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Mindelheim

18.12.2020

Annemarie Möhring war 28 Jahre immer für andere im Einsatz

Annemarie Möhring von der Migrationsberatung der Caritas geht in Ruhestand. Das Poster vom Gutmenschen an der Wand in ihrem Büro ist nicht ganz zufällig.
Bild: Stoll

Plus Annemarie Möhring von der Caritas war für Aussiedler und Flüchtlinge da. Jetzt freut sie sich auf ihren Garten, aufs Wandern und viel Kultur.

Als sie vor 28 Jahren ihr kleines Büro bei der Caritas in Mindelheim bezog, fand Annemarie Möhring weder Schreibmaschine noch Computer vor. Aber sie hatte ja Stift und Papier und ein großes Herz für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben, um im Unterallgäu einen Neuanfang zu wagen. Annemarie Möhring war erste Anlaufstelle für Aussiedler, Flüchtlinge und Asylbewerber bei der Caritas. Ende des Monats tritt sie ihren wohlverdienten Ruhestand an und hinterlässt viele dankbare Menschen.

Sie setzte sich gegen Vorurteile ein

Eines war der gebürtigen Münchnerin schon immer zuwider: vorschnelle Urteile über Menschen, die man gar nicht kennt. Deshalb war ihr in all den Jahren immer wichtig, die Menschen zusammenzubringen. „Nur so verschwinden Vorurteile“. Möhring hat Pädagogik in Berlin studiert. Zuvor ließ sie sich zur Pflegerin ausbilden. Schon damals engagierte sie sich in einem Stadtteilprojekt für Türken, Kurden und Iraner sowie politisch Verfolgte aus unterschiedlichen Ländern.

Zurück in München hat Möhring sich in Haidhausen für interkulturellen Austausch eingesetzt. Zuwanderer waren am Arbeitsplatz gezielt benachteiligt worden, „Gerechtigkeit galt nicht für sie“, musste sie feststellen. Aus privaten Gründen zog es sie und ihre Familie aufs Land ins Unterallgäu. Sie hat den Schritt nie bedauert. Im Gegenteil. Sie sollte hier auch sofort gefordert werden. Es waren die Jahre, als viele Aussiedler aus Russland und Kasachstan nach Deutschland und eben auch ins Unterallgäu kamen. Vier große Unterkünfte lagen in ihrem Einzugsgebiet: Mindelheim, Türkheim, Ettringen und Pfaffenhausen. Dass sie allein da wenig ausrichten wird, war ihr sofort klar. Also suchte sie Ehrenamtliche, die mithelfen wollten. „Die Reaktion war gigantisch.“ Mehrere Initiativen entstanden. Informationsabende wurden organisiert, Sommerfeste, Tanzabende und Nikolausfeiern. Die Helfer boten Sprachkurse an und Hausaufgabenbetreuung, und sogar ein Chor wurde gegründet. „Die Ehrenamtlichen waren immer meine Verbündeten“, sagt sie. Es gab auch ein paar, die konnte sie immer um schnelle Hilfe bitten, die dann auch kam.

Wegen Corona gibt es keine Abschiedsfeier

All diese Menschen, die da selbstlos angepackt haben, schätzt sie bis heute sehr. Um so mehr bedauert sie, dass es Corona derzeit nicht möglich macht, sich von allen persönlich zu verabschieden. Dass der Aussiedlerkreis Unterallgäu 1998 mit der Silberdistel der Augsburger Allgemeinen geehrt wurde, „war wirklich verdient“. Nach den Spätaussiedlern kamen Flüchtlinge aus dem Kosovo. Für sie war es sehr belastend, als bestens integrierte und anerkannte Menschen zurück in ihre Heimat mussten.

„Da haben sich richtige Dramen abgespielt“, was ihr sehr nahe ging. Das sei nicht änderbar gewesen. Aber wenn besondere Härten auftraten, weil ein Schwerkranker zurück sollte, hat sie sich besonders ins Zeug gelegt. Da ging es um eine humanitäre Haltung, und diesen Kompass gab Möhring nie auf.

Auch in Memmingen war Möhring längere Zeit im Einsatz. Dort baute sie mit Jurji Borodkin vom Stadtjugendamt das Projekt „Migration, Integration, Gemeinschaft“ im Memminger Osten auf. Auch hier ging es darum, Menschen zu begleiten und ihnen zu helfen, Probleme zu lösen – sei es zuhause in der Familie oder bei Problemen mit Krankenkasse oder Behörden.

Über eine alleinerziehende Mutter aus Kirgistan

An so manche Erfolge erinnert sie sich gerne zurück. Eine alleinerziehende Mutter aus Kirgistan mit sechs Kindern, davon eines erkrankt und eines schwer behindert, brauchte mehr als nur eine Beratung. Sie benötigte für die Fahrten zu Ärzten ein Auto. Möhring hatte Erfolg und konnte ein Fahrzeug organisieren. Die Mutter ist heute noch dankbar dafür. Und sie fährt das Auto immer noch.

Erst ab 2013 bekam die Einzelkämpferin Möhring Unterstützung durch weitere Kolleginnen in der Flüchtlingsberatung. Dennoch war auch sie weiterhin stark gefordert. Dass mit René Moser aus Illertissen ein Nachfolger für die Migrationsberatung der Caritas gefunden wurde, war ihr ein besonderes Anliegen. Im Februar wird er das Büro beziehen, das neben der Mindelheimer Tafel liegt.

Annemarie Möhring freut sich jetzt auf all das, was im Laufe der Jahre in ihrem Leben zu kurz gekommen ist: die Natur, der Garten, Wandern und Radfahren. Gerade in der Corona-Zeit hat sie auch gespürt, wie sehr ihr die Kultur fehlt. Auf Klassikkonzerte, Opern und Museumsbesuche freut sie sich, sobald die Corona-Pandemie abgeklungen ist. Und dann sind da noch ihre zwei Kinder und zwei Enkelkinder – sie hofft, sie bald wieder öfter zu sehen.

Annemarie Möhring blickt zurück

„Ich habe meine Arbeit sehr gerne und aus Überzeugung gemacht.“ Aber nun sei es an der Zeit, dass jemand anderer die Aufgabe übernimmt. Seit Oktober besteht eine Quarantäne beim Caritas-Seniorenheim. Das hatte auch Folgen für ihren Alltag, der „menschlos“ wurde, weil direkte Treffen nicht mehr ohne Weiteres möglich waren.

Und so geht sie mit einem lachenden und weinenden Auge, dankbar aber für die vielen wohlmeinenden Menschen, die ihre Arbeit unterstützt haben.

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