Newsticker
RKI meldet 8103 Neuinfektionen und 96 Tote
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Die dunkle Seite des Quinoa-Trends

20.06.2017

Die dunkle Seite des Quinoa-Trends

Julian Canavari erntet rote Quinoa. Wegen des Preisverfalls überlegt er, vom Land in die Stadt zu migrieren.
Bild: dpa

Reportage Als die Nachfrage nach dem „Inkakorn“ explodierte, verdienten Boliviens Bauern viel. Nun herrscht Katerstimmung

Challapata Der junge Mann will weg, vorher holt er sich noch Rat beim US-Präsidenten. Im Bus nach Challapata im bolivianischen Hochland ist er vertieft in das Buch „Donald Trump: 101 Wege zum Erfolg. Wie man eine Idee in eine Geldmaschine verwandelt“. Bis vor kurzem dachten sie auch in Challapata, sie hätten eine Geldmaschine gefunden: ein kleines weißes Korn, genannt Quinoa.

Es ist Markttag. Eine Schotterfläche, zwei Fußballplätze groß, im Hintergrund schneebedeckte Andenberge. Bis zum vergangenen Jahr war der ganze Platz voll mit bunten Säcken. Darin schwarze, gelbe und rote Quinoa – eine Pflanze aus der Gattung der Gänsefüße, auch bekannt als „Inkakorn“. Quinoa gilt als „Superfood“, also als Lebensmittel, das besonders positive Eigenschaften hat. Früher wurde es fast nur von der Urbevölkerung in den Anden gegessen. Hier auf dem Altiplano bauen sie seit Jahrhunderten die Quinoa Real an, die königliche Quinoa, frei von Pestiziden, von Hand gesät und geerntet.

Dann machte Quinoa weltweit Karriere. Die Vereinten Nationen erklärten 2013 zum internationalen Jahr der Quinoa. Heute finden Verbraucher die reisähnlichen Körner in nahezu jedem Supermarkt zwischen Flensburg und Lindau.

Boliviens Präsident Evo Morales isst im Regierungsflieger am liebsten Quinoa-Riegel – die Pflanze kurbelte das Wachstum in seinem Land an, heute gibt es auch Quinoa-Shampoo und Quinoa-Bier. Lag die Produktion vor zehn Jahren weltweit bei 60000 Tonnen, sind es heute über 250000 Tonnen. „Als der Preis immer weiter stieg, haben wir zu Hause Pommes statt Quinoa gegessen, um noch mehr zu verkaufen“, berichtet Quinoa-Bauer Germán Velarde auf dem Marktplatz.

Doch in Challapata ist vom Boom nicht viel geblieben. Es ist eine dieser Geschichten, die die Globalisierung schreibt. Denn längst hat man das Saatgut verändert, um Quinoa auch in anderen Regionen, etwa an der Küste, anzubauen. Auch in den USA, Indien und China gibt es nun Quinoa-Felder. Gegen die neue globale Konkurrenz, die auch auf Pestizide setzt, kommen sie im bolivianischen Hochland nicht an – die erhöhte Produktion hat zu einem drastischen Preisverfall geführt.

Deswegen – und wegen einer Dürrephase – brach die Produktion in Bolivien 2016 nach sechs Jahren Wachstum von 89000 auf 69000 Tonnen ein. Bereits rund 200 der 2000 Quinoa-Bauern haben nach Angaben des Präsidenten der Quinoa-Produzenten, Benjamin Martínez, aufgegeben. Statt umgerechnet 187 Euro für den Sack mit 46 Kilo wie noch vor drei Jahren gibt es auf dem Markt von Challapata derzeit 40 Euro pro Sack. Zum Vergleich: Im Edeka-Supermarkt kosten 250 Gramm rote Quinoa aus Südamerika 3,29 Euro. Der Bauer in Challapata bekommt für 250 Gramm rote Quinoa nur 1,74 Boliviano, das sind gerade einmal 21 Cent.

Am Marktplatz steht auch Julian Canavari mit seiner Freundin Matilde Durán. 80 Kilometer sind sie nach Challapata gefahren, um drei Säcke Quinoa zu verkaufen. Er lädt zu einer Fahrt durch die Quinoa-Felder ein, gerade wird die Ernte eingefahren. Canavari klopft auf das Lenkrad seines Suzuki-Geländewagens. „Das war eine goldene Zeit. 2013, 2014. Von dem Geld habe ich mir das erste Auto in meinem Leben kaufen können.“ Heute kann er kaum noch das Benzin bezahlen.

„In Europa weiß das ja keiner, dass Quinoa nicht gleich Quinoa ist“, erzählt Canavari. Das Bewirtschaften der 30 Hektar lohnt sich für ihn kaum noch. „Wenn es so weitergeht, müssen wir wegziehen in die Stadt, nach Oruro oder La Paz.“

Als er wieder am Marktplatz eintrifft, dröhnt aus den Boxen einer Kneipe „Wind of Change“ von den Scorpions. Der Wind der Veränderung brachte hier erst den Rausch, nun den Kater. Er ist hier, im tiefsten Bolivien, so groß, dass plötzlich Donald Trumps Geschäftsmethoden zum Hoffnungsprinzip erkoren werden. Georg Ismar, dpa

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren