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200 Jahre Fahrrad

30.07.2017

Die Entdeckung der Langsamkeit

Natur pur: Wer mit dem Rad durch das Unterallgäu fährt, trifft auf idyllische Orte. Die Mindel zwischen Hausen und Pfaffenhausen lädt zum Rasten ein.
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Natur pur: Wer mit dem Rad durch das Unterallgäu fährt, trifft auf idyllische Orte. Die Mindel zwischen Hausen und Pfaffenhausen lädt zum Rasten ein.
Bild: Johann Stoll

Natur und gemütliche Lokale: Darum lohnt es sich, gemächlich durchs Unterallgäu zu radeln.

Klar, man kann sich auch ins Auto setzen. Dann geht alles ruckzuck. Die Landschaft rauscht vorbei, und die 50, 60 Kilometer von Mindelheim nach Breitenbrunn über Hausen, Pfaffenhausen, Schöneberg, Hasberg, Kirchheim, Haselbach, Eppishausen, Mörgen, Hausen und wieder zurück nach Mindelheim sind in kaum einer Stunde gemeistert. Sache erledigt. Mit dem Fahrrad dauert es ein paar Stunden länger inklusive aller unverzichtbaren Einkehrschwünge. Und tags darauf spürt der Ungeübte in all seinen Gliedern: Ja, du Mensch, es ist Zeit geworden für ein bisschen Bewegung ohne Auto.

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Das Unterallgäu ist Fahrradland. Das sagt zum Beispiel Landrat Hans-Joachim Weirather immer wieder gerne. Er ist auch begeisterter Radfahrer. Und ganz besonders kommen Genussradler zum Zug, wenn sie die Täler entlangfahren.

Wer sich auf den Mindeltalradweg von Mindelheim in Richtung Norden aufmacht, befindet sich in guter Gesellschaft. Ganze Radlerpulks kommen einem da entgegen. Mehr noch freilich überholen einen. Fast alle sind aufgerüstet mit Hightech-Tretmaschinen und schillernden Radklamotten – gerade so, als kämen sie direkt von der Tour de France ins Unterallgäu hergestrampelt. Mit seinem metallschweren, in die Jahre gekommenen Stadtfahrrad kann da unser Hobbyradler nicht Paroli bieten. Aber um Geschwindigkeit geht es ja auch nicht. Der wahre Genießer entdeckt die Langsamkeit. Nördlich von Kloster Lohhof liegen ein paar eingewaldete Baggerseen am Wegesrand. Wer da nicht wenigstens kurz anhält und diesen stillen Zauber genießt, der wird den tieferen Sinn einer solchen Radtour wohl nie mehr ganz erfassen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

In Pfaffenhausen ist es mit der Ruhe vorbei

Überhaupt das Wasser. Die Mindel bietet immer wieder reizvolle Ausblicke, nicht nur zwischen Hausen und Pfaffenhausen, die ein Autofahrer so nie bekommt. Diese Einblicke gibt es nur vom Radweg aus. Später bei Hasberg hat sich der Fluss zu einem breiten Strom geweitet, der fast wie ein See wirkt.

In Pfaffenhausen ist es mit Ruhe und Beschaulichkeit erst einmal vorbei. Die Autos sind zurück, ein eigener Radweg beginnt erst wieder am nordwestlichen Ende des Marktes, der freilich Richtung Weilbach auch rasch wieder endet. Das Café an der Raiffeisenbank wäre eine willkommene Raststation zum Durchschnaufen. Sonntags hat es aber leider Ruhetag. Also rasch weiter nach Breitenbrunn und ohne den erhofften ersten Stempel auf der MZ-Zeitungsseite.

Denn das ist der schöne Nebeneffekt der Radlerei in diesem Sommer. Wer mit der Rad-Seite der Mindel-heimer Zeitung die angegebenen Ausflugslokale ansteuert, kann sich den Besuch mit einem Stempel bestätigen lassen. Wer die Seite bei der MZ abgibt, nimmt am 1. Oktober an einer großen Verlosung teil, bei der es Preise im Wert von 2000 Euro zu gewinnen gibt. Hauptpreis ist ein E-Bike. Übrigens müssen nicht alle Lokale angesteuert werden, um teilnehmen zu können.

Weiter nach Breitenbrunn. Dort wartet ein märchenhaftes Café mitten im Ort auf alle Durstigen. An diesem Sonntag herrscht Hochbetrieb. Immer wieder werden große Töpfe mit feinen Speisen aus der Küche getragen. Eine Dame feiert mit Großfamilie und Freunden ihren runden Geburtstag. Da kommt der Radfahrer gerade recht, findet die Jubilarin. Er möge sich doch einfach dazusetzen und bedienen. Es sei jede Menge zu essen da. Man fühlt sich wie im Märchen.

Fast wie eine Bergetappe bei der Tour de France

Und dann kommt der Chef persönlich aus der Küche. Herbert Fleschutz lässt es sich nicht nehmen, die mitgebrachte MZ-Seite persönlich abzustempeln. Das ist quasi der Nachweis, dass der Gast tatsächlich mit dem Fahrrad angereist ist. Das kostenlos angebotene Softgetränk zur Belohnung freilich vermochte gegen das handwerklich gebraute Bier aus Oberbayern nicht die Oberhand zu gewinnen.

Wieder rauf aufs Rad, weiter Richtung Schöneberg. Die ersten Steigungen gilt es zu meistern. Es soll ja nach Haselbach gehen, und da wartet noch so mancher Hügel auf seinen Bezwinger. Mit der Genussradelei ist es erst mal vorbei. In Kirchheim bleibt der Schlossberg sogar Sieger. Da wird geschoben. Haselbach empfängt den Besucher mit Blumen am Ortseingang. Und die Moosburg neben der Kirche versteht es, hungrige Mäuler in kürzester Zeit zu befrieden. Die Portionen sind derart gigantisch, dass nur Trainierte solche Mengen verputzen können.

Was nun kommt, darüber wollen wir den Mantel des Schweigens legen. Der Magen ist voll, die Beine sind schwer. Der Anstieg von Eppishausen nach Mörgen kommt einer Bergetappe bei der Tour gleich. Danach läuft es wieder wie geschmiert zurück nach Mindelheim mit einem festen Vorsatz: Im 200. Jahr des Fahrrads soll es nicht die letzte Tour gewesen sein.

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