Landsberg umgehört, wie es um das Friseurhandwerk bestellt ist. Friseurmeister Patrick Zirkel beim Haareschneiden in seinem Betrieb.
Bild: Julian Leitenstorfer

Städte verändern sich durch das Internet. Ein guter Haarschnitt kann jedoch noch nicht bestellt werden. Mit welchen Problemen die Friseure in Landsberg zu kämpfen haben.

In 20 Jahren wird die Landsberger Innenstadt, wie jede andere Innenstadt auch, völlig anders aussehen. Dinge, die man im Internet kaufen kann, wird es nicht mehr im Laden um die Ecke geben. Den Laden wird es nicht mehr geben. Das behauptete erst kürzlich ein IT-Experte auf einem der Kreativ-Workshops im Rahmen des Stadtentwicklungsprozesses „ Landsberg 2035“. Sollte er Recht behalten, was wird dann noch bleiben? Ärzte vielleicht? Restaurants und Cafés, ja bestimmt. Und: Dienstleister sowie (Kunst-)Handwerker! Aber auch die wird man online suchen. Was es auf jeden Fall geben wird, sind Friseure. Ein guter Haarschnitt wird niemals im Internet zu kaufen sein. Sollte nicht der Super-Natural-Look angesagt sein, ist davon auszugehen, dass jeder Bürger der Stadt alle sechs bis acht Wochen zum Friseur geht. Der Friseurberuf ist also krisensicher - sollte man meinen.

Es gibt nur noch zehn Ausbildungsbetriebe

Doch die Branche hat mit vielerlei Problemen zu kämpfen: zu viel Bürokratie und Vorschriften, kaum Ausbildungsplätze, wenig Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten, eine Vielzahl konkurrierender Kleinstbetriebe. So gibt es im gesamten Landkreis etwa 150 gemeldete Friseurbetriebe, davon sind rund 80 „richtige“ Friseure, schätzt Karlheinz Dittler, Friseurobermeister und Leiter der Friseurinnung Landsberg. Die anderen seien mobile Heimservices, „Hinterhofsalons“ oder würden im heimischen Badezimmer schneiden.

Und nur zehn Betriebe im gesamten Landkreis bilden überhaupt noch junge Menschen aus. Auf der Ausbildungsmesse in Kaufering hatte die Innung zwar einen Stand, musste potenzielle Bewerber aber enttäuschen, denn Ausbildungsplätze seien rar. Dittler empfiehlt jedem, der diesen „tollen, weil vielfältigen, Beruf“ anstrebe, schon früh Kontakt zum Laden seiner Wahl aufzubauen oder sich herausragend darzustellen.

Von landkreisweit zurzeit lediglich zwölf Auszubildenden kommen allein sechs aus dem Salon Palmares von Claudia Palm im Hinteranger. Die junge Friseurmeisterin, 30, hat– nach einem Jahrzehnt als angestellte Friseurin – vor vier Jahren den Laden ihres ehemaligen Chefs übernommen und setzt seitdem konsequent ihre eigene Vision von einem guten Friseursalon um. Nachhaltigkeit, Individualität, Ausbildung und hohe Qualität sind ihre Stichworte. Sie gibt viel und sie verlangt auch viel von ihren Lehrlingen, schickt sie regelmäßig auf eine private Friseurakademie nach Stuttgart, hat ein eigenes, 300-seitiges Ausbildungskonzept, investiert jede Woche einen gesamten Arbeitstag nur in die Ausbildung ihrer Schützlinge.

Dafür dürfen diese schon im zweiten Lehrjahr eigene Projekte umsetzen. „Ihr müsst schon selbst Gas geben“, rät sie ihnen. Von Anfang an hohe Standards setzen, das sei die Zukunft des Friseurberufs. Man müsse nicht 200 Sachen anbieten, aber die, die man anbietet, müssten hochwertig sein. Friseur, das ist ein emotionales Handwerk, sagt Claudia Palm, da muss man viel in die Mitarbeiter investieren. Und noch etwas ist ihr wichtig: nicht jammern, tun!

