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Mindelheim/Russland
20.10.2015

In der Heimat des unbekannten Vaters

Empfang in Kasan durch den Professor (links), der Peter Ullrich die tschuwaschische Flagge umhängte.
2 Bilder
Empfang in Kasan durch den Professor (links), der Peter Ullrich die tschuwaschische Flagge umhängte.
Foto: Johann Stoll

Der Mindelheimer Peter Ullrich hat sich auf eine abenteuerliche Reise nach Russland aufgemacht. Gesucht hat er seine Wurzeln, gefunden herzliche Menschen.

Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Peter Ullrich aus Mindelheim wusste viele Jahre lang nicht einmal dessen Namen. Ullrich ist Jahrgang 1946. Seine Mutter war im Februar 1945 vor der heranrückenden Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten geflohen. Bei Prag kam sie in ein Lager und musste auf einem Gut mithelfen. In dieser Zeit wurde sie schwanger.

Ullrich ist sich heute sicher, dass es eine Liebesgeschichte war, die freilich unter keinem guten Stern stand. Soldaten und Offiziere der Sowjetarmee durften sich nicht mit deutschen Frauen einlassen. Sein Vater, ein russischer Hauptmann, war denn auch nicht lange in Tschechien und wurde rasch in die Sowjetunion zurückbeordert.

Ullrich kam im Schwäbischen zur Welt, wohin seine Mutter 1946 ausreisen konnte. Die Wahrheit über seinen Vater verheimlichte sie ihm. Ein Kind von einem russischen Offizier, gegen dessen Land Deutschland gerade den Krieg verloren hatte, galt als Schande. Diese Hypothek wollte sie ihrem Kind nicht mitgeben. Erst 1958 gestand sie ihrem Sohn, dass sein Vater aus der autonomen Provinz Tschuwaschien mehr als 600 Kilometer östlich von Moskau stammt. Im Alter legte sie ihm ein Foto dieses Rotarmisten vor. Zum ersten Mal sah Peter Ullrich ein Bild seines Vaters.

Peter Ullrich wusste nicht, wie die Leute auf ihn reagieren würden

Viele Jahre war er hin- und hergerissen. Wollte er wirklich mehr wissen? Oder sollte er die alten Zeiten besser ruhen lassen? Als die Sowjetunion unter Gorbatschow ihr Ende fand, sah er erstmals eine realistische Chance, mehr über seinen Vater zu erfahren. Wirklich weiter brachten ihn seine Nachforschungen aber erst, als er von der Gemeinde Lappersdorf bei Regensburg erfuhr, die eine Partnerschaft mit Tschuwaschien unterhält. Der dortige ehemalige Bürgermeister Hans Todt versprach, sich für sein Anliegen einzusetzen. Und er schaffte es tatsächlich, Türen zu öffnen. Der Kontakt lief über eine Professor und dessen Tochter. Beide unterrichten Deutsch an der Universität Tscheboksary, der Hauptstadt Tschuwaschiens, das auf seine Eigenarten ähnlich Wert legt wie Bayern in Deutschland. Sie haben es möglich gemacht, dass Peter Ullrich Ende September ein Flugzeug bestieg und ins russische Kasan flog.

Er war sich nicht sicher, ob diese Fahrt in seine eigene Vergangenheit eine gute Idee ist. Er spricht kein Russisch. Und er hatte keine Vorstellung davon, wie die Menschen auf ihn, den Deutschen, reagieren werden. Heute ist er tief bewegt von all den positiven Eindrücken, die er in Russland gewonnen hat.

Überall hat er Herzenswärme gespürt

Eine Woche war Ullrich im Land seines Vaters. Die Tochter und ihr Mann haben ihn am Flughafen in Kasan abgeholt, einer aufstrebenden Millionenstadt im Wolgagebiet. Traditionell mit Brot und Wodka wurde Ullrich überaus herzlich begrüßt. Der Professor hängte ihm sogar die tschuwaschische Flagge um die Schulter. Ullrich mochte es kaum glauben. Sie waren sich gegenseitig sofort sympathisch. „Ich bin ein Held für sie, weil ich mich für meine Wurzeln interessiere“, erzählt er.

Überall hat er Herzenswärme gespürt. Der Professor und ein Abgeordneter des örtlichen Parlaments reisten mit ihm die 120 Kilometer weiter nach Ibressi, dem Geburtsort seines Vaters Evgeniy Smirnov. Er war 1981 bereits eines natürlichen Todes gestorben. Seine sterblichen Überreste ruhen auf einem inzwischen aufgelassenen orthodoxen Friedhof. Eine Halbschwester führte ihn zum namenlosen Grab. „Für mich waren das ganz bewegende Momente“, sagt Ullrich.

Nach orthodoxem Brauch speisten die Besucher mit dem Toten. Dazu wurde am Grab eine Decke ausgebreitet, mit Essen und Getränken belegt und symbolisch mit dem Toten gegessen. Peter Ullrich nahm als Andenken eine Handvoll Grab-erde mit nach Hause. Bei tschuwaschischen Patrioten war er einen Abend lang eingeladen. Begeistert waren sie von den Sangeskünsten Ullrichs, der in der Sängervereinigung aktiv dabei ist.

Peter Ullrich brachte seinen Gastgebern Mindelheim näher

An der Hochschule durfte Ullrich mit Studenten diskutieren. Ein Teil von ihnen war in Tracht gekommen und tanzte mit dem deutschen Gast. Peter Ullrich nutzte die Begegnung auch dazu, seinen Gastgebern die Stadt Mindelheim etwas näher zu bringen. Dazu hatte er Filmmaterial vom Frundsbergfest dabei – sehr zur Freude der Tschuwaschen.

Über seinen Vater hat Peter Ullrich bei seiner Reise nach Russland nicht viel erfahren. Maler war er zuletzt. Viel mehr hat er nicht in Erfahrung bringen können. Für diesmal. Der Direktor der Universität hat ihm mit auf den Heimweg nach Deutschland gegeben: Er möge doch nächstes Jahr wieder kommen. Wohnen könne er bei ihm zuhause. Peter Ullrich hat schon mal mit einem Russisch-Sprachkurs in Memmingen begonnen.

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