Verkehr

17.10.2019

Der Flexibus kommt

Josef Brandner ist der Erfinder des Flexibus-Systems. In Günzburg, Mindelheim, Krumbach oder Thannhausen rollen die Fahrzeuge bereits. Im nächsten Jahr wird es den Flexibus auch in Bad Wörishofen geben.
Bild: Bernhard Weizenegger

Der Stadtrat beschließt ein neues Nahverkehrssystem für Bad Wörishofen. CSU, SPD und die Freien Wähler sind begeistert. Doch nicht alle sind dafür. Die Grünen beispielsweise kritisieren den Schritt vehement

Die Kreisstadt Mindelheim hat ihn schon, die Kneippstadt Bad Wörishofen will ihn jetzt: den Flexibus. Der Stadtrat hat beschlossen, dass der Flexibus eingeführt wird, zunächst für fünf Jahre. Im Sommer 2020, spätestens im Herbst, sollen die Busse rollen. Der Start hängt auch davon ab, wie schnell die Stadtwerke an die benötigten neuen Fahrzeuge kommen. Ein bis zwei neue Kleinbusse müssen angeschafft werden, Stadtwerke-Chef Peter Humboldt will gerne Fahrzeuge mit Elektromotor kaufen.

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Nicht alle Ratsmitglieder stimmten für den Flexibus, es gab drei Gegenstimmen. Dagegen sind zum Beispiel die Grünen. „Ein paar Monate vor der Wahl hört es sich halt gut an, zu sagen, wir haben den Flexibus eingeführt“, teilten Fraktionssprecherin Doris Hofer und Daniel Pflügl tags darauf in einer Erklärung mit. Dabei werde jetzt der ÖPNV in Bad Wörishofen „durch ein zusätzliches, defizitäres System“ für die Bürger „komplizierter und teurer“. Mit dem Stadtbus fahre man in Bad Wörishofen für 90 Cent, der Flexibus koste in diesem Gebiet 2,20 Euro.

Bürgermeister Paul Gruschka (FW) sieht das anders als Hofer. „Der Flexibus ist eine Chance“, sagte er. „Beide Systeme können miteinander wachsen und gemeinsam besser werden“, glaubt Gruschka. „Ich möchte nicht der Bürgermeister sein, der diese Chance verschläft“, ließ er Hofer schon in der Sitzung wissen. Sozialreferentin Ilse Erhard (CSU) hält den Flexibus für eine „Ergänzung für unsere Senioren“, Zweiter Bürgermeister und CSU-Fraktionschef Stefan Welzel sprach von „einer Riesenchance“ und bedauerte, dass man nicht schneller und ohne ein Gutachten zur Einführung gekommen sei. FW-Fraktionssprecher Wolfgang Hützler nannte den Flexibus „unabdingbar für die Stadtteile“. Mehrere Redner erwarteten sich vom Flexibus eine bessere Anbindung von Stockheim, Schlingen, Kirchdorf und den anderen Stadtteilen an die Kernstadt.

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SPD-Fraktionssprecher Stefan Ibel wie auch Welzel hätten zudem gerne eine Anbindung an umliegende Flexibus-Systeme. Hier allerdings erteilten die Organisatoren um Flexibus-Erfinder Josef Brandner (BBS Bus Schwaben) eine Absage. Der Flexibus konzentriere sich auf jeweils ein Zentrum, auf Bad Wörishofen. Der Bus, so Brandner, soll die Menschen dorthin bringen, dann geht es mit etablierten Linien weiter. Per Flexibus von Bad Wörishofen direkt nach Mindelheim: das werde nicht gehen.

Der Bus wird telefonisch bestellt. Es gebe aber auch eine App fürs Handy, die sogar eine komplette Reiseverbindung mit allen Linien ausgebe. „Wer von Hartenthal nach Pasing will, erhält die komplette Verbindung mit allen Umsteigepunkten“, erläuterte Brandner.

Noch eine Einschränkung gibt es: Der Flexibus verkehrt nicht nach 19 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen ist schon um 18 Uhr Schluss. Das kritisierte zum Beispiel Claus Thiessen (FDP), der den Bus ebenfalls ablehnt. Ältere Menschen in Bad Wörishofen suchten oft Geselligkeit und diese finde man zumeist am Abend.

Zurück fährt dann aber kein Bus mehr, auch der Flexibus nicht. „In Augsburg kommt man mit dem ÖPNV sicher nach Hause, wer in Bad Wörishofen in der Gartenstadt wohnt, muss stattdessen Angst haben, auf dem Heimweg im Ostpark überfallen zu werden“, konstatierte Thiessen und löste damit hörbare Empörung im Rat aus.

