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Region Augsburg
11.09.2016

"Ich will bei dir bleiben" - Alltag in einer Pflegefamilie

Der Alltag in Pflegefamilien ist nicht immer leicht.
Foto: Bernhard Weizenegger/Symbolbild

Wenn Kinder aggressiv oder gar verwahrlost sind, helfen Eltern auf Zeit, sie wieder in die richtige Spur zu bringen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ein Erfahrungsbericht.

Tim* weigert sich, ins Haus zu kommen. Runde um Runde dreht er auf seinem Fahrrad im Innenhof. Durchs Küchenfenster beobachtet Britta Becker, wie der dünne Junge, immer stürmischer strampelnd, mit den Reifen Staubwolken aufwirbelt. Becker fährt sich durchs Haar. Es ist so weiß, als sei die Farbe vor lauter Sorge zu schnell aus ihren Strähnen gewichen. An den holzgetäfelten Wänden in ihrer Küche hängen bunte Kinderzeichnungen. Eine Blume, eine Sonne mit strahlendem Gesicht, „liebe Britta, du bist die Beste auf der Welt“ steht da in wackligen Buchstaben.

Nicht „liebe Mami“, nicht „du bist die beste Mutter“. Britta Beckers Kinder sind nicht ihre eigenen. Ihre vier erwachsenen Töchter und Söhne wohnen schon lange nicht mehr zuhause. Sie ist Pflegemutter, hat sich schon um viele Kinder gekümmert, die vorübergehend nicht bei ihren Eltern bleiben konnten. Im Moment sind das Lisa, acht Jahre alt, und Tim, zehn Jahre. Lisas Mutter starb, als sie ein Kleinkind war. Der Vater, von Depressionen geplagt, konnte sich allein nicht um die Kleine kümmern. Tim kam vor einem Jahr in Britta Beckers Familie. Der psychisch kranke Junge wurde von den Eltern vernachlässigt, verbrachte die Hälfte seines Lebens im Heim. Er trat um sich, er biss Erzieher.

„Anfangs war er voll auf Medikamente“, erzählt die 53-jährige Pflegemutter. „Er musste Ritalin und Beruhigungsmittel schlucken, war wie ferngesteuert. In der Schule hat er blind um sich geschlagen.“ Erst als sie ihm die Medikamente abgewöhnte, fing Tim an, Gefühle zu zeigen, und entschuldigte sich auch mal für seine Wutanfälle. Am Türrahmen neben Lisas Zeichnungen hängen gelbe Post-its. In krakeliger Schrift schrieb Tim: „Liebe Britta, es tut mir leid, was ich alles gemacht habe. Ich hoffe, es wird alles wieder gut.“

Das Mittagessen ist fertig, Käsespätzle und Salat. Aber Tim will einfach nicht ins Haus kommen. Den Oberkörper tief über den Lenker gebeugt, brettert er zwischen Garage und Scheune hin und her. „Tim, komm endlich rein“, ruft die Pflegemutter, das Essen wird sonst kalt. Sie ruft ihren Mann. „Peter, hol den Tim ins Haus!“ Vor dem stämmigen Peter hat Tim mehr Respekt.

Peter Becker: "Ein Haus braucht Kinder"

Der 52-Jährige arbeitet fast den ganzen Tag auf dem Acker oder im Stall. Familie Becker züchtet Hühner und baut Kartoffeln an. In den vergangenen Jahren zogen Beckers Kinder nach und nach aus. Nur Ralf, der Nachzügler, blieb. Er beschwerte sich: „Ich fühle mich wie ein Einzelkind!“ Britta und Peter Becker boten beim Münchner Pflegeverein Mikado ihre Hilfe an. „Ein Haus braucht Kinder,“ sagt Peter Becker, „ohne sie fehlt irgendwas.“ Zwei Jahre und etliche Formulare später bekam Ralf seine ersten Geschwister auf Zeit. Bis er im August für seine Ausbildung die Heimat verließ, hatte er sieben neue Brüder und Schwestern auf Zeit.

