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Donauwörth

05.12.2020

Das Klischee des Weihnachtsmannes

Böse, erschöpft oder einfach nur ein Betrüger? Der Weihnachtsmann alias Santa Claus prägt wie kein anderer das Genre der Weihnachtsfilme, die ja vorwiegend aus Hollywood stammen – hier eine Szene aus Bad Santa. Doch es gibt noch jede Menge andere typische Protagonisten: Elfen, Hexen, Wichtel, Hunde und mehr.
Bild: dpa

Plus Aber wie ist er wirklich, der richtige, echte Weihnachtsmann? Wo wohnt, was macht er im Sommer, wie kann er alle Geschenke in einer einzigen Nacht verteilen?

Stellen Sie sich vor, der Weihnachtsmann sitzt in einem Pariser Bistro, lässt sich mit Wein volllaufen und kippt schließlich vom Hocker. So geschieht es in dem französischen Film „Santa & Co“ von Alain Chabat. Damit das klar ist – die Rede ist vom echten Weihnachtsmann und nicht von irgendeinem kostümierten Darsteller. Dieser französische Santa trägt grüne Gewänder, ist ziemlich einfältig, egozentrisch und mag keine Kinder. Dafür ist er mit Audrey Tautou verheiratet. Der Regisseur, der diese Rolle selbst spielt, wollte mal einen Kontrast zu dem freundlichen, pausbäckigen Opa setzen, der gewöhnlich durch den Schnee stapft. Zu ähnlich sind sich die meisten Weihnachtsfilme, zu ähnlich ihre Helden.

Aber wie ist er eigentlich wirklich, der richtige, echte Weihnachtsmann? Wo wohnt, was macht er im Sommer, wie kann er alle Geschenke in einer einzigen Nacht verteilen? Lauter Fragen, die Kinder heute kaum noch stellen, weil so viele Weihnachtsfilme detailliert darüber berichten.

Santa Claus und Mrs. Claus: Kurt Russell und Goldie Hawn in «The Christmas Chronicles».
Bild: Michael Gibson/Netflix/dpa

Die amerikanische Variante, in der Santa Claus mit Heerscharen von Weihnachtselfen am Nordpol lebt, in einem Rentierschlitten durch die Luft fliegt und durch den Kamin ins Haus kommt, ist dank der Omnipräsenz Hollywoods in aller Welt bekannt. Zum ersten Mal beschrieb der wohlhabende New Yorker Gelegenheitsdichter Clement Clarke Moore im Jahr 1823 den amerikanischen Gabenbringer in seinem Gedicht „A Visit from St. Nicholas“. Das Werk ist in den USA so bekannt und so eng mit dem Fest verbunden wie bei uns Theodor Stroms „Von drauß’ vom Walde komm ich her“. Die Rentiere und der Auftritt durch den Kamin sind schon Bestandteil der Geschichte. Andere Elemente wie die Wohnung am Nordpol, die Werkstatt mit den fleißigen Weihnachtselfen und der rote Mantel kommen erst später hinzu.

Unzählige Filme haben dieses amerikanische Bild vom Weihnachtsmann auch in Europa verbreitet. Gerade deshalb bemühen sich Regisseure immer wieder, ganz andere Geschichten zu erzählen. Wie wäre es, wenn die Weihnachtsmänner aus aller Welt ihren Beruf in einer Schule lernen, so wie die Zauberer in Hogwarts? Der dänische Regisseur Christian Dyekjær hat sich so eine Alma Mater ausgedacht, anders als bei Joan Rowling dürfen dort nur die Jungs das edle Handwerk ein- und ausüben. Die Mädchen lernen nur, wie man Plätzchen bäckt, Strümpfe strickt und Rentiere pflegt. Lucia, die Tochter des dänischen Weihnachtsmanns, will sich damit nicht abfinden. Natürlich setzt sie sich in „Lucia und der Weihnachtsmann“ am Ende durch, aber grundsätzlich gilt für das Weihnachtsland: It’s a man’s world. In vielen amerikanischen Filmen gibt es zwar eine Mrs. Claus, aber die hat vor allem die Werkstatt sauber zu halten und ihren Mann zu bekochen. Ihr erster Film-Auftritt im Jahr 1964 karikiert sie als zänkisches Plappermaul. Das eher weibliche Christkind hat es bislang nur in der männlichen Version auf die Leinwand gebracht. Santa Claus tritt in vielen Filmen auch als „Kris Kringel“ in Erscheinung, einem von dem Wort „Christkindel“ abgeleiteten Namen.

In Italien befüllt die Hexe Befana Kindersocken mit Süßigkeiten und Geschenken.
Bild: EPA/Claudio Onorati (dpa)

Wer eine Gabenbringerin sehen will, wird in Italien fündig. Dort beschenkt eine Hexe namens Befana am 6. Januar die Kinder. In „Unsere Lehrerin, die Weihnachtshexe“ führt die junge Lehrerin einer italienischen Dorfschule ein Doppelleben – jede Nacht wird sie zu Befana. Sie lästert gerne über ihren omnipräsenten männlichen Konkurrenten im roten Mantel und mault über ihren anstrengenden Job, den sie schon viele hundert Jahre lange ausübt. Beziehungen sind für sie problematisch, da ihre Nase lang, ihre Haut faltig und ihre Finger zu Klauen werden, sobald die Dunkelheit hereinbricht. Eine originelle Idee mit einer ungewöhnlichen Titelheldin, aber leider schwach umgesetzt. Ein irrer Spielzeugfabrikant entführt die Hexe, Weihnachten droht auszufallen, ihre Schüler befreien sie im letzten Moment. Weil das überdreht und voller logischer Fehler inszeniert ist, tut der Film der Emanzipation in der Weihnachtswelt keinen Gefallen.

