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23.03.2015

Die Stätte der Begegnung will keiner mehr missen

In den 1960er Jahren verfiel der Zehentstadel zusehens. Im Bild oben ist eine Feuerwehrübung im Jahre 1967 zu sehen. Dank der Hilfe des Denkmalamtes und der Diözese sowie der großen Eigenleistung vieler Helfer konnte das heute 500 Jahre alte Haus aber erhalten und zum Pfarrheim umgebaut werden.

Türkheim Als sicher eine der segensreichsten Baumaßnahmen der Pfarrgemeinde bezeichnet Pfarrer Bernhard Hesse den Umbau des Zehentstadels zum Pfarrheim vor 28 Jahren. Heuer vor 500 Jahren wurde das Haus gebaut, es dürfte eines der ältesten Gebäude in der Marktgemeinde sein.

„Wenn sich früher im Mai und im Herbst die Tore des Zehentstadels weit öffneten, wenn auf einer großen Rolle vom oberen Boden die Bretter auf die Leiterwagen geschoben wurden, dann war ein freudiges Ereignis in Sicht – der Jahrmarkt. Wir Kinder, die wir täglich zur Schulmesse gingen, hielten ein wenig inne und schauten, wie die Pferde die Bretterstapel und Schragen vor zur Hauptstraße zogen“, erinnerte sich Luitpold Schuhwerk (schwäbischer Heimatdichter und Malermeister, gestorben am 18. 1. 2005) in der Festschrift zur Einweihung des Pfarrheims „Pater Rupert Mayer“ am 26. Juli 1987, dem einstigen Zehentstadel. Als im Zuge der Renovierung des Hauses damals das Dach abgedeckt war und Licht auf die Innenseite der Giebel fallen konnte, hat Schuhwerk auch die Jahreszahl 1515 entdeckt. Somit ist der Türkheimer Zehentstadel zwei Jahre bevor Martin Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug und die Reformation begann, errichtet worden. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Zehentstadel im Jahr 1551.

„Der Zehentstadel ist ganz gemauert, mit Platten gedeckt, enthält zwei Dreschtennen und zwei Viertel, ist 82 Schuh lang und 42 Schuh breit, gut unterhalten, nur zwei Dreschtennen sind total ruiniert“, so wurde der Zehentstadel in Türkheim im Stadtarchiv in Neuburg im Jahre 1826 beschrieben. Schuhwerk hatte auch dies recherchiert. In den beiden sogenannten Vierteln sei das Getreide und das Stroh, in einem sogenannten Gsodhäusle das beim Dreschen anfallende Getreide aufbewahrt worden.

„Als wir im Zuge der Renovierung mit scharfem Wasserstrahl den Dachstuhl und das Gebälk reinigten, spritzen hin und wieder Getreidekörner aus den Ritzen der Holzverbindungen. Ich habe sie hernach am Boden aufgelesen und daheim in Ruhe angeschaut. Es waren zum Großteil Fesenkörner (Vorläufer des heutigen Weizen). Ich habe die Körner mit gegenwärtigen Ernten verglichen und festgestellt, dass die Körner aus dem Zehentstadel um ein Drittel, wenn nicht um die Hälfte kleiner waren“, so Schuhwerk in der Festschrift.

Am 13. Juni 1829 wurde die Naturalabgabe in eine Geldabgabe, den sogenannten Grundzins, umgewandelt, der Zehentstadel für den Staat somit überflüssig. Die Marktgemeinde Türkheim konnte das Haus noch im selben Jahr für 400 Gulden erwerben. „Zur Unterbringung der Marktstände sei er wohl geeignet“, meinten die damaligen Räte und der Bürgermeister. Auch als gemeindlicher Bauhof und Schafstall ist das Haus genutzt worden. Zudem fand der große Bahnschlitten im Zehentstadel seine Bleibe.

Pfarrpfründestiftung übernimmt den Zehentstadel

Im Jahr 1978 kam der Zehentstadel im Zuge eines Grundstücktausches zwischen der Pfarrpfründestiftung und der Marktgemeinde in den Besitz der Pfarrpfründestiftung. Lange wurde dann über die Nutzung diskutiert, auch der Abbruch des Hauses und ein Neubau an gleicher Stelle stand im Raum. Doch der damalige Kirchenpfleger Otto Epple und das Landesamt für Denkmalpflege waren dagegen. Immer wieder wiesen sie und andere verantwortungsbewusste, geschichtlich denkende Heimat- und Denkmalpfleger auf die historische Bedeutung und den baulichen Wert des Zehentstadels hin. Die historische Bausubstanz gelte es zu erhalten und das Haus einer sinnvollen Nutzung zuzuführen.

Der Pfarrgemeinderat und die Kirchenstiftung entschlossen sich dann, den Zehentstadel in ein Pfarrheim umzubauen. Im Jahr 1986 konnte unter der Leitung der Architekten Hans Stiefvatter und Günter Benzinger mit dem Umbau (Baukosten rund 1,5 Millionen Mark) begonnen werden. „Freiwillige Helfer haben beim Unterfangen des dicken, alten Mauerwerkes kräftig mitgeholfen. Bauern ihre Wagen und Traktoren eingesetzt und viele freiwilligen Helfer aus verschiedenen Handwerksbereichen haben mitgeholfen, die Kosten erschwinglich zu halten“, so Schuhwerk. „Schön, steht er nun wieder da unser Zehentstadel!“ so seine abschließende Feststellung.

Gut kann sich auch Franz Eimansberger noch an die Einweihung des neuen Pfarrheims erinnern. Er war seit 1984 Leiter des Kirchenchores, sein Vater in der Kirchenverwaltung engagiert. „Zu Hause habe ich vom Vater immer g’hört, wie sparsam gearbeitet wurde. Es wurde auch auf eine kostspielige Unterkellerung verzichtet. Heute könnten wir diese gut gebrauchen,“ so Eimansberger, der die Festhymne zur Einweihung des Pfarrheims (Text von Alfred Eckert) vertont hat. Die ersten Zeilen lauteten: „Mit der Arbeit vieler Hände wurde Stein auf Stein gelegt, für die Stätte der Begegnung, die für alle offen steht.“ Bei der Einweihung habe es dann schrecklich gegossen, doch sein Chor hätte eisern alle drei Strophen der Festhymne gesungen, auch ohne Zuhörer, die längst ins Haus hinein geflüchtet waren.

Für den Kirchenchor sei das Pfarrheim dann von Anfang an ein Segen gewesen. „Fanden Chorproben früher stets im Rosenbräu statt, so hatten wir jetzt eigene Räume und sogar einen eigenen Notenschrank“, erzählt Eimansberger.

„Neben unserer Pfarrkirche ist uns eine gute Stube geschenkt worden, in der sich Menschen im Glauben begegnen und stärken können und viele andere Veranstaltungen Heimat gefunden haben“, zeigt sich Pfarrer Hesse dankbar. Die Pfarrgemeinde plane aber heuer keinerlei Veranstaltungen zum 500. Bestehen des Zehentstadels.

Ein Vorbild für ein aufrechtes Christsein in schwierigen Zeiten

Pfarrer Hesse freut es auch ganz besonders, dass Pater Rupert Mayer der Patron des Türkheimer Pfarrheimes ist. „Pater Rupert Mayer war 1987 durch seine Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. in München neu in den Blickpunkt geraten. Er ist uns vor allem ein Vorbild für ein aufrechtes Christsein in schwieriger Umgebung. Er hat gegen den Ungeist seiner Zeit immer aufrecht die christlichen Werte verteidigt und ist, was sicher einzig artig bleibt, sogar im Stehen bei der heiligen Messe gestorben und noch nicht einmal im Tod umgefallen“, berichtet Hesse. Dieser Patron passe bis heute gut zum Pfarrheim. Er helfe, den Glauben untereinander auszutauschen, an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weiterzugeben und einfach selbst die Schönheit des Glaubens zu erfahren.

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