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Riederau

10.11.2020

Wenn in Riederau die Wildnis zu Bauland wird

Markus Sämmer beobachtet mit mehreren Nachbarn die bauliche Entwicklung am Unteren Forst mit Sorge. Das Foto zeigt ihn neben dem Grundstück am Waldrand, auf dem vier neue Häuser errichtet werden sollen.
Bild: Gerald Modlinger

Plus Das Ammersee-Westufer ist ein begehrter Platz zum Wohnen. Das spürt man besonders auch in Riederau, wo an vielen Stellen immer dichter gebaut wird. Ein Beispiel aus der Straße „Unterer Forst“.

Tannen, Eichen, Kiefern und Buchen standen noch bis vor Kurzem auf einem großen Grundstück am Unteren Forst in Riederau, „ein komplett gesunder Mischwald“, wie Anwohner Markus Sämmer sagt. Davon ist nur noch ein großer Haufen Stämme, Äste und Zweige übrig geblieben, während die Erdarbeiten für den Bau von vier Wohnhäusern bereits begonnen haben. Riederau verändert sich schon seit einigen Jahren – und nicht nur im Ortszentrum, sondern auch an den Rändern.

Riederau ist am Ammersee-Westufer ein Ort mit einer besonderen Historie. Der ursprüngliche Weiler entwickelte sich nach dem Bau der Eisenbahn zu einer parkartigen, locker bebauten Ferienhaus- und Villenkolonie, die sich heute praktisch über die gesamte Flur vom Seeholz im Norden bis zum Curry Park im Süden und zum Staatswald im Westen ausdehnt. Genau hier neben dem Staatswald befindet sich die Straße Unterer Forst. Wo der Wald endet und der Siedlungsbereich beginnt, lässt sich gar nicht immer so eindeutig erkennen, so aufgelockert ist die Bebauung dort weitgehend. Damit das Gebiet seinen durchgrünten Charakter erhält, stellte die Marktgemeinde Dießen bereits in den 1980er-Jahren einen Bebauungsplan auf, der nur eine begrenzte Nachverdichtung erlaubt. Doch dieser weist eine – wie sich in den vergangenen Jahren herausstellte – entscheidende Lücke auf.

Der Bebauungsplan hat eine entscheidende Lücke

Als der Bebauungsplan aufgestellt wurde, sparte die Marktgemeinde das Grundstück, das jetzt dichter bebaut wird, großteils aus. Denn damals wurde die Fläche überwiegend als unbebaubarer Außenbereich angesehen. Nur für den Teil, den man als Innenbereich betrachtete, wurde neben dem bestehenden Wochenendhaus ein weiterer Bauraum direkt an der Straße Unterer Forst vorgesehen.

Dann verging etwa ein Vierteljahrhundert, bis das mehr als 4000 Quadratmeter große Grundstück im Übergang von einer zur anderen Generation geteilt wurde. Bereits 2013, so die Information von der Leiterin des Dießener Bauamts, Johanna Schäffert, stellte das Verwaltungsgericht, das der damalige Eigentümer angerufen hatte, aber fest, dass das 2400 Quadratmeter große Teilgrundstück ganz dem Innenbereich zuzuordnen und damit bebaubar sei. Anfang 2020 kaufte ein Bauunternehmen das Gelände. Dessen Baugesuch sieht nun vier neue Häuser vor. Mit Verweis auf die damalige Meinung des Gerichts sah sich auch der Bauausschuss des Dießener Gemeinderats letzten Endes außerstande, die beantragten vier Häuser abzulehnen.

Es werden auch Folgen für das Nachbargrundstück erwartet

Markus Sämmer befürchtet, dass diese vier Häuser erst der Anfang sind. Tatsächlich kann die Neubebauung dazu führen, dass auch die südlich davon gelegenen Grundstücke künftig als Innenbereich betrachtet werden. Sie liegen ebenfalls außerhalb des Bebauungsplangebiets. Diese Sorge wurde auch im Bauausschuss geäußert.

Auch Mario Kessler ist wegen der Neubebauung besorgt. Er selber hat zwar vor wenigen Jahren auch am Unteren Forst gebaut, aber zugleich auf seinem 1600 Quadratmeter großen Grundstück zahlreiche neue Lebensräume für Insekten, Amphibien und Reptilien geschaffen. Doch nicht nur bei ihm auf dem Grundstück tummeln sich viele davon, sondern im gesamten Unteren Forst. Das bislang locker bebaute Gebiet sei durch seine Vielgestaltigkeit noch attraktiver als Wald und Flur, sagt Kessler. In einem Schreiben an das Landratsamt erwähnte er Dutzende Bienen-, Schmetterlings- und Libellenarten sowie Vögel, ebenso Reptilien und Amphibien bis hin zu größeren Säugetieren wie Hermelin, Baummarder, Dachs und Fuchs.

Ein Blick auf die Baustelle am Unteren Forst in Riederau, wo am Waldrand vier neue Häuser errichtet werden.
Bild: Gerald Modlinger

Mit mehreren Nachbarn hatte sich Kessler ans Landratsamt gewandt, viel erreichen konnten sie jedoch im Hinblick auf die von ihnen gewünschte „naturschonende und dem Umfeld angepasste Bebauung“ nicht: Der Bauwerber sei lediglich verpflichtet worden, einen Amphibienschutzzaun zu errichten, damit keine Frösche und Kröten in die Baugruben stürzen. An der geplanten Baudichte war nicht zu rütteln, auch deswegen, weil die Gemeinde zwischenzeitlich den Bebauungsplan „Unterer Forst“ geändert hatte. Dieser gilt zwar nicht für die Bauparzelle, aber das Landratsamt nahm trotzdem Bezug darauf, wie aus einem Schreiben an eine Anwohnerin hervorgeht: „Die in diesem Bebauungsplan ursprünglich festgesetzte Grundflächenzahl von 0,15 wurde im Rahmen der 1. Änderung des Bebauungsplans ersatzlos gestrichen und damit eine Nachverdichtung der Bebauung ermöglicht.“ Konkret bedeutet dies, dass nun bis zu 560 Quadratmeter Grundfläche bebaut werden könnten. Das Bauunternehmen betont jedoch, kleiner zu bauen, damit sich die Gebäude in die Umgebung einfügen. Würde die frühere Grundflächenzahl weiterhin gelten, hätte das Grundstück nur mit rund 360 Quadratmetern überbaut werden können. Mario Kessler befürchtet aber, dass die bisherige Übergangszone von Wald und Siedlung zerstört wird. Das Grundstück werde am Ende fast vollständig versiegelt.

Es liegt nicht nur an den Renditeerwartungen der Investoren

Es sind aber nicht nur die Renditeerwartungen von Investoren und Bauträgern, die dazu beitragen, dass sich Riederau verändert, merkt Markus Sämmer an, dessen Urgroßvater einst ein Haus am Unteren Forst errichtet hatte. Der Übergang von einer zur nächsten Generation werde angesichts der stark steigenden Immobilienpreise immer schwieriger: Entweder müssen Miterben ausbezahlt werden und/oder es wird Erbschaftssteuer fällig. „Dann sind viele Leute gezwungen, in die Falle zu tappen“, sagt Sämmer. So müsse verkauft werden und so verschwinde ein um das andere Wochenendhäuschen mit großen Bäumen und etwas Wildnis drum herum zugunsten von Neubauten mit viel Stein und Beton.

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