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Porträt

27.11.2015

Millionen lieben seine Bilderbücher

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3 Bilder
So sehen die ersten Spielgefährten der meisten Kinder aus, Helmut Spanner hat sie extra so gemalt, wie sie den Kleinsten auch vertraut sind: nämlich wie Plüschtiere. Denn nur was dreidimensional bekannt ist, kann auch gemalt wiedererkannt werden.
Bild: Manuela Frieß

Autor Helmut Spanner hat in Nassenbeuren eine zweite Heimat gefunden. Das kommt auch seiner Arbeit zugute.

Der Blick aus dem Wintergarten wandert in den herbstlichen Garten, weiter zur gelb leuchtenden Kapelle Maria Schnee und den bereits kahlen Lindenbäumen der Allee. „Irgendwie passt das hier alles wunderbar. Die tolle Aussicht, die Ruhe und dass Christoph von Schmid hier ebenfalls beheimatet war“, erzählt Helmut Spanner enthusiastisch. Seit einigen Jahren ist er zusammen mit seiner Frau Christine in Nassenbeuren. Eigentlich wohnen beide seit ihrer Studienzeit in München, als jedoch die Eltern von Christine Spanner älter und pflegebedürftiger wurden, haben sie immer mehr Zeit im Unterallgäu verbracht und nach dem Tod der beiden, das Haus übernommen und renoviert. Jetzt sind sie in München und Nassenbeuren zu Hause.

Apropos Christoph von Schmid: Der ist übrigens nicht nur Autor von „Ihr Kinderlein kommet“, sondern auch von Kinderbüchern. Der Seelsorger aus dem 18. Jahrhundert ist jedoch nicht mehr dafür bekannt. Auch den Namen Helmut Spanner kennen die wenigsten. Sieht man aber eines seiner Bücher, erkennt man seine typischen Zeichnungen. Und dort liegt auch die Krux: Kinderbücher werden nicht von denen gekauft, für die er sie macht, sondern von deren Eltern, Opas und Omas. Und die Kinder, die mit seinen Büchern aufgewachsen sind, werden sich garantiert nicht an den Namen erinnern.

Als Student war er in der "Gruppe Pappbilderbuch"

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Aber vielleicht an seine Zeichnungen. Das hofft der 64-Jährige wenigstens, denn darauf legt er besonderen Wert. „Meine Bücher sind oft der erste Kontakt mit einer zweidimensionalen Darstellung der Welt“, erklärt Helmut Spanner, „und deshalb müssen die Zeichnungen darin so realistisch wie möglich sein.“ Und das beruht nicht auf den neuesten Erkenntnissen von Neurologen, das hat er mit seinen Besuchen im Kindergarten schon vor 40 Jahren festgestellt. Als Student an der Akademie der bildenden Künste in München gehörte er der „Gruppe Pappbilderbuch“ an, die sich mit den ersten Büchern für Kinder sehr intensiv auseinandergesetzt hat.

Viele der Ergebnisse, die er dabei gesammelt hat, wurden mittlerweile von der Wissenschaft bestätigt. Seine damalige Abschlussarbeit jedoch wurde mit einem „Mangelhaft“, also einer Fünf benotet. Trotzdem ist das mit der Arbeit abgegebene Buch: „Meine ersten Sachen“ ein Verkaufsschlager im Buchhandel. Ein Buch, das nicht nur ein Bestseller, sondern vor allem auch ein Longseller ist. Nimmt man alle Bilderbücher von Helmut Spanner zusammen, hat er in den fast 40 Jahren über elf Millionen Bücher verkauft. Dabei wollte er eigentlich einmal Lehrer werden.

Seine Philosophie über Kinderbücher und seine Erkenntnisse über Wahrnehmung im Kindesalter sind fundiert. Und die will er durchsetzen, dafür nimmt er in Kauf, dass man ihn einen Sturschädel nennt und dass er je nach Projekt manchmal bis zu anderthalb Jahren an den Zeichnungen sitzt. „Wie lange es manchmal braucht, bis erst das Konzept steht oder der Titel passt, das glaubt man als Außenstehender gar nicht“, berichtet der Bestsellerautor.

Am liebsten arbeitet er im Wintergarten

Sein Lieblingsplatz für die Arbeit ist im Wintergarten. Dort gibt es nicht nur hunderte Stifte und Farben, sondern auch genügend Ruhe und Inspiration. „Ich dachte früher, dass ich es genießen würde, auch in Cafés zu sitzen und dort zu arbeiten. Dann habe ich gemerkt, dass ich gar kein Kaffeehaus Typ bin“, erzählt er und lacht. Stattdessen fotografiere er jetzt lieber die Hühner der Nachbarin, um realistische Bilder der Henne mit Küken zeichnen zu können.

Auch wenn Helmut Spanner hauptsächlich mit Zeichnungen seinen Lebensunterhalt verdient hat, eine weitere Leidenschaft ist die Musik. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Regisseur Dominik Graf hat er viel Filmmusik komponiert und arrangiert. Und außerdem noch viele hunderte Melodien und Arrangements schon im Kopf. „Deshalb mache ich auch bald keine Bücher mehr, denn die vielen Stücke wollen ja auch noch komponiert werden“, erklärt der gebürtige Gersthofener. Dabei wirkt er so energiegeladen und gut gelaunt, dass man ihm diese große Zahl definitiv zutraut.

Auch wenn er seine Zeichnungen per Hand anfertigt, der 64-Jährige ist auf dem neuesten Stand der Technik. Nicht nur was die Musik anbelangt. Seine Zeichnungen fügt er selbst am Rechner zusammen, mithilfe eines Hirnforschers hat er eine App entwickelt und seit einigen Monaten verbringt er viel Zeit mit seinen Projekten auf seiner Homepage und seiner Facebook-Seite. Dabei will er seine Erkenntnisse in puncto kindlicher Wahrnehmung endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Dass er dabei aber noch nicht so weit gekommen ist, wie er gern wollte, macht ihn ganz fuchsig. Aber wer so viel Energie und Leidenschaft ausstrahlt wie er, wird damit bestimmt auch noch fertig.

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