Die Ausbildungsbetriebe verlieren ihren Nachwuchs

Ein weiteres Problem sieht Innungsmeister Dittler in der Novellierung der Handwerksordnung im Jahr 2004. Für Friseure entfallen seitdem die früher notwendigen Gesellenjahre, jeder kann direkt nach der Ausbildung eine Meisterprüfung dranhängen und werde danach vom Jobcenter bei der Selbstständigkeit unterstützt. Eine Katastrophe besonders für die ausbildenden Betriebe, die sofort ihren Nachwuchs verlieren würden, so Karlheinz Dittler. Billigfrisörketten sei durch die Einführung des tariflichen Mindestlohns die Grundlage entzogen worden, durch den Wegfall der Gesellenjahre allerdings würde sich die Branche nun in Richtung Kleinstbetrieb entwickeln.

Und in der Tat: Allein beim Gang durch die Altstadt Landsbergs zählen wir 16 Friseurläden. Die Konkurrenz ist groß, das Angebot ebenso. Da werden neben dem klassischen Programm (waschen, schneiden, färben) auch zusätzliche, branchenfremde Dienstleistungen wie Waxing, Maniküre, Gesichtspflege oder Massage angeboten. Man muss eben etwas Besonderes bieten, um sich abzusetzen, meint beispielsweise Cornelia Knoll, die gerade mit ihrem Salon vom Hinter- in den Vorderanger gezogen ist. Die bei Vidal Sasoon ausgebildete Meisterin hat sich neben dem Haarschnitt auf Naturhaarfarben und Massagen spezialisiert.

Erst neulich hat sie sich wieder auf Bali in der dortigen, traditionellen Massagetechnik fortbilden lassen. Ihren Laden schmücken viele Skulpturen und Mitbringsel aus Asien. Cornelia Knoll ist froh, ihr „eigener Herr“ zu sein, ohne sich mit Angestellten oder Azubis belasten zu müssen. Dass man auch außerhalb der 1A-Lagen der Altstadt gut leben kann, zeigt der Salon „Patricks Haarspektrum“ in der Dominikus-Zimmermann-Straße. Dort hat sich Friseurmeister Patrick Zirkel vor sechs Jahren selbstständig gemacht.

Zirkels Rechnung ist einfach

„Patricks Haarspektrum“ ist das Paradebeispiel eines klassischen Friseursalons, der Wert auf individuelle Lösungen legt. „Unser Credo ist es, jeden Menschen mit der entsprechenden Individualität zu betreuen und so auf seine Bedürfnisse einzugehen, um die für ihn passende Frisur zu finden.“ Neben dem Meister stehen noch sechs Mitarbeiterinnen im Laden, unter ihnen die von Patrick Zirkel ausgebildete Meisterin Christina Göbel. Es gäbe noch Bedarf für weitere Friseure, auch Azubis ist Zirkel nicht abgeneigt, aber das persönliche Miteinander müsse stimmen.

Seine Rechnung: Wenn alle Landsberger alle sechs Wochen zum Friseur gehen und eine Vollzeitkraft an fünf Tagen etwa 200 Menschen pro Monat bedient, dann wären in Landsberg viel zu wenig Friseure. Es ist, so sagt er, ein toller Beruf, kreativ und kommunikativ. Aber auch Patrick Zirkel beklagt das immer engere bürokratische Korsett mit mehr und mehr Auflagen, die das Handwerk erschweren.

Ob es nun in Landsberg 2035 noch Friseure geben wird? Claudia Palm zumindest weiß, was sie will: In zehn Jahren möchte sie mindestens 14 bestens ausgebildete, festangestellte Mitarbeiter in ihrem Laden haben, eine zweite Etage mit eigenem Kosmetikbereich sowie eine eigene Ausbildungsakademie.

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