Man halte sich bei den Betriebszeiten an den Beschluss des Kreistages Unterallgäu, erläuterte Helmut Höld vom Landratsamt. Der Flexibus holt die Fahrgäste von festgelegten Haltestellen ab, an jedem Tag des Jahres. Wer den Bus nutzen will, ruft zwischen 7 und 18 Uhr im Callcenter an, bis 30 Minuten vor Fahrtantritt ist das möglich.

Die Fahrpreise werden nach Waben berechnet, die durchfahren werden. Im Stadtrat rechnete man mit den Mindelheimer Preisen. Kernstadt und Gartenstadt sind eine gemeinsame Wabe, hier würden Fahrten demnach 2,20 Euro kosten. Wer dagegen von der Wabe Stockheim/Frankenhofen in die Wabe Kirchdorf/Skyline Park will, zahlt 4,40 Euro pro Fahrt. Von Stockheim aus geht es für 3,30 Euro in die Innenstadt, ebenso aus Dorschhausen oder Schöneschach. Kinder und Senioren fahren günstiger. Zum Einsatz kommen laut Werkleiter Humboldt große Kleinbusse, behindertengerecht ausgerüstet, mit Stehhöhe im Fahrzeug. Josef Brandner sieht in Bad Wörishofen großes Potenzial für den Flexibus, alleine schon aufgrund der Altersstruktur. Brandner sagt, 70 Prozent der Flexibus-Nutzer hätten keinen Zugriff auf ein Auto, 45 Prozent nicht einmal einen Führerschein. Und es zeige sich: Je stärker das Zentrum, sei, desto besser sei die Nutzung.

Gleichwohl wird Bad Wörishofen den Flexibus nicht kostendeckend betreiben können. Drei Berechnungsmodelle liegen derzeit vor, je besser dabei der Bus genutzt wird, desto höher die Kosten. Diese liegen zwischen 120.000 und 221.000 Euro pro Jahr. Zieht man die prognostizierten Einnahmen ab, bleiben 99.000 bis 161.000 Euro. Zwei Drittel davon soll zunächst der Freistaat Bayern zahlen, den Rest teilen sich Bad Wörishofen und der Landkreis Unterallgäu. Zum Ende der fünfjährigen Laufzeit hin sollen die Kosten dann unter den Partnern gedrittelt werden. Für Bad Wörishofen heißt das Summen von 15.000 bis 32.000 Euro im fünften Jahr bei eher geringer Nutzung und von 24.000 bis etwa 52.000 Euro bei sehr guter Nutzung. Stadtwerke-Chef Humboldt sagte, der Flexibus werde den bestehenden Buslinien der Stadtwerke Kunden kosten, ebenso den Mietwagen- und Taxifirmen. Für die Stadtwerke sei der Verlust aber zu verschmerzen. Das Angebot habe in dem erstellten Gutachten „ein Top-Ergebnis“ erzielt. Nur 12,2 Prozent der Fahrgäste seien mit den Buslinien und Zeiten unzufrieden. Grünen-Sprecherin Hofer sieht das ungleich kritischer. Sie kenne das Gutachten auch. „Wer hier noch nie mit dem Bus gefahren ist, soll sich mal den Fahrplan nehmen, und von A nach B planen“, sagt sie. „Das ist definitiv nicht vom Nutzer her gedacht.“ Die Grünen wünschen sich Verbesserungen im bestehenden System, bevor Geld in ein neues System investiert wird. Grundsätzlich sei der Flexibus aber eine „tolle Sache“, sagte Hofer.

In einer Pressemitteilung legten die Grünen nach. Fast alle Vorteile, die der Flexibus bringe, könnten auch „durch eine kluge Verbesserung unserer eigenen Buslinien erreicht werden“, heißt es darin. Als Beispiele nennen Hofer und Pflügl bessere Anbindung der Ortsteile, zeitliche Lücken am Wochenende zu schließen, Barrierefreiheit, mehr Haltestellen. Man brauche in Bad Wörishofen angesichts des Verkehrsaufkommens zudem eine Alternative zum Auto, das aber sei der Flexibus nicht. Zudem sei er teurer als der Stadtbus. Doris Hofer hatte in der Sitzung von Nachfragen bei Taxi-Unternehmen berichtet. Dort glaube man, dass kaum ein Kunde auf den Flexibus umsteigen werde. „Dass die angeschafften Busse emissionsfrei fahren müssen, wurde ebenfalls nicht beschlossen“, kritisieren die Grünen.

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