Die Angst, Weihnachten könnte einmal nicht stattfinden, liefert den Stoff für unzählige Filme: Irgendein Fiesling hat etwas gegen das Fest und versucht, es zu verhindern – o Schreck! Aber keine Angst, mutige Kinder, unterstützt von himmlischen Wesen (oder umgekehrt) verhindern das.

Weihnachten gerät im Film regelmäßig in Gefahr

Weihnachten gerät im Film so regelmäßig in Gefahr, dass man sich fragt, wieso es trotzdem jedes Jahr wieder stattfindet. Offenbar haben die Schurken der Welt, wenn sie nicht gerade die Goldreserven der USA verstrahlen oder unsere Galaxie atomisieren, nichts anders im Kopf als das Weihnachtsfest zu stören. Meistens sind es nur Enttäuschungen aus der Kindheit, die sie dazu antreiben – sie haben keine oder die falschen Geschenke erhalten. Der Vater aller Weihnachtsmuffel, das ist Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Der Urahn aller Weihnachtsbösewichte aber ist der biblische König Herodes, der die Knaben in Bethlehem ermorden lässt, weil er keinen Konkurrenten im Land haben möchte.

Damit kommen wir zu einem anderen Motiv, um Weihnachten zu ruinieren – das Geltungsbedürfnis. Einige Antagonisten sind neidisch auf die Beliebtheit des alten Herren und wollen selbst der Weihnachtsmann sein. Darum setzen sie den echten außer Gefecht, so wie Jack Frost in „Santa Clause III – Eine frostige Bescherung“ oder Jack Skellington in „Nightmare before Christmas“. Natürlich haben sie damit keinen Erfolg und am Ende kommt wieder alles ins Lot.

Die Augsburger Puppenkiste mit "Der Weihnachtsmann, der vom Himmel fiel".
Bild: Wolfgang Diekamp

Und schließlich ist da noch der Kommerz. Cornelia Funke hat sich eine Weihnachtswelt ausgedacht, in der ein skrupelloser Diktator die Macht übernommen hat: Waldemar Wichteltod will, dass die Eltern ihren Kindern teure Geschenke kaufen und verfolgt alle Weihnachtsmänner, die da nicht mitspielen. Einer aber kann fliehen – Niklas Julebukk, der sich bei den Menschen versteckt. Zweimal wurde die Geschichte vom Weihnachtsmann, der vom Himmel fiel, verfilmt: Von der Augsburger Puppenkiste und als Realfilm.

Zu den nervigsten Gestalten der amerikanischen Christmas-Folklore gehören die Elfen mit ihren spitzen Ohren. Sie werden im Kino meist von Kleinwüchsigen oder Kindern dargestellt und sind entweder tollpatschig oder übereifrig. Bisweilen gerät Weihnachten sogar durch ihren Aktionismus in Gefahr, manchmal tragen sie auch zur Rettung bei. In „Buddy, der Weihnachtself“ spielt Will Ferrell einen Menschen, der die Elfen an Zappeligkeit noch übertrifft. Er wurde am Nordpol von Santas kleinen Helfern aufgezogen. Als sich nach New York aufmacht, um seine wahren Eltern zu finden, nimmt er ziemlich viel kindlichem Elfen-Charme in die Großstadt mit und sorgt für Chaos in der Welt der Menschen. Cornelia Funke stellt ihrem Weihnachtsmann bewusst keine Elfen, sondern Kobolde als Helfer an die Seite, die granteln und faulenzen, anstatt hyperaktiv herumzuspringen.

Auch Hunde sind gerne Hauptpersonen in Weihnachtsfilmen

Haustiere, insbesondere Hunde, als Hauptpersonen in Weihnachtsfilmen sind ein relativ neuer Trend. Weil die Kombination von weihnachtlicher Optik und süßen Vierbeinern über so mache inhaltliche Schwächen hinweghilft, hat sich daraus ein eigenes Subgenre entwickelt. Willy Wuff, Pfote, Beethoven und ein ganzes Rudel weiterer Weihnachtsköter tun ihr Bestes, um das Fest zu retten und die Kassen klingeln zu lassen.

Übernatürliche Wesen, sei es der Weihnachtsmann oder sprechende Hunde, sind für den Weihnachtsfilm nicht zwingend notwendig. In der Geschichte vom „Kleinen Lord“, bezaubert der drollige amerikanische Junge Cedric Errol mit seinem sonnigen Gemüt ganz ohne den Beistand himmlischer Mächte seinen grantigen britischen Großvater. Schutzbedürftige Minderjährige, Waisen- oder moderner auch Scheidungskinder, sind als Hauptpersonen sehr beliebt. Hier scheint wieder eine Parallele zur biblischen Weihnachtsgeschichte auf: Das hilflose kleine Wesen, dass den Gefahren der Welt ganz alleine gegenübertritt. Die Halbwaisen Cedric Errol und Aschenbrödel oder Kevin McCallister, dessen Eltern ihn zumindest vorübergehend im Stich lassen, sind moderne Vertreter einer uralten literarischen Tradition.

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