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Türkheim

18.11.2019

In Türkheim sorgt ein kleines Kino für große Gefühle

Hier sind Rudolf Huber (rechts) und sein Mitarbeiter Kai Erfurt zuhause: Nicht nur die Krone über der Leinwand im Saal 1 im Filmhaus Huber erinnert an die reiche Historie der früheren „Kronen Lichtspiele“, aus denen längst das „Filmhaus Huber“ und damit eine Institution in Türkheim und weit darüber hinaus geworden ist.
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Hier sind Rudolf Huber (rechts) und sein Mitarbeiter Kai Erfurt zuhause: Nicht nur die Krone über der Leinwand im Saal 1 im Filmhaus Huber erinnert an die reiche Historie der früheren „Kronen Lichtspiele“, aus denen längst das „Filmhaus Huber“ und damit eine Institution in Türkheim und weit darüber hinaus geworden ist.
Foto: Alf Geiger

Plus Vor 70 Jahren wurde das Filmhaus Huber in Türkheim aus der Taufe gehoben. Rudolf Huber hat es geschafft, große Filmkunst aufs Land zu holen.

Da führte wohl das Schicksal Regie. Für Rudolf Huber war es ein Schicksalsschlag, der aber auch die Klappe war für eine Entscheidung, die sein weiteres Leben bestimmen sollte: Ernst Amberger, der Pächter der Türkheimer „Kronen Lichtspiele“ war am 27. Juni 1996 einem Herzinfarkt erlegen. Dass das Türkheimer Original als Kino-Enthusiast bezeichnenderweise mitten in seinem Kino zusammenbrach – auch das hätte sich wohl kein Hollywood-Regisseur ausdenken können.

Kaufmann oder Kinobetreiber?

Rudolf Huber musste sich entscheiden: Weiter als Großhandelskaufmann bei der Firma Kleiner in einflussreicher und zukunftssicherer Position arbeiten? Oder das kleine Türkheimer Kino übernehmen? Dass beides nebeneinander nicht funktionieren würde, das wusste Rudolf Huber aus jahrelanger Erfahrung, die er an der Seite von Ernst Amberger sammeln konnte. Auf welches kinoreife Abenteuer er sich mit seiner Entscheidung, das Türkheimer Lichtspielhaus zu übernehmen, eingelassen hatte, das hätte er sich freilich damals nicht träumen lassen....

Nein, ein ausgewiesener Film-Freak ist er nicht, auch heute noch nicht. Das sagt Rudolf Huber - etwas überraschend - über sich selbst. Er wisse inzwischen zwar schon so einiges über Filme, Regisseure, Schauspieler oder kurz: über Kino eben. Immerhin ist Rudolf Huber aus seinem Kino, aus dem Filmhaus Huber, nicht mehr wegzudenken, seit er dort als 16-Jähriger anfing. Filmrollen einlegen, Süßigkeiten verkaufen, Eintrittskarten abreißen, die Besucher zu sehen, wie sie glücklich aus dem Kino kommen und atemlos und voller Eindrücke nach Hause gehen...

Vor 45 Jahren fing er im Türkheimer Kino an

Wenn der heute 61-jährige Rudolf Huber über sein Filmhaus spricht, dann sprühen seine Augen, dann lebt er auf, er erzählt und schwelgt in schönen Erinnerungen. Und davon gibt es eine ganze Menge seit er vor gut 45 Jahren vom damaligen Pächter der „Kronen Lichtspiele“, Ernst Amberger, kurzerhand dazu verpflichtet wurde, doch bei ihm auszuhelfen.

Im Saal des Gasthauses Krone, ganz früher die Posthalterei in Türkheim, wurden schon während des 2. Weltkrieges mittels Wanderapparaturen die „Wochenschau“ und andere bewegte Bilder der damaligen Reichspropaganda vorgeführt. Später kamen auch die damals beliebten Unterhaltungsfilmchen dazu, für viele Türkheimer war es die erste und einzige Möglichkeit, mitzuerleben, wie die Bilder laufen lernten. Fernsehen? Smartphone? Laptop? Streaming-Dienste? Das waren damals noch Fremdworte.

