Der Kampf gegen die weitere Verbreitung des Corona-Virus trifft den Einzelhandel, und zwar ins Mark. Seit gestern dürfen Modegeschäfte auf Anordnung der Staatsregierung nicht mehr öffnen. Das werde dramatische Folgen für die Betriebe und Beschäftigten haben, ist sich zum Beispiel Hubert Rudi Böser vom Modehaus Ländle in Bad Wörishofen sicher. „Der Einzelhandel blutet am meisten“, sagt der Unternehmer. Die Kette werde reißen. „Viele werden das nicht durchstehen“, prophezeit Böser.
Volle Lager, und die Kosten laufen weiter
Die Lager sind mit neuester Ware gefüllt und die Rechnungen dafür müssen bezahlt werden. Nur verkaufen, das dürfen die Händler in ihren Ladengeschäften nicht mehr, während die Gehälter weiter bezahlt werden müssen. Böser fürchtet nicht immense wirtschaftliche Verluste für die Branche. Eine Schätzung des Handelsverbandes geht von 1,4 Milliarden Euro Verlust pro Monat in Deutschland aus. Der Wörishofer Unternehmer sorgt sich aber auch ums Image seines Betriebes. Viele Kunden kämen von auswärts, aus Kempten, Marktoberdorf, Ulm oder Augsburg und können nicht bedienet werden.
Grundsätzlich hat Böser Verständnis dafür, dass die Behörden alles tun, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Das unterstützt er auch. Dass aber Bau- und Gartenmärkte oder Friseure offen haben dürfen, erschließt sich ihm nicht. In einem Modehaus seien 30 bis 40 zahlende Kunden am Tag. In anderen Branchen, die nicht schließen müssen, liege die Zahl der Kunden um ein Vielfaches höher.
Stammel richtet einen Notdienst ein
Nicht minder schwierig ist die Lage im Modehaus Stammel. Das Unternehmen führt Häuser in Buchloe, Schwabmünchen und Mindelheim, „und wir verkaufen leider kein Toilettenpapier“, sagt Niko Stammel mit Galgenhumor. Bis 30. März müssten die Geschäfte schließen. An jedem Standort werden zwei Mitarbeiter verbleiben, um etwa eingehende Pakete anzunehmen.
„Telefonisch sind wir auf jeden Fall erreichbar“, sagt Stammel. Das Unternehmen hat bisher schon auf Wunsch geliefert, etwa wenn ein Kunde ins Krankenhaus muss und noch einen Schlafanzug benötigt. Auf Wunsch verschickt das Unternehmen auch Pakete. Auch beim Modehaus Deschler „richten wir auf Wunsch gerne einen Lieferservice ein“, sagt Bernhard Kellner. Per Mail oder telefonisch seien sie ansprechbar. Die Kontaktdaten stehen auf der Homepage.
Das Verkaufspersonal steht praktisch von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit da. Hunderte Betriebe aus dem ganzen Allgäu werden Kurzarbeitergeld beantragen, ist sich Böser sicher. Das allerdings geht auch nicht von heute auf morgen. „Uns geht es allen gleich“, sagt Kellner. Auch er findet, dass die Politik nicht konsequent vorgeht.
Unvernunft bei einzelnen Eltern und Schülern
Es genügt offenbar, wenn ein Teilsortiment einer Drogerie zugeordnet wird, um das gesamte Geschäft offen zu lassen. Noch mehr wundert sich der Mindelheimer Geschäftsmann aber über die Unvernunft vieler Eltern. Die Schulen seien nicht ohne Grund geschlossen worden. Wenn dann Mütter mit ihren Kindern in die Eisdiele fahren, sei das unverantwortlich.
Den Einzelhandel treffe es jedenfalls extrem hart, sagt Kellner. Schon jetzt ist klar, dass die wichtigen Ostermärkte wegfallen. Was die Politik bisher an Hilfen in Aussicht gestellt hat, reiche bei weitem nicht aus. „Der Einzelhandel wird sehr allein gelassen“. Der Geschäftsführer von Modehaus Stammel in Mindelheim, Jörg Michel, appelliert schon jetzt an alle Unterallgäuer, ihre Geschäfte zu unterstützen, sobald die Krise überstanden ist. „Wir brauchen sie dringend“, sagt Michel. Die Kunden sollten unbedingt ihren kleinen Einzelhändlern die Stange halten, denn sonst werde so mancher von der Bildfläche verschwinden. „Wir hoffen, dass wir das einigermaßen auffangen können“, so Michel.
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