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Unterallgäu

19.12.2019

Der Flexibus startet im Unterallgäu stotternd

Seit gut einem Jahr ist der Flexibus rund um Mindelheim unterwegs. Fahrer Claus Müller hilft den Gästen beim Ein- und Aussteigen.

Plus Als der Flexibus eingeführt wurde, war die Begeisterung groß – so wie jetzt auch die Ernüchterung. Was den Verantwortlichen Hoffnung macht.

Wie kann das Unterallgäu mobiler werden? Ein Jahr ist es her, da schien zumindest eine Teillösung dieses Problems endlich zum Greifen nah. Zauberwort: Flexibus. Landrat Hans-Joachim Weirather sprach gar von einer „neuen Ära im öffentlichen Personen-Nahverkehr des Landkreises“. Doch die anfängliche Begeisterung ist inzwischen der Realität gewichen. Denn die Zahlen nach einem Jahr Flexibus rund um Mindelheim, Pfaffenhausen und Kirchheim sind ernüchternd.

„Die Erwartungen haben sich noch nicht erfüllt“, sagt Josef Brandner. Er hat das Flexibus-System erfunden und deckt mit seinem Busunternehmen BBS die Gemeinden Breitenbrunn, Eppishausen, Kirchheim, Oberrieden und Pfaffenhausen mit sämtlichen Ortsteilen und Weilern ab. Vor dem Start waren die Planer in diesem Bereich von rund 700 Fahrgästen im Monat ausgegangen. Bislang nehmen das Angebot im Durchschnitt aber nur 400 bis 450 Menschen monatlich wahr. „Das ist im Vergleich zu anderen Rufbus-Systemen im Landkreis zwar deutlich besser“, sagt Brandner. „Trotzdem können wir mit den Zahlen nicht zufrieden sein. Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht – insbesondere aus unternehmerischer Sicht.“

Der Flexibus hat voraussichtlich einen fünfstelligen Verlust eingefahren

Brandner rechnet damit, dass sein Unternehmen mit dem Flexibus im vergangenen Jahr einen fünfstelligen Verlust gemacht hat. Wie rentabel das Projekt für ihn ist, hängt direkt mit der Zahl der Fahrgäste zusammen. Erst bei 700 Fahrgästen monatlich wäre der Flexibus für ihn kostendeckend. Dem Busunternehmen fehlen also die Fahrpreise von mindestens 250 Gästen. „Davon sind wir momentan aber noch ein gutes Stück entfernt“, sagt Brandner.

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Auch das Wabensystem rund um Mindelheim ist noch nicht so ausgelastet wie erhofft. Im ersten Jahr nutzten knapp 8000 Menschen den dortigen Flexibus. Kostendeckend sei das Projekt deshalb auch hier nicht, heißt es vom zuständigen Busunternehmen Steber.

Die Zahlen im Bereich Mindelheim deuten auch darauf hin, dass ein weiteres, wesentliches Ziel, das die Planer beim Flexibus-Start vor einem Jahr ausgerufen hatten, noch nicht erreicht ist: die Anbindung kleinerer Ortschaften. So beschränken sich 75 Prozent der Bewegungen im Mindelheimer Wabensystem auf die Frundsbergstadt selbst. Auf Dirlewang und Kammlach entfallen jeweils sieben bis acht Prozent, auf Stetten noch fünf. Wo bleibt der Rest?

Der Flexibus hängt von anderen Verkehrssystemen ab

Ein erklärtes Ziel des Projekts Flexibus war und ist, gerade älteren Menschen Zugang zu den drei Grundpfeilern „Einkaufen, Besorgen, Versorgen“ zu verschaffen, wie Josef Brandner erklärt. Die Zahlen aus allen Gebieten, in denen bislang ein Flexibus in Schwaben unterwegs ist, sprechen dafür: Demnach haben 70 Prozent der Nutzer keinen Zugriff auf ein Auto, 45 Prozent nicht einmal einen Führerschein. Diese Nutzer sind nach Brandners Erfahrung tatsächlich meist ältere Menschen. Doch gerade sie stehen oft vor einem großen Problem, wenn sie den Flexibus nutzen wollen: die Abhängigkeit von anderen Verkehrssystemen.

