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Müll

23.11.2017

Eine Fundgrube für Schatzsucher

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Sana Kist freut sich über die Tröte, die sie in der Fundgrube entdeckt hat.

Manch einer verlässt den Wertstoffhof in Ottobeuren mit mehr als er dort abgegeben hat.

Sana jubelt. In einem der Regale hat sie eine schwarz-rot-gelbe Tröte entdeckt und eben hat ihr Mama Christina Kist erlaubt, das Ungetüm mit nach Hause zu nehmen. „Juchhu“, ruft Sana und trötet gleich mal testweise los. Sie ist nicht die Einzige, die sich an diesem Nachmittag auf dem Ottobeurer Wertstoffhof riesig freut. Denn dort geben die meisten nicht nur Wertstoffe ab, sondern können im hinteren Teil der Halle, in der Fundgrube, mit etwas Glück wahre Schätze finden.

Dafür sorgt an diesem Tag unter anderem Marcel Magg, der zwei Kartons voller CDs zu einem der Regale balanciert. Man könne schließlich nicht alles aufheben – auch wenn die CDs allesamt noch „Pfennig ganz“ seien. „Es wäre wirklich schade, die wegzuschmeißen“, findet er. „Ein anderer freut sich vielleicht noch drüber.“ So wie seine Kinder, die schon öfter fündig geworden seien. „Die nehmen manchmal irgendein Spielzeug mit, und wenn der Reiz verflogen ist, bringen wir’s wieder zurück. Das ist doch super.“

Entstanden ist die Fundgrube, die es inzwischen an den meisten Wertstoffhöfen im Unterallgäu gibt, aus sogenannten Fehlwürfen: Die Mitarbeiter mussten immer mal wieder in den Papiercontainer klettern, um Bücher herauszufischen, die dort nicht hineingehörten. Weil sie es zu schade fanden, sie gleich zu entsorgen, stellten sie sie in ein Regal – und bald machten es die Besucher genauso. „Ja, und so ist das dann allmählich gewachsen“, sagt Wertstoffhof-Leiter Manfred von Uminski, der sich anfangs gar nicht so sicher war, ob das Landratsamt das überhaupt erlaubt. Doch Edgar Putz, der dort die Abfallwirtschaft leitet, und sein Vorgänger Anton Bauer hatten nichts dagegen. Im Gegenteil: „Weiternutzen steht ganz klar vor wiederverwerten“, sagt Edgar Putz. Schließlich gehe es ja darum, Müll zu vermeiden.

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Nur selten müssen die Mitarbeiter etwas wegwerfen

Und deshalb stapeln sich in den Regalen längst nicht mehr nur Bücher und CDs. Es gibt auch kistenweise Geschirr – gut erhaltenes für den Schrank und angeschlagenes für den nächsten Polterabend –, Vasen, Bilder, Puzzles, einen kleinen Karton mit Matchbox-Autos und einen ziemlich großen voller Kuscheltiere, Skistiefel, Kommoden- und Fernseh-Schränkchen, Stühle, einen Zwillings-Buggy, einen Vogelkäfig und ein Paar nie getragene gelbe Gummistiefel. Sie alle warten auf neue Besitzer – und Manfred von Uminski ist bester Dinge, dass sie die auch finden. „Wir haben ganz selten Teile, die wir nach ein paar Wochen wirklich wegschmeißen müssen“, sagt er. Zuletzt ist das zwei Orgeln passiert, aber die seien – wie sich bei einem Test herausstellte – ohnehin kaputt gewesen.

Wie zum Beweis gibt ein älterer Mann einen weißen Rattansessel ab, den wenig später eine Frau freudestrahlend zu ihrem Auto trägt. Auch der Streuwagen für den Garten steht nicht lange: Monika Grimm hat ihn entdeckt und will ihren elfjährigen Sohn damit überraschen. „Der hat sich neulich erst so einen gewünscht.“ Sie findet die Fundgrube super – so wie eigentlich alle, die an den Tischen und Regalen entlangschlendern. Torsten Trinkler geht an diesem Nachmittag mit einer CD von Art Garfunkel nach Hause, Antiquitätensammlerin Petra Enzensberger, die sich regelmäßig in der Fundgrube umsieht, mit einem rustikalen Massivholz-Schränkchen. Und auch Alexander Baldes nimmt „eigentlich immer was mit“. Zu seinen tollsten Funden gehört ein Kinder-Fahrradanhänger. „Der hatte nur einen kleinen Riss.“ Das Stöbern sei wie früher beim Sperrmüll. „Ich mach das rein zum Spaß“, sagt er – und zieht mit einer CD von dannen.

Nur Elektrogeräte sind nicht erlaubt

Das einzige, was man vergeblich sucht, sind Elektrogeräte. Dabei würden die durchaus den Weg in die Fundgrube finden. Thomas Frommelt zum Beispiel hat eine elektrische Schreibmaschine dabei. „Die funktioniert noch tadellos“, sagt er, doch Manfred von Uminski schüttelt den Kopf. „Die darf ich leider nicht annehmen.“ Und zwar wegen der Haftung: Würde sich der neue Besitzer verletzen, etwa weil er beim Einschalten einen Stromschlag bekommt, könnte der Landkreis dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Edgar Putz hofft, dass das gesetzlich bald anders geregelt wird. Doch bis es so weit ist, darf nichts in die Fundgrube, was einen Stecker hat. Auch Geld dürfen die insgesamt fünf Wertstoff-Mitarbeiter nicht annehmen. Dabei würde sich eine Besucherin, die eine Kinderschaukel und ein Reitpferdchen für die Enkel gefunden hat, gerne erkenntlich zeigen: „Ihr habt ja auch die Arbeit und tut die Sachen zur Seite“, sagt sie.

Gerhard Neureiter geht sogar noch einen Schritt weiter: In seiner Freizeit bestückt er die Ottobeurer Spielplätze mit dem Sandspielzeug, das bei ihm abgegeben wird. Nach ein paar Wochen sammelt er Kaputtes wieder ein und ersetzt es durch neues Altes. Auf die Idee haben ihn seine Enkel gebracht. „Als ich mit denen zum Spielplatz gegangen bin, war da nie Spielzeug – so ist das entstanden.“ Jetzt im Winter macht er Pause, doch in seinem Gartenhäuschen stehen schon mehrere Kisten mit Schaufeln, Eimern, Sandförmchen und Baggern für das nächste Jahr.

Als der Wertstoffhof um 17 Uhr schließt, haben auch die gelben Gummistiefel ein Zuhause gefunden, in den Regalen klaffen einige Lücken. Doch schon am nächsten Tag werden sie sich wieder füllen –und ganz gewiss auch leeren.

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