Als das Gasthaus Krone 1948 einem Feuer zum Opfer fiel und bis auf die Grundmauern abbrannte, entschloss sich Josef Wiedemann, einen Kinosaal zur Gaststätte dazu zu bauen. Die Eröffnung am 21. Dezember 1949 war für die Wertachtalgemeinde Türkheim ein großes Ereignis, auch wenn damals in vielen Orten Kinos wie Pilze aus dem Boden schossen.

Ernst Amberger übernahm das Kino Ende der 1970er- Jahre – dem damaligen Zeitgeist zum Trotz – führte es durch wirtschaftlich schwierige und gesellschaftlich turbulente Zeiten. Was erst so modern war, wurde schnell zum belächelten Dorf-Kino, in dem auch damals verruchte Filmchen wie der „Schulmädchen-Report“ liefen. Immer größer wurden die Kino-Paläste in den Städten, die kleinen Kinos auf dem Land mussten hoffen, wenigstens nach Monaten eine der seltenen Kopien der Hollywood-Blockbuster zu ergattern.

So schnell viele Kinos auf dem Land gekommen waren, so schnell sollten die allermeisten auch wieder verschwinden. Noch heute ist sich Rudolf Huber sicher, dass es alleine dem Idealismus und der Liebe zum Kino von Ernst Amberger zu verdanken ist, dass es in Türkheim noch immer ein Kino gibt.

Und auch wenn Rudolf Huber mit dem damaligen Kinobesitzer nicht verwandt ist – zumindest die Begeisterung für das Kino im Allgemeinen und die Liebe zum Kino in Türkheim im Besonderen hat er Rudolf Huber schon „vererbt“. Denn was für den jungen Rudolf Huber in den frühen 1980er-Jahren als Hobby begonnen hatte, war nach und nach zu seiner Passion geworden.

Huber gab seinen sicheren Job auf und machte sich in Türkheim selbstständig

Die „Kronen Lichtspiele“ waren ihm ja fast schon in den Schoß gefallen, also gab er sich eine Ruck, gab seinen sicheren Job auf und wagte am 1. Juli 1996 den Schritt in die Selbstständigkeit. Es war dann wohl eher ein Kopfsprung, eine Art Himmelfahrtskommando, sich als Betreiber eines kleinen Lichtspielhauses in der tiefsten Provinz gegen die Mächte des Marktes stemmen zu wollen.

Ach ja, kaum als Kino-Betreiber in Türkheim selbstständig, da kam gleich noch das Angebot, doch auch das Kino im nahen Bad Wörishofen gleich mit zu übernehmen. Na, und wenn schon...nach einem halbstündigen Gespräch mit der Familie Trautwein wurde auch das noch per Handschlag eingetütet.

Was Rudolf Huber damals aber nur ahnen konnte: Die Herausforderung, ein Kino in einem 7000-Einwohner-Ort wie Türkheim am Leben zu erhalten, war enorm und forderte ihn mehr, als er es sich wohl selber eingestehen würde. Selbstständig bedeutet eben auch selbst und ständig. Auch wenn es abgedroschen klingen mag: Rudolf Huber musste buchstäblich fast rund um die Uhr arbeiten, präsent sein, Überzeugungsarbeit leisten, vor Ort und in der harten Kino-Branche, wo es üblich ist, dass die Großen die Kleinen fressen – und das nicht nur auf der Kino-Leinwand.

Dass Rudolf Huber wohl wie kaum ein Zweiter in der gesamten Branche bestens vernetzt ist, weit über das Unterallgäu, Schwaben und Bayern hinaus in ganz Deutschland und Kontakte und Verbindungen tatsächlich bis in die großen Hollywood-Studios und zu den weltweit agierenden Film-Verleihern pflegt – das alles ist wohl nur ein Teil seiner persönlichen Erfolgsgeschichte.

Er liebt das Kino, er ist aber auch ein Geschäftsmann mit Blick für Trends und Veränderungen, Chancen und Risiken. Er investierte mutig, gemeinsam mit der Wiedemannstiftung als Hausherr kam zum bestehenden Saal mit 230 Sitzplätzen eine zweiter, kleinerer Kinosaal mit 127 Plätzen und moderner Technik. Damals änderte Huber auch den Namen seines Kinos: Aus den „Kronen-Lichtspielen“ wurde das Filmhaus Huber. „Ich fand das moderner“, erinnert er sich heute.