Ein Beispiel-Szenario: Eine 75-jährige Frau muss wegen einer Untersuchung von Oberrieden ins Mindelheimer Krankenhaus. Die Reise der Frau beginnt bequem. Der Kleinbus, den sie eine halbe Stunde zuvor gerufen hat, holt sie in Oberrieden ab. Der Ort liegt im Wabensystem der Verwaltungsgemeinschaften Pfaffenhausen und Kirchheim. Die Haltestelle der Frau, eine von zwölf im Ort, ist nicht weiter als 200 Meter von ihrem Zuhause entfernt.

Der Kleintransporter steuert nun jedoch nicht direkt Mindelheim an –die Kreisstadt hat ein eigenes, angrenzendes Wabensystem. Stattdessen fährt die Seniorin für 2,50 Euro im Flexibus zum Pfaffenhausener Bahnhof. Von dort aus führt ihr Weg mit der Mittelschwabenbahn über drei Stationen nach Mindelheim. Kosten: 3,10 Euro. Und wie nun zum Krankenhaus kommen? Hier steht wieder der Flexibus bereit, diesmal einer aus dem Mindelheimer Wabensystem. Er bringt die Frau für zusätzliche 1,70 Euro in die Kreiskliniken. Die Bilanz: drei Verkehrsmittel, zweimal Umsteigen, ein Preis von 7,30 Euro.

Josef Brandner sieht im Flexibus einen "Quantensprung" für die Mobilität im Unterallgäu

Das klingt zunächst wenig verlockend, insbesondere für Menschen im hohen Alter oder mit Behinderung. Doch genau für sie bedeutet das System laut Flexibus-Gründer Josef Brandner einen „Quantensprung: Viele hatten vor dem Flexibus gar keine Möglichkeit, eigenständig zu den Knotenpunkten in der Region zu kommen.“ Ohnehin sei es nie darum gegangen, den Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) insgesamt zu ersetzen. „Die Systeme sollen sich nicht gegenseitig kannibalisieren. Der Flexibus soll die Anschlussmobilität verbessern, also die Leute unkompliziert ins bayern- und deutschlandweite Verkehrsnetz bringen – und das 365 Tage im Jahr“, sagt Brandner. Auch deshalb wolle man am Konzept, pro Wabensystem maximal zwei Zentren zu etablieren, festhalten.

Auch Helmut Höld, ÖPNV-Beauftragter des Landkreises Unterallgäu, wirbt für den Flexibus, fordert aber gleichzeitig ein Umdenken – gerade in Hinblick auf klimafreundliche Verkehrsmittel. „Wir brauchen eine größere Bereitschaft für ökologisches Fahren“, sagt Höld. „Wer sauber unterwegs sein will, muss auch bereit sein, etwas von seiner Zeit herzugeben.“ Er rechne damit, dass Fahrten mit dem ÖPNV, zu dem der Flexibus zählt, durchschnittlich doppelt so lange dauern wie individuelle mit dem Auto.

In nächster Zeit sollen weitere Flexibus-Wabensysteme in Türkheim, Tussenhausen und Markt Wald entstehen

Obwohl das Projekt Flexibus im Landkreis Unterallgäu also eher stockend in Gang gekommen ist, sollen zeitnah weitere Wabensysteme in der Region entstehen. Davon sollen vor allem Gemeinden im östlichen Landkreis profitieren, darunter wie berichtet Bad Wörishofen, Türkheim, Tussenhausen und Markt Wald. Doch welche Zukunft hat der Flexibus überhaupt, wenn die Fahrgäste das Angebot nicht nutzen? Laut Busunternehmer Brandner ist es möglich, innerhalb der Testphase, die noch bis 2023 läuft, Fahrtkosten zu erhöhen und die Fahrzeiten zu verkürzen. Er halte dies für den falschen Weg. „Wenn es aber so bleibt, wie es ist, kommt irgendwann die Existenzfrage.“

Noch ist es laut Brandner aber lange nicht so weit, die Unzufriedenheit mit dem bisherigen Verlauf könne auch Triebfeder für Verbesserungen sein. So wolle er Leute besser informieren und aktiver auf Seniorengruppen zugehen.

Auch ÖPNV-Beauftragter Höld ist optimistisch – gerade mit Hinblick auf Erfolge in den Regionen Krumbach und Günzburg, wo das Systemschon „nicht mehr wegzudenken“ sei: „Jedes neue Projekt braucht eine Anlaufphase, das ist ganz normal. Ich glaube, das bewegt sich schon in die richtige Richtung.“

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