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Dießen

12.03.2019

Wo Geschichte erlebbar wird: Zu Besuch bei Dießens neuer Archivarin

In riesigen Rollregalen bewahrt die Marktgemeinde Dießen „ihr Gedächtnis“ auf. Barbara Blankenburg sichtet und sichert dabei alles, was für die Nachwelt einmal von Interesse sein könnte.
Bild: Peter Stöbich

Barbara Blankenburg kümmert sich seit einem Monat um das Gedächtnis der Marktgemeinde Dießen. Dass die Archivarin ohne viel Tageslicht auskommen muss, macht ihr wenig aus.

Um in die Vergangenheit der Marktgemeinde Dießen zu reisen, geht es im Treppenhaus vorbei an einer Veteranenfahne aus dem Jahr 1869 hinunter in den Rathauskeller. Dort liegt gut geschützt hinter einer versperrten Eisentür das Reich von Archivarin Barbara Blankenburg. Seit Februar hütet sie das Gedächtnis der Gemeinde, drei Mal in der Woche für 20 Stunden.

„Mein Interesse an geschichtlichen Themen ist nicht nur rein beruflich“, erzählt die 38-Jährige. Seit 2010 ist sie Schriftführerin im Herrschinger Verein für Archäologie und Geschichte und seit 2015 Mitglied im Arbeitskreis Kommunalarchivare Oberland, im Heimatverein Wörthsee sowie im Verein Kulturlandschaft Ammersee-Lech. In den vergangenen Wochen hat sie sich erst einmal einen groben Überblick verschafft, was ihre Vorgängerin Elke Ahrens-Ratz zwei Jahrzehnte lang alles gesammelt und geordnet hatte. „Das ist so viel, dass ich sicher noch eine ganze Zeit lang beschäftigt sein werde, um richtig durchzublicken“, sagt sie. Jahrhunderte alte Akten und Verträge, Ratsprotokolle und Urkunden, Broschüren und die Ammersee-Nachrichten, historische Fotos und Postkarten, Dias und Filme stapeln sich in den Regalen von fünf riesigen Schränken, die auf Schienen gleiten – eine wahre Schatzkammer für alle, die sich für Dießens Chronik interessieren.

Der Datenschutz ist wichtig

„Wer etwas Bestimmtes im Gemeindearchiv sucht, muss bei uns nichts bezahlen“, sagt Geschäftsstellenleiter Karl Heinz Springer. Besonders geschützt seien natürlich die Persönlichkeitsrechte von Menschen. „Es kann also niemand ins Archiv gehen und nachlesen, ob etwa sein Nachbar aus irgendeinem Grund vom Jugendamt betreut wurde, das darüber dann eine Akte angelegt hat.“ Dieser Datenschutz gelte laut Springer auch für viele andere Bereiche wie Geschäftsbeziehungen, Gesundheitliches und Finanzielles.

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„Unsere Mitarbeiter in der Verwaltung dürfen auch nicht nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob und welche Dokumente sie schreddern wollen“, sagt er, sondern sie müssen die Akten der Archivarin anbieten. Diese sichtet, sortiert und bewertet alles, ordnet die Themen und ist dafür verantwortlich, dass die Dießener auch im Jahr 2100 noch nachvollziehen können, was die Kommunalpolitiker 80 Jahre zuvor beschlossen haben.

Alte Akten dürfen nicht einfach geschreddert werden

„Ob es aber in 100 Jahren auch noch PC-Papier und das säurehaltige Kopierpapier geben wird, bezweifle ich“, meint Blankenburg. Sie trägt bei ihrer Arbeit oft Baumwollhandschuhe, damit der Hautschweiß die wertvollen Dokumente nicht zerstört – viele sind in teuren säurefreien Kartons gelagert. „Auch Feuchtigkeit und Schimmel wären eine Katastrophe.“ Geordnet sind die Schriftstücke nach einem Einheitsaktenplan in zehn Hauptgruppen: von der allgemeinen Verwaltung und dem Personenstandswesen über kirchliche und soziale Angelegenheiten bis zu Fischerei, Forst und Finanzwesen, Verbraucherschutz und Verkehr. Weil die Archivarin angesichts der Menge an Material schnell den Überblick verlieren würde, hilft ihr im Computer ein Online-Findbuch – ein digitales Inhaltsverzeichnis mit Verweisen, die den Durchblick im Kellerraum erleichtern.

Die Hitler-Urkunde ist noch immer da

Dort ist der Platz mittlerweile so knapp, dass Blankenburg nicht einmal einen der großformatigen Ordner ausbreiten kann. Über mehrere Jahrhunderte hat sich nicht nur Schriftliches angesammelt, sondern im Archiv lagern auch hölzerne Gedenktafeln mit Fotos, eine historische Fahne der Wanderfreunde, eine gut erhaltene Zunftlade der Dießener Krämer aus dem Jahr 1748 oder eine Urkunde von 1933, mit der die Gemeinde Sankt Georgen „Herrn Reichskanzler Adolf Hitler“ das Ehrenbürgerrecht verleiht.

Aus einem Karton zieht Barbara Blankenburg eine Metall-Filmdose mit dem Schriftzug „Festzug Dießen“. Worum es genau geht, ist unklar. „Den Streifen müsste man sich mal genau anschauen und am besten digitalisieren“, sagt sie. Auch Fotonegative, Diamagazine und alte Videokassetten stapeln sich im Rathauskeller – Arbeit, die gut und gern für etliche Jahre reicht.

Die Arbeit dürfte nicht ausgehen

„Dabei muss man sich eines immer bewusst machen“, betont sie: „Verschwundenes, beschädigtes oder zerstörtes Material kann man nicht nachbestellen wie ein kaputt gegangenes Buch.“ Viele Archivalien existieren nur ein einziges Mal und sind unersetzlich. Wichtig ist auch, dass alle Dokumente, besonders lose Blätter, immer genau wieder in die Akte zurückgelegt werden, in die sie gehören. „Einmal vertauscht, sind sie sonst vielleicht für immer verschwunden und niemand wird sie je wiederfinden und benutzen können.“ Wichtig sei auch zu verstehen, dass man in einem Archiv nicht einfach suchen könne wie in einer Bibliothek.

Aus Privatbesitz kommen auch immer wieder Schätze nach

Nicht nur die Sitzungsunterlagen und Protokolle aus dem Gemeinderat, die in Dießen immer noch in Papierform verteilt werden, sorgen ständig für Nachschub. Zu einer Schatzkammer machen das Archiv viele Dokumente aus Privatbesitz, die Barbara Blankenburg manchmal sogar kostenlos angeboten bekommt: „Wenn der Haushalt vom verstorbenen Opa aufgelöst wird, kommen vielleicht alte Briefe, eine Bildersammlung oder sonstige Raritäten zum Vorschein, die zwar keinen finanziellen, aber hohen ideellen Wert haben.“ Immer wieder Neues zu entdecken und es dann dauerhaft für kommende Generationen zu bewahren, „das liebe ich an meiner spannenden Arbeit“, sagt sie.

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