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Allgäu

01.07.2020

Viele Allgäuer in finanzieller Not: „Die Welle wird noch kommen“

Miete, Versicherungen, Kredite: Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Die Corona-Krise hat diese Probleme bei manchen Schuldnern jetzt noch verschärft,
Bild: Matthias Becker

Plus Bei Schuldnerberatern melden sich wegen der Corona-Krise mehr Menschen als üblich. Experten rechnen mit noch größerem Andrang, wenn Rücklagen aufgebraucht sind.

„Bei uns rufen immer wieder Menschen an, die wegen Corona in finanzielle Sorgen und Nöte geraten sind“, sagt Mandy Meier von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbands Kempten-Oberallgäu. Noch hielten sich diese Anfragen zwar in Grenzen – Meier und ihre Kollegen rechnen aber damit, dass sich dies bald ändern wird.

Wegen Kurzarbeit oft weniger Gehalt

„Die Auswirkungen zeigen sich, wenn die finanziellen Polster aufgebraucht sind und Rückstände eingefordert werden“, sagt Meier. Viele Allgäuer verdienen derzeit unter anderem wegen Kurzarbeit weniger als üblich, müssten aber dennoch die laufenden Kosten decken. Noch zeigten viele Gläubiger wegen Corona Verständnis, ermöglichten Stundungen und die Aussetzung von Raten oder Mieten. Wenn die Normalität wieder einkehrt, drohen laut Meier aber teilweise doppelte Zahlungen. „Manche werden das nicht überstehen und zur Schuldnerberatung müssen.“

Auch bei Simone Jendrosch vom Caritasverband Memmingen-Unterallgäu melden sich verstärkt Menschen, die Angst haben, jetzt finanziell abzurutschen. Und doch: „Die Welle wird erst noch kommen“, sagt Jendrosch. Die Kurzarbeit dauere bei vielen noch nicht lange an, einige hätten sich Geld auf die Seite gelegt und zehrten jetzt davon. Die Gläubiger seien bislang kulant gewesen und hätten wenig Druck gemacht. Beispielsweise habe es längere Zeit keine Besuche von Gerichtsvollziehern gegeben, auch Inkasso-Unternehmen hätten weniger Briefe verschickt. „Jetzt zieht das wieder an“, sagt die Expertin.

Viele Allgäuer in finanzieller Not: „Die Welle wird noch kommen“

Beratungsstellen im Allgäu

Wer Hilfe braucht, kann sich an die Beratungsstellen wenden, die es überall im Allgäu gibt. Dabei ist es laut Jendrosch wichtig, einen Termin auszumachen: „Wie früher einfach vorbei kommen, das ist derzeit nicht möglich.“ Bei der Beratung stehe zunächst die Existenzsicherung im Mittelpunkt. Dabei werde geklärt, wie etwa die Miete und wichtige Versicherungen bezahlt werden können.

Sind Verbindlichkeiten vorhanden, geht es um die Frage, wie sich die Schulden abtragen lassen: Ist ein neuer Job in Aussicht? Gibt es Verwandte, die das Geld vorstrecken können