In der Küche wirft Lisa derweil ihren Schulranzen ab. Im Deutschtest hat sie eine Zwei bekommen, das will sie ihrem Vater schreiben. Sie tippt die Nachricht ins Handy der Ersatzmutter und wartet. „Schreib zurück, schreib zurück“, singt sie, als würde sie eine Fußballmannschaft anfeuern. Eigentlich hätte Lisa bereits diesen Sommer zu ihrem Vater zurückkehren sollen, doch der fühlt sich der Aufgabe noch nicht gewachsen. „Als das Jugendamt entschied, dass Lisa bis nächstes Jahr bei uns bleiben soll, war ich erleichtert“, sagt Britta Becker. „Die beiden sind noch nicht so weit.“

Knapp 85000 Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Pflegefamilien, 10000 allein in Bayern. Wenn irgendwie möglich, sollen die Kinder nur ein paar Monate bei den Ersatzeltern bleiben. Währenddessen haben die leiblichen Eltern Zeit, um nach schweren Krisen oder Schicksalsschlägen wieder auf die Beine zu kommen. Nach spätestens drei Jahren ist die Zeit in der Pflegefamilie in dieser Pflegeform zu Ende. Entweder kehren die Kinder zu ihren Eltern zurück oder sie kommen ins Heim. Ganz selten bittet das Jugendamt die Pflegeeltern, die Kinder dauerhaft bei sich zu behalten.

Dass Tim jemals zu seinen richtigen Eltern zurückkehren kann, ist undenkbar. Seine Mutter haute früh ab, Tim und seine Geschwister verwahrlosten. Während der Vater arbeitete, ließ er Tim in seinem Auto zurück, stundenlang. Er wusste nicht, wohin mit dem Kleinkind. Irgendwann taucht die Mutter wieder auf, will Tim erst aus dem Heim und dann aus der Pflegefamilie klagen. Im Herbst soll sie Tim besuchen. Als sie nicht erscheint, rastet der Junge aus und kratzt sich den ganzen Körper blutig. „Ich will bei dir bleiben“, flüstert er seiner Britta später ins Ohr.

Pflegefamilien geben sich gegenseitig halt

Endlich steht nun auch Tim in der Küche. Der Duft von Käse und geschmorten Zwiebeln hat ihn ins Haus gelockt. „Toilette gehen, sauber machen“, mahnt Becker. Es sind diese Regeln, die immer gleichen Abläufe, die Tim und Lisa das Gefühl für einen Familienalltag zurückgeben sollen. Tim verschwindet im Badezimmer. Tag und Nacht trägt er eine Windel. Beckers Pflegesohn kann nicht einhalten. Der Zehnjährige wickelt sich selbst. Dann gibt es Essen. „Mir hat heute der Tom den Mittelfinger gezeigt“, erzählt Tim. Wie er reagiert habe, will der Pflegevater wissen. „Nichts, ich hab nur gesagt, dass er damit zeigt, wie dumm er ist.“ Pflegemutter und Vater loben so begeistert, wie andere Eltern ihr Kind für einen Tennispokal feiern würden. Dass er nicht ausgerastet ist, ein großer Erfolg. Immer wieder schickt die Förderschule Briefe: Tim sei aggressiv, so könne es nicht weiter gehen. Vielleicht müsse er doch wieder Medikamente nehmen. „Das macht mich traurig“, sagt Britta Becker. „Da frage ich mich, warum es die Schulpflicht gibt. Es wäre besser, wenn wir ihn zuhause unterrichten könnten.“

Mühsam kämpft sich Tim nach dem Essen durch die Matheaufgaben, die Pflegemutter immer an seiner Seite. Als alle Zahlen auf dem Arbeitsblatt richtig miteinander verbunden sind, fahren Britta Becker, Lisa und Tim zu ihrer Hühnerfarm. Knapp zehntausend junge Vögel flattern aufgeregt im Gehege umher, während die Kinder versuchen, eins zu fangen. Aber die Tiere sind jedes Mal schneller. Da ist das tote Küken, das Tim und Lisa plötzlich hinter einem Strohballen entdecken, viel spannender. „Werft es weg“, bittet die Pflegemutter. Mit spitzen Fingern hebt Tim den Kadaver auf und lässt ihn in die Mülltonne fallen.

