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Justiz

24.10.2017

„Ich habe Angst vor dem Gefängnis“

Ingrid Millgramm ist vorbereitet: Die 84-Jährige will in den nächsten Tagen ihre Gefängnisstrafe antreten und hat dafür schon seit Monaten einen Koffer mit ihren Utensilien gepackt.
Bild: alf

Die 84-jährige Ingrid Millgramm aus Bad Wörishofen hat vergeblich gehofft, dass die Justiz „Gnade vor Recht“ ergehen lässt. Jetzt muss sie ihre neunmonatige Haftstrafe absitzen.

Still und in sich versunken sitzt Ingrid Millgramm(84) in ihrem Lieblings-Sessel in ihrer Wohnung in der Wörishofer Innenstadt. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt sie immer wieder und faltet dabei nervös die unzähligen Schreiben der Staatsanwaltschaft auseinander. „Das kann doch nicht wahr sein“, murmelt sie dann und steckt das letzte Schreiben wieder in den Umschlag, ehe sie es kurz darauf mit zitternden Finger wieder hervorholt.

„Das kann doch nicht wahr sein“, sagt auch ihre Rechtsanwältin Anja Mack ( Memmingen), die sich als Pflichtverteidigerin für die 84-Jährige eingesetzt hat, die wegen mehreren Ladendiebstählen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war (MZ berichtete). Rechtsanwältin Anja Mack hatte ein „Gnadengesuch“ an das Justizministerium geschickt, das jetzt abgelehnt wurde.

Es ist also wahr: Die 84-jährige Ingrid Millgramm, die als „Oma Ingrid, die vor Hunger klaute“ bundesweit in die Schlagzeilen kam, muss ihre Strafe absitzen und neun Monate lang ins Gefängnis. Fünf Mal wurde die Rentnerin erwischt, als sie in Supermärkten nahe ihrer Wohnung klaute. „Ich habe aber extra nur die bereits reduzierte Ware gestohlen“, sagt sie. Dafür wurde sie zu einer Geldstrafe verurteilt, die sie aber nicht bezahlen konnte. Nach zwei weiteren Bewährungsstrafen geht das Memminger Gericht jetzt davon aus, dass ihre „Sozialprognose schlecht ist und weitere Straftaten zu befürchten sind“, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Und dieser Einschätzung schloss sich jetzt die zuständige Generalstaatsanwaltschaft an: Wie Oberstaatsanwalt Joachim Ettenhofer, Pressesprecher der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft München, auf Anfrage der Mindelheimer Zeitung mitteilte, wurde das Gnadengesuch mit Entscheidung vom 5. Oktober abgelehnt.

Joachim Ettenhofer erklärt diese Entscheidung: „Gnadenerweise haben besonderen Ausnahmecharakter. Sie kommen in der Regel nur dann in Betracht, wenn ganz besondere und derart schwerwiegende Umstände vorliegen, dass andere Strafzwecke wie die Schuld des Täters, die Verteidigung der Rechtsordnung, die Wiederherstellung des Rechtsfriedens und die Wirkung der Bestrafung auf Dritte diesen gegenüber zurücktreten.“

Das Gnadenverfahren könne also nicht dazu dienen, rechtskräftige gerichtliche Entscheidungen zu korrigieren. Ausnahmsweise könne ein Gnadenerweis dann in Erwägung gezogen werden, wenn neue, erhebliche Umstände eingetreten sind, die von dem zuständigen Gericht nicht berücksichtigt werden konnten und die eine Vollstreckung im Verhältnis zu Vergleichsfällen als außergewöhnliche Härte erscheinen ließen. Dies sei aber bei Millgramm laut Generalstaatsanwaltschaft München nicht gegeben: „Solche Gründe waren vorliegend nicht erkennbar.“

Sowohl die wirtschaftliche und gesundheitliche Situation der Verurteilten als auch ihr hohes Lebensalter seien laut Ettenhofer durch das Gericht in der getroffenen Entscheidung, insbesondere bei der Strafzumessung, bereits berücksichtigt worden. Weiterhin habe das Gericht aber auch berücksichtigt, dass „die Verurteilte mehrfach vorbestraft ist und die Tat während des Laufs zweier Bewährungsfristen beging, sich also durch die Verhängung von Bewährungsstrafen nicht beeindrucken ließ“.

