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Soziales

17.06.2019

Es tut sich was im Fichtenhaus

Markus Rimbacher (links) und Bewohnerin Tanja waren gerade dabei, das Hochbeet zu streichen, als (von links) Heimleiter Harald Pienle sowie die Bewohner Georg und Alexander zum Fototermin dazustießen.
Bild: baus

Der Trägverein der Einrichtung für mehrfach behinderte Autisten in Anhofen soll zu einem Förderverein werden und sucht Mitstreiter. Und ein neues Angebot für die Bewohner gibt es auch

Seit wenigen Wochen ist das „Fichtenhaus“ in Anhofen voll belegt: Zwölf Autisten mit einer weiteren psychischen oder geistigen Beeinträchtigung und schweren Verhaltensauffälligkeiten leben nun in zwei Wohngruppen in dem Neubau, der vor knapp zwei Jahren eröffnet wurde – und scheinen sich dort sehr wohl zu fühlen. Die Türen zum Garten sind an diesem sonnigen Sommertag weit geöffnet. Bewohnerin Tanja ist gerade damit beschäftigt, zusammen mit Markus Rimbacher das Hochbeet zu streichen, das sie gebaut haben und das bald mit Kräutern bepflanzt werden soll, ein anderer Bewohner hat es sich auf einer aufblasbaren Liege im Schatten bequem gemacht.

Wer die Bewohner so entspannt erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass einige auch eine andere Seite haben oder hatten. Dass sie aus mehreren anderen Einrichtungen geflogen sind, weil sie nicht zu bändigen, aggressiv gegen sich selbst und andere waren und teils Jahre im Bezirkskrankenhaus verbracht haben, weil niemand sie aufnehmen wollte. Tatsächlich ist es enorm schwer, einen Heimplatz für mehrfach behinderte Autisten zu finden – und das Fichtenhaus die einzige Einrichtung dieser Art in ganz Schwaben.

Ebenfalls fast einzigartig ist ein Angebot, dass es dort seit einigen Wochen gibt: Jeden Morgen brechen die Bewohner begleitet von einem kleinen Team in den Wald auf und rücken mit Astscheren dem Wildwuchs zu Leibe, sammeln das Schnittgut ein und bringen es zu einer Sammelstelle. „So etwas gibt es nur zweimal in Deutschland: Einmal in Bremen und einmal bei uns“, sagt Harald Pienle, der Leiter des Fichtenhauses. Die einfache, aber sinnvolle Tätigkeit gibt den Bewohnern viel, vor allem die Bestätigung, die manche von ihnen von einer früheren Berufstätigkeit kennen. Außerdem hat Pienle beobachtet, dass die Bewohner nach dem Vormittag im Wald ausgeglichener und insgesamt stabiler seien.

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Er legt großen Wert darauf, sie möglichst in den Alltag einzubinden: Wer kann, hilft mit, die Wäsche zu versorgen und schiebt sie – frisch gewaschen und zusammengelegt – in einem Wagen zu den jeweiligen Zimmern. Die Bewohner gießen Blumen, begleiten das Personal bei Einkäufen, zum Wertstoffhof und bei Besorgungsfahrten, manchmal auch zu Ausflügen. Großveranstaltungen wie das historische Marktfest in Markt Wald sind allerdings problematisch: „Da prasseln zu viele Reize auf unsere Leute ein.“

Und die sind für Autisten nun einmal schwierig. Viele von ihnen brauchen einen festen Tagesablauf, der ihnen Sicherheit gibt: Montags ist Reittherapie in Ettringen, am Dienstag steht Schwimmen auf dem Programm, am Donnerstag der Besuch der Ergotherapeutin. Abgesehen von ein paar Langschläfern – „vor halb elf kriegen’S da keinen raus“, sagt Pienle schmunzelnd – beginnt der Tag für die meisten gegen sechs Uhr und wie bei diesem Bewohner mit einem streng festgelegten Ritual: Wer ihn weckt, muss erst den Rollo hochziehen und dann die Stereoanlage einschalten, aber bitte nicht umgekehrt. Später wird gefrühstückt – entweder im eigenen Zimmer oder in der Gruppe. Nach der Arbeit im Wald gibt es ein gemeinsames Mittagessen, am Nachmittag steht entweder noch einmal Waldarbeit an, ein Kreativangebot wie malen oder singen, Gymnastik oder auch Musik hören. Es gibt eine Kaffeepause, etwas später Abendessen und gegen 19 Uhr ziehen sich die ersten bereits in ihre Zimmer zurück. „Es ist nicht jeder Tag gleich“, betont Harald Pienle. Wichtig sei nur die feste Struktur.

Aktuell bemüht er sich um einen zweiten Kleinbus für die Bewohner und um die dafür nötige finanzielle Unterstützung. Das ist insofern schwierig, als das Fichtenhaus eben eine recht kleine Einrichtung ist und – obwohl es sie schon seit Jahrzehnten gibt – noch längst nicht überall bekannt. Ein „Tag der offenen Tür“, wie ihn andere Häuser mitunter anbieten, ist aufgrund der speziellen Bedürfnisse der Bewohner kaum möglich. Das macht es schwer, das Fichtenhaus und den Trägerverein dahinter zu präsentieren und so an Spenden zu kommen – und auch an Leute, die aktiv mithelfen und die Idee mittragen, mehrfach behinderten Autisten in möglichst familiärem Rahmen eine Heimat zu bieten.

„Die Mitgliedschaft im Verein führt zunächst zu keinen Verpflichtungen, außer einem minimalen Mindestbeitrag und eventuell der Teilnahme an der jährlichen Mitgliederversammlung“, wirbt der Mindelheimer Nervenarzt Dr. Wilfried Mütterlein, der Vorsitzende des Trägervereins, für eine Mitgliedschaft. Daneben wären er und seine drei Mitstreiter im Vorstand aber natürlich froh um jeden, der etwa neue Projekte für die Bewohner mitgestaltet, sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert oder sich anderweitig einbringt.

Laut Mütterlein arbeitet der Vorstand gerade daran, den Träger- in einen reinen Förderverein umzuwandeln und so die Verantwortung und Beanspruchung des Vorstands erheblich zu reduzieren. Sollte sich aber eines fernen Tages keiner mehr bereit erklären, dort mitzuarbeiten, „müssten wir für unser Wohnheim einen neuen Träger suchen“, sagt Mütterlein. Und das gehe naturgemäß zulasten der Unabhängigkeit und auch Individualität der Einrichtung.

Wer sich näher mit dem Thema Autismus beschäftigen will, hat dazu am Freitag, 28. Juni, bei dem Vortrag „Leben mit Autismus, mittendrin“ im Mindelheimer Silvestersaal Gelegenheit. Die Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Christine Preißmann, selbst Asperger-Autistin, spricht darin von ihren persönlichen Erfahrungen und gibt Tipps, wie man Autisten unterstützen kann. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Der Abend wird moderiert und musikalisch umrahmt von Dr. Wilfried und Silvia Mütterlein. Karten gibt es im Vorverkauf beim MZ-Ticketservice in Mindelheim unter der Telefonnummer 08261/991375. Einlass ist um 19.30 Uhr, der Vortrag beginnt um 20 Uhr.

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