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Zaisertshofen

11.08.2019

So wurde Ruf unverhofft zum Weltmarktführer

Die Brikettiermaschine presst das Material in leicht stapelbare Quader.
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Die Brikettiermaschine presst das Material in leicht stapelbare Quader.
Bild: Max Kramer

Plus Es begann vor 50 Jahren mit der "Schälhexe", heute ist Ruf Weltmarktführer - und ihr Gründer Hans Ruf widmet sich bereits einem neuen Projekt.

Nein, Schaukeln oder Rutschen brauchte es im Hause Ruf Anfang der 80er-Jahre nicht. Um die beiden Buben Wolfgang und Roland an frischer Luft zu unterhalten, genügte das rohe Arbeitsmaterial von Vater Hans. Berge von Mulch, Rinde und Kompost häuften sich hinter dem Haus. „Wir hatten dort einen echten Abenteuerspielplatz“, sagt Roland Ruf heute. Er hat inzwischen gemeinsam mit seinem Bruder die Geschäfte seines Vaters übernommen – und damit einen Weltmarktführer, der sein 50-jähriges Bestehen feiert.

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1969 beginnt also die Erfolgsgeschichte Ruf – in der Garage des damals 20-jährigen Hans. Er gründet im Kleinen ein Forstdienstleistungsunternehmen, das darauf spezialisiert ist, Holz zu entrinden. Schnell wird die selbst entworfene Maschine, die „Schälhexe“, größer. Da jedoch mit der Papierfabrik Lang aus Ettringen ein großer Auftraggeber beschließt, die Entrindung fortan auf dem eigenen Gelände vorzunehmen, ist der Erfindergeist von Hans Ruf erneut gefragt. Er macht aus der Not eine Tugend.

Ruf wollte die Rinde brikettieren - und kam so zu seiner Geschäftsidee

Die großen Mengen an Rinde müssen möglichst effektiv verarbeitet werden – Rufs Idee: Er will die Rinde brikettieren und kauft sich 1980 eine Brikettiermaschine, die das Pressgut mittels Reibung durch einen Zylinder presst. Der Versuch scheitert, da die verschiedenen Holzarten verschiedene physikalische Eigenschaften haben und damit eine einheitliche Verarbeitung unmöglich machen. Doch anstatt sich entmutigen zu lassen, schreitet Hans Ruf erneut zur Tat.

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Auf dem Schrottplatz sucht er Teile und die Hydraulik für eine eigene Presse zusammen, ein bekannter Elektriker baut den Schaltkasten dazu. Zwei Jahre dauert es, doch dann ist sie fertig: die erst Ruf’sche Brikettiermaschine. Sie presst das Rohmaterial per Stempel in Quader, die stapelbar und entsprechend leichter zu verpacken und zu lagern sind. Ein Prinzip, das sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten durchsetzt – und bis heute international erfolgreich ist.

Von Zaisertshofen in die ganze Welt: Es gibt mehr als 4500 Ruf-Anlagen

Dafür sprechen allein die Zahlen: In gut 100 Ländern laufen mehr als 4500 Ruf-Anlagen. Die Ruf-Gruppe inklusive aller Tochterfirmen macht rund 25 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 150 Mitarbeiter, 110 davon in Zaisertshofen. „Eigentlich wollten wir gar nicht so groß werden“, sagt Hans Ruf. „Aber man muss auf dem Markt immer wach sein, um nicht verschluckt zu werden.“

Auch deshalb übernahm das Familienunternehmen – seit 2016 sind Wolfgang und Roland Ruf Geschäftsführer – im vergangenen Jahr den Konkurrenten C.F. Nielsen aus Dänemark. Unter dem Namen „Briquetting Experts“ bündelt die Firma jetzt sämtliche Verfahren: Neben der hydraulischen Brikettierung, ursprünglich Kerngebiet des Zaisertshofener Unternehmens, bietet Ruf nun auch mechanische Verfahren und die Verpressung über Extruder für Briketts mit besonders hoher Dichte an. „Mit dieser Bandbreite sind wir für die Zukunft gut gerüstet“, sagt Geschäftsführer Roland Ruf.