Die technische Revolution kam auch ins Türkheimer Kino

Anfang der 2000er-Jahre wurde er dann plötzlich von der technischen Revolution im Kino überrascht. Praktisch von einem Tag zum anderen – mit dem Film Avatar, dem bis heute größten Kassenschlager – hatte sich die alte Kino-Technik überlebt und musste dem digitalen Film weichen.

Digital und 3 D hießen jetzt die Zauberworte, die alle Kinobesucher lockten – und das bis heute die Kinolandschaft prägt. Auch jetzt bewies Rudolf Huber unternehmerische Weitsicht, investierte gewagt in top-moderne Vorführgeräte, die bis heute den Vergleich zu anderen Kinos nicht zu scheuen brauchen – die Technik im Filmhaus Huber ist heute sogar so gut, dass sie manches Multiplex-Kino locker in den Schatten stellt.

Rund um das Türkheimer Filmhaus Huber mit seinem zweiten Kino im nahen Bad Wörishofen gibt es einige dieser riesigen Kino-Tempel der Superlative. Fast wie das kleine „gallische Dorf“ gegen die Übermacht der Römer wirkt das das kleine Türkheimer Kino von Rudolf Huber, in dem neben den Top-Filmen auch alles stattfindet, was man sich in einem Kino nur vorstellen kann: Kindergeburtstage, Kooperations-Veranstaltungen, Schulkino, Diskussionen, Filmgespräche mit bekannten und/oder umstrittenen Regisseuren – der Fantasie sind da fast keine Grenzen gesetzt. Und Rudolf Huber hat eine ganze Menge Fantasie ...

Wie viele Geschichten die Kino-Sessel erzählen könnten, was die Wände so alles gehört und die Leinwände so alles gesehen haben? Rudolf Huber kennt sie alle, diese Geschichten - vom ersten scheuen Kuss der verliebten Teenager, von den stolzen Papas, die selbst schon als Kinder hier ins Kino gekommen sind und heute mit dem eigenen Nachwuchs hierher kommen.

Von den unzähligen Popcorn-Tüten, die hier schon aus einem Kino-Besuch einen unvergesslichen Kino-Besuch gemacht haben – manchmal landete das Popcorn im vor Spannung verzerrten Mund, manchmal blieb es auch an den tränennassen Wangen kleben...

Aber, natürlich, Rudolf Huber behält alle diese Geschichten für sich. Diskretion ist wohl einer der vornehmsten Charakterzüge, die ein erfolgreicher Kino-Betreiber mitbringen muss. Bestimmt kam es ihm auch über all die Jahre zugute, dass er in seinen Anfangszeiten als Kino-Betreiber auch noch als Wirt der Gaststätte Krone für seine Gäste da war. Die Freundlichkeit und der Service-Gedanke haben sich bei Rudolf Huber offensichtlich tief eingegraben und er ist froh, dass er mit Kai Erfurt schon seit 25 Jahren einen Mitarbeiter zur Seite hat, auf den er sich ebenso verlassen kann wie auf das gesamte ´Team im Filmhaus Huber.

Das Kino-Jubiläum wird in Türkheim gefeiert

Das gesamte Team ist derzeitdamit beschäftigt, das 70-jährige Bestehen der „Kronen Lichtspiele“zu organisieren: Mit einem Festakt für geladene Gäste am Dienstag, 26. November, um 20 Uhr beginnt die Jubiläumswoche von Sonntag, 24. bis Donnerstag, 28. November. Bei einzelnen Vorstellungen haben alle Kinobesucher freien Eintritt.

Am Donnerstag, 28. November, wird der Film „Kleines Herz in Not“ gezeigt – mit diesem Film wurden die Kronen-Lichtspiele 1949 eröffnet. Und das beweist: Auch wenn Rudolf Huber vielleicht noch immer kein Film-Freak sein mag – ein unverbesserlicher Romantiker ist er auf jeden Fall!

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