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Anhofen bei Mindelheim

27.07.2010

Ein ganzes Dorf wird zur Baustelle

Das Dorf Anhofen gleicht einer einzigen großen Baustelle: Dieter Preisinger (r.), und Bürgermeister Walter Wörle.
Bild: Sandra Baumberger

In Anhofen bei Mindelheim werden neue Rohre, Leitungen und Kabel verlegt. Das ganze Dorf gleicht einer einzigen großen Baustelle. Dabei hätte im Oktober 2009 bereits alles fertig sein sollen. Von Sandra Baumberger

Wer lange nicht in Anhofen (Landkreis Unterallgäu) war, wird sich vielleicht verwundert die Augen reiben: Ab dem Bahnübergang sind die Bahnhof-, die Buchberg- und auch noch die Zugspitzstraße aufgerissen, vor der Kapelle entsteht gerade eine neue Brücke, am Straßenrand liegen riesige Entwässerungsrohre. Grund für die umfangreichen Bauarbeiten ist die Dorferneuerung.

Fünf Jahre hatten die Planungen gedauert, ehe dieses Jahr im März die Bagger anrollten. Im Oktober hätte bereits alles fertig sein sollen - wenn nicht die Witterung und einige weitere Unwägbarkeiten dazwischengefunkt hätten. So konnte zum Beispiel niemand ahnen, dass bis zu 8000 Tonnen des Straßenaushubs mit Chlorid aus dem Streusalz belastet sind und deshalb in besonderen Deponien gelagert werden müssen.

Derzeit laufen Verhandlungen mit dem Amt für ländliche Entwicklung (AEL), ob es mit einem zusätzlichen Zuschuss die anfallenden Mehrkosten abfängt. Wie hoch sie sein werden, ist noch unklar. "Aber das wird sicher eine Größenordnung von 200 000 Euro erreichen", sagt Bürgermeister Walter Wörle. Das AEL habe aber bereits angedeutet, dass die Mehrkosten nicht zu Lasten der Dorferneuerung in Steinekirch und Schnerzhofen gehen sollen und eine Erhöhung der Fördersumme zumindest nicht ausgeschlossen.

Ein ganzes Dorf wird zur Baustelle

Eine weitere Altlast, die die Arbeiten ausbremst, sind die Kanäle, Leitungen und Kabel unter dem Straßenbelag: Da niemand weiß, wo sie genau verlaufen, muss der alte Belag Stück für Stück abgetragen werden. Zwar wird die komplette Straßeninfrastruktur erneuert - es werden neue Wasserleitungen und Rohre für die Oberflächenentwässerung verlegt, die Oberleitungen kommen zum Teil ebenfalls unter die Erde - doch bis es soweit ist, "muss das Leben trotz der Baustelle weitergehen", so Wörle.

Die verlangt den Bewohnern ohnehin schon einiges ab: Seit März gibt es keine Straßenbeleuchtung mehr, weil die Stromkabel bereits weichen mussten, Anfang Juli war die Zufahrt von Anhofen nach Steinekirch komplett gesperrt. Hinzu kommt, dass die Arbeiten bei den Temperaturen der vergangenen Tage mächtig Staub aufwirbeln.

Doch statt zu klagen, seien die Anhofener sehr kooperativ, lobt Wörle. Bereitwillig hätten sie ihre eigenen Hoflampen die ganze Nacht als Ersatz-Beleuchtung brennen lassen, jetzt spritzten die Landwirte Wasser auf die Straße, um den Staub zu binden. Der Kooperation der Grundstückseigentümer rings um die Kapelle sei es auch zu verdanken, dass die Straße, die bislang direkt vor deren Türe verlief, verschwenkt und so ein kleiner Vorplatz geschaffen werden konnte.

Daneben ist die Kapelle ein weiteres Beispiel für unvorhergesehene Probleme: Weil sie so tief liegt, dass sie immer wieder von der daneben fließenden Neufnach überschwemmt wird, hätte sie ursprünglich abgerissen und in Eigenleistung eine neue Kapelle auf einem höher gelegenen Platz errichtet werden sollen. Da spielte allerdings das Denkmalamt nicht mit.

Die Neufnach tieferzulegen war aber auch keine Lösung: "Die verläuft dort fast ohne Gefälle. Das heißt, sie hätte den Berg hinauffließen müssen - und das haben selbst wir nicht geschafft", sagt Dieter Preisinger, der örtliche Vertreter der Teilnehmergemeinschaft, grinsend. Blieb also, die Straße zu verschwenken, damit die Kapelle nicht mehr so "im Loch" liegt, und dem Hochwasser über den ohnehin vorgesehenen Hochwasserschutz Herr zu werden.

Überhaupt ähnelt die ganze Dorferneuerung einer gigantischen Altbausanierung: Immer wieder stoßen die Bagger auf marode Kanäle mit unterschiedlichen Rohrdurchmessern - Stückwerk, das den finanziellen Möglichkeiten der damaligen Zeit geschuldet, mittlerweile aber nicht mehr tragbar ist. Also müssen neue Rohre verlegt werden. Schließlich will niemand die Straße, die Ende des Jahres asphaltiert werden soll, schon wenige Jahre später wieder aufreißen. "Wenn man in der steilen Wand hängt, muss man weiter", sagt dazu Dieter Preisinger und ergänzt lachend: "Wir hoffen immer noch, dass wir im Rahmen der Grabungen in der Straße auf Gold stoßen."

Denn natürlich gibt es die überraschenden Mehrarbeiten nicht umsonst. "Selbst wenn die Zuschüsse aufgestockt werden, ist das eine Riesenbelastung für die Gemeinde", sagt Wörle. Er schätzt, dass sie mindestens eine Million Euro wird aufbringen müssen. Doch immerhin: "Wenn's erledigt ist, ist für die nächsten 30 bis 40 Jahre Ruhe."

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