Und das ist auch notwendig. Zwar können Ruf’sche Brikettiermaschinen von Holz über Metall bis hin zu Styropor, Banknoten und sogar Ananas-Blätter pressen, was es zu pressen gibt. In den vergangenen zehn Jahren entfielen zwei Drittel der Produktion aber auf Metallbrikettierung, die vor allem bei großen Autoherstellern gefragt ist.

Dass einige von ihnen derzeit kriseln, könnte sich auch auf das Geschäft auswirken. Ein Umstand, der Roland Ruf bewusst ist. Er betont aber: „Wir werden nicht untergehen, wenn Automotive stottert.“ Der Bedarf von Unternehmen, Abfallprodukte durch Brikettierung wieder nutzbar zu machen, bestehe weiter. „Als Marktführer können wir selbstbewusst auftreten“, sagt er.

Bei dem neuen Projekt von Hans Ruf geht es ums Strecken

So weit ist sein Vater mit einem anderen Projekt noch lange nicht. Hier geht es nicht ums Pressen, sondern – ganz im Gegenteil – ums Strecken: Schon 2010, also lange vor der Geschäftsübergabe an seine Söhne 2016, tüftelte Hans Ruf an einer besonderen Sitzgelegenheit. „Damals waren drei Mitarbeiter sechs bis acht Wochen krank“, erzählt Ruf. „Dieser Sache wollte ich nachgehen.“ Ruf informierte sich, las sich ein, holte medizinischen Rat ein. Ergebnis seiner Überlegungen: Der Quell vielen Übels liegt im zentralen Nervensystem, also im Rücken.

Schlussfolgerung dieser Erkenntnis: ein Gesundheitsstuhl, der die Wirbelsäule durch gezielte Streckung entlastet und damit Rücken- und einige weitere Beschwerden mildern soll. „Am Anfang haben alle gedacht: ’Da hat der Chef eine bissl g’spinnerte Idee gehabt’“, sagt Hans Ruf, als er auf neben der inzwischen siebten Version seines „Grow Chair“ steht.

Doch nicht ohne Stolz verweist er auf seine Erfolge: So sei eine Frau nach 20 Minuten auf dem Stuhl um 25 Millimeter gewachsen. So habe ein ehemaliger Ski-Profi seine gesundheitlichen Beschwerden nach nur vier Wochen überwunden. Und so nutzten sogar Physiotherapeuten den Stuhl regelmäßig.

Seine Erfahrungen helfen Hans Ruf bei seinem neuen "Baby"

Die Erfahrungen aus dem Brikettiergeschäft helfen Hans Ruf bei seinem neuen Projekt: „Wenn Sie den Verlauf der Nervenstränge im Körper anschauen – das ist doch fast nichts anderes als der Schaltplan einer Maschine.“ Produziert wird der „Grow Chair“ in der Schweiz von der Firma EEM („Entlastend, Entspannend, Motivierend“). Ihr Inhaber ist Hans Ruf, ihr Geschäftsführer Michael Cenci. Er sagt, der Stuhl solle Physiotherapeuten nicht ersetzen, sondern vielmehr ergänzen.

Dass seit dem Markteinstieg vor vier Jahren erst gut 100 Stühle verkauft wurden, liegt seiner Ansicht nach einerseits am Preis – schließlich kostet das neueste Modell 6800 Euro. Cenci betont aber auch: „Es gibt große Widerstände in der Gesundheitsbranche. Wenn jemand mit etwas Neuem auf den Markt kommt, sind die meisten erst einmal skeptisch – gerade, wenn es um alternative Methoden geht.“

Entmutigen lassen will er sich aus zwei Gründen nicht. Erstens Innovationsgeist: „Manchmal braucht es ein bisschen Querdenker, die den Etablierten zeigen, wie es geht.“ Zweitens Hans Ruf: „Herr Ruf ist ein Mann: Geht nicht, gibt’s nicht.“ Heute genau wie vor 50 Jahren.

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