Lisa will noch bei den Ponys vorbeifahren. Die stehen auf dem Bauernhof von Clara Wennert, ebenfalls Pflegemutter, seit zwanzig Jahren schon. Die Kinder streicheln die dicken Ponys, Wennert und Becker stehen in der Küche. Nicht selten passiert es, dass sie sich gegenseitig anrufen, wenn sie erschöpft sind oder mit ihren Schützlingen nicht mehr weiter wissen. Und sie trösten einander, wenn der Abschied besonders schwer fällt. „Es ist schlimm, wenn ich weiß, dass ich die Kinder in schlechte Verhältnisse geben muss“, sagt Wennert. „Einmal hatte ich zehn Monate alte Zwillinge bei mir. Die Mutter war obdachlos.“ Nach einiger Zeit musste Wennert die Kinder auf die Straße zurückgeben.

Die Pflegekinder der beiden Frauen klettern aufs Trampolin im Garten. Tim springt wild in die Luft und schlägt Saltos. „Das braucht der Junge“, sagt Britta Becker, während sie ihn durchs Fenster beobachtet, „nicht irgendwelche Medikamente.“ Ob sie Tim bei sich behalten würde, weiß Britta Becker noch nicht. „Ich muss ihm ständig hinterher putzen. Das ist ein verdammter Aufwand.“ Die Alternative: Tim würde in eine betreute Wohngruppe für psychisch kranke Jugendliche kommen. „Doch da setzen sie ihn sicher wieder auf Tabletten und machen alles kaputt, was wir erreicht haben. Das will ich nicht.“

Es geht nicht um das Geld

Manchmal fragt sich Britta Becker, wieso sie sich das antut. Für das Geld macht sie es sicher nicht. Pro Tag und Kind bekommt sie um die 60 Euro. Davon bezahlt sie Spielzeug, Klamotten, Essen. Auch für ihr persönliches Glück tut Becker sich das nicht an. Die leiblichen Eltern stehen für die Kinder an erster Stelle. Das müssen die Pflegeeltern respektieren, ansonsten dürften sie keine Kinder aufnehmen. Sobald die Kinder die Familie verlassen, dürfen sich die Pflegeeltern nicht bei ihnen melden. Sie müssen warten, bis die Kinder den ersten Schritt machen. Und noch während sie in der Pflegefamilie sind, muss Britta Becker den gewissen Abstand wahren. „Ich knuddel Tim und Lisa nicht ständig. Nur wenn sie es von sich aus wollen, nehme ich sie in den Arm.“ Aus Sorge um ihre Schützlinge lag Becker schon nächtelang wach. Vielleicht habe sie ja eine Art Weltrettersyndrom, so beschreibt sie es. „Es ist schön, wenn ich was bewirken kann. Wenn sie wegen mir den Abschluss schaffen oder von der schiefen Bahn kommen.“

Sieben Uhr abends, Tim und Lisa müssen ins Bett. Draußen ist es noch hell. Die Abendsonne scheint durch die grünen Vorhänge in Tims Zimmer. Tim schlüpft unter die Decke, seine Ersatzmutter streicht ihm kurz über den Rücken. Neben der Zimmertür hängt ein Foto von seiner Mutter. Mit ernstem Blick schaut die Frau, die sicher zwanzig Jahre jünger ist als Becker, in die Kamera. Wie nach einem langen Sommertag hat sich ein öliger Schimmer auf ihr schmales Gesicht und die Schultern gelegt, die unter ihrem Shirt hervorragen. Würde Tims Mutter lächeln, es wäre das perfekte Urlaubsfoto.

Tim, vermisst du deine Mama? „Ja.“ Willst du gerne bei Britta bleiben? „Ja.“

* Alle Namen geändert

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