Das Gnadengesuch war ihre letzte Hoffnung, doch die ist nun geplatzt. Irgendwann in den kommenden Tagen werde sie wohl ins Gefängnis müssen, sagt die Seniorin stimmlos und sichtlich mitgenommen. „Wer kümmert sich denn jetzt um meine Wohnung, wer gießt meine Pflanzen? Ich habe doch niemanden mehr...“.

Ihre beiden Töchter und deren Familien haben sich von ihr losgesagt, laut Ingrid Millgramm „als kein Geld mehr da war und weil sie Angst hatten, dass sie für mich sorgen müssen“. Ihre Lebensgeschichte liest sich wie ein schlechter Roman: Ihr Mann verlor durch Börsenspekulationen das gesamte Vermögen und als er plötzlich starb, stand sie vor dem Nichts, erzählt die Seniorin, die vor wenigen Wochen 84 wurde. Zum Feiern hatte sie aber gar keine Lust, wie ein Damoklesschwert schwebte die Angst vor dem Gefängnis über ihr.

Von ihrer knappen Rente bleiben ihr nach Abzug aller Fixkosten für Miete, Strom und Medikamente höchstens 100 Euro monatlich, mit denen sie klarkommen muss. Dabei habe sie doch 45 Jahre gearbeitet, sagt die gelernte Schneiderin ratlos. Hilfen wie etwa von der Tafel lehnt sie lieber ab: Sie schäme sich zu sehr für ihre Altersarmut, sagt sie. Ihren Schmuck, darunter auch Erbstücke ihrer Mutter, habe sie nach und nach verkauft: „Das ist mir bestimmt nicht leicht gefallen, aber ich hatte doch nichts mehr“, sagt sie.

Wurde es ihr auch zum Verhängnis, dass sie sich immer um ein elegantes Erscheinungsbild bemüht, immer akkurat gekleidet ist, geschminkt und perfekt frisiert und selbstbewusst auftritt – gerade weil sie sich „diese letzte Würde bewahren“ wollte, wie sie fast trotzig betont?

War es ein Fehler, sich von TV-Magazinen und Boulevard-Zeitungen als „Oma Ingrid“ inszenieren zu lassen? „Bestimmt hat das die Entscheidung der Justizbehörden negativ beeinflusst“, sagt Rechtsanwältin Anja Mack (Memmingen), die dennoch auf ein Einlenken in letzter Minute der Justizbehörden vertraut hatte – vergeblich, wie sich jetzt gezeigt hat: „Was für ein Wahnsinn“, sagt die Juristin über die Entscheidung der bayerischen Justizbehörden. Warum sich Justizminister Winfried Bausback (CSU) nicht direkt eingeschaltet habe, könne sie nicht verstehen: „Dazu ist ein Minister doch da.“

Der Verteidigerin sei es daher besonders schwergefallen, ihrer Mandantin die schlechte Nachricht zu überbringen. Ingrid Millgramm ist noch immer geschockt: Sie hat zwar schon vor Monaten einen Koffer gepackt, um vorbereitet zu sein. Dass es wirklich so weit kommen und sie tatsächlich ins Gefängnis muss, macht ihr jetzt vor allem: Angst.

Angst vor der Behandlung dort, Angst vor anderen Gefangenen, Angst vor Erniedrigung und vor dem Alleinesein. Und sogar Angst davor, gar nicht mehr in ihre Wohnung zurückzukommen, sagt sie: „Aber ich habe alles geregelt ...“

In den nächsten Tagen will sich Ingrid Millgramm nach Memmingen fahren lassen, um ihre Haftstrafe anzutreten: „Ich will mich nicht per Haftbefehl abholen lassen.“

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25.10.2017

Wann hört das Gejammer dieser Frau und die damit verbundene Berichterstattung endlich auf? Das Alleinsein die zerrütteten Familienverhältnisse sowie die selbstverschuldete Altersarmut haben kein öffentliches Interesse. Da gibts andere Schicksale.

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