1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Der letzte Metzger von Türkheim hört auf

Türkheim

22.11.2019

Der letzte Metzger von Türkheim hört auf

Max Bihler ist der letzte Handwerksmetzger in Türkheim . Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte steht er seit vielen Jahren Tag für Tag in seiner Metzgerei.
Bild: Alf Geiger

Plus Max Bihler ist der letzte Handwerksmetzger in Türkheim. Was in Zukunft mit der Traditionsmetzgerei und der Filiale in Rammingen passiert.

Gibt es etwas Leckereres für ein Kind als den Geschmack der Scheibe Gelbwurst, auf die sich jedes Mädchen und jeder Bub freut, wenn die Metzgersfrau fragt: „Magst Du eine Wurst...?“

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Vermutlich hat noch nie ein Kind freiwillig „Nein“ gesagt, wenn Brigitte Bihler diese Frage gestellt hat. Wie oft sie Kindern eine Scheibe Gelbwurst in die kleinen Hände gedrückt hat in den vergangenen Jahren, das weiß die 59-Jährige auch nicht mehr: „Da kommt schon was zusammen“, sagt sie lachend.

Seit 1926 ist die Metzgerei Bihler eine Institution in Türkheim

Doch dann verschwindet das fröhliche Lachen aus ihrem Gesicht, als ihr in den Sinn kommt, dass es gar nicht mehr so viele Scheiben Wurst sein werden, die in ihrer Metzgerei über die Theke gehen werden.

Der letzte Metzger von Türkheim hört auf

Die Metzgerei Bihler wird geschlossen, Metzgermeister Max Bihler (60) und seine Frau Brigitte machen ihr Geschäft in der Bahnhofstraße und die Filiale in Rammingen Ende November endgültig dicht. Damit endet eine Ära: seit 1926 ist die Metzgerei Bihler eine Türkheimer Institution. Großvater Silverius Bihler erkannte 1925 den Bedarf und entschloss sich, gegenüber der neu eröffneten Poststation eine Metzgerei zu eröffnen. Sein Sohn und Stammhalter Silverius Bihler übernahm dann im Jahr 1960 die Handwerksmetzgerei.

Der nachlassenden Gesundheit von Vater Silverius machte es dann 1980 erforderlich, dass sein Sohn Max viel früher die Produktion übernahm, als er selbst das gedacht hätte. Im Jahr 1985 übernahmen dann das Ehepaar Brigitte und Max endgültig die Metzgerei.

Nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters im Jahr 1986 zögerte Max Bihler nicht lange und stellte sich seiner Verantwortung. Ohne seine Mutter Rosalia wäre die Metzgerei Bihler aber gar nicht vorstellbar gewesen, denn die Metzgersgattin war über viele Jahre hinweg eine tragende Säule und Stütze für die ganze Familie. Insgesamt 70 Jahre stand die bekannte Türkheimerin Tag für Tag in der Metzgerei.

Diese Liebe zum Beruf hat Max Bihler somit wohl schon in die Wiege gelegt bekommen: Er liebt seinen Beruf als Metzgermeister, auch wenn der ihm immer alles abverlangt hat: Harte körperliche Arbeit ist für einen Metzger eine Selbstverständlichkeit, eine Sechs-Tage-Woche auch für die ganze Familie völlig normal.

Das Fleischerhandwerk ist Veränderungen unterworfen: Wie sich der Beruf des Metzgers gewandelt hat

So konnte er es seinen beiden Söhnen auch gar nicht verdenken, dass sie sich beruflich anders orientiert haben. Seit 1980 steht Max Bihler tagtäglich in seiner Wurstküche, hat in dieser Zeit jede Wurst mit seinen eigenen Händen zubereitet, die bei den Türkheimern fast schon Kult-Status haben: Die Weißwürste sind legendär, der weiße Presssack, die luftgetrocknete Hausmacher-Salami, natürlich der Leberkäs ... Und seine Schwarzwurst im Ring hat schon seine Fußball-Freunde im Sechzger-Stadion in München begeistert, – wenn Max Bihler erzählt, läuft dem Zuhörer förmlich das Wasser im Munde zusammen.

Apropos Fußball: Max Bihler hat – neben seinem Beruf als Metzger – noch eine große Leidenschaft: „Einmal Löwe, immer Löwe“, sagt der Anhänger des TSV München von 1860 im Brustton glühender Fan-Leidenschaft. Schon in der Hofeinfahrt zur Metzgerei prangt unübersehbar ein großes Sechzger-Wappen und die Sammlung von Max Bihler mit Erinnerungsstücken aus vielen Jahren würde auch gut in ein 1860-Museum passen ...

Wenn er jetzt in den Ruhestand geht, dann wird er sich auch diesem Hobby endlich besser widmen können. Doch da gibt es noch viel mehr, das immer hinter dem Beruf zurückstehen musste: Rockmusik der 1960-er Jahre von den Beatles, den Rolling Stones, den Kinks und so weiter... Endlich mehr Zeit haben für das Fotografieren, Filme anschauen, lesen, reisen. Brigitte Bihler ist da pragmatischer: „Endlich keinen Druck mehr, nicht mehr jeden Tag auf die Uhr schauen müssen“, sagt sie und man spürt doch deutlich , dass ihr der Abschied von ihrem Geschäft schwerer fällt als sie es zugeben will.

Nach bald 44 Jahren hängt Metzgermeister Max Bihler Ende November sein Handwerk an den Nagel

Der Kontakt zu den vielen Stammkunden werde ihr fehlen, das weiß sie jetzt schon. Aber es ging nun mal nicht mehr, kein Nachfolger in Sicht, die Suche nach einem Pächter scheiterte auch an den hohen fachlichen Erwartungen der Bihlers, die ihre Metzgerei nicht einfach an irgendjemanden hergeben wollen. Immerhin haben sie sich seit Jahrzehnten auch dafür aufgeschafft, dass ihr guter Name mit der Metzgerei in Erinnerung bleibt.

Jetzt ist dann bald Schluss, nach 44 Jahren. Das sich verändernde Verbraucherverhalten habe da durchaus eine Rolle gespielt, auch wenn die Kundschaft in ihrer Metzgerei die Qualität von Wurst und Fleisch immer noch zu schätzen wussten.

Dazu kamen aber noch die wuchernde Bürokratie und die schwierige Suche nach Personal, vor allem in der Metzgerei.

Die Erinnerung ganzer Generationen von Türkheimer Kindern wird auf jeden Fall erhalten bleiben: Die Erinnerung an den einmaligen Geschmack der Scheibe Gelbwurst, die es immer gab, wenn man mit Mama beim Metzger Bihler zum Einkaufen war...

Immer mehr Metzgereien machen dicht: Metzgereien in der Region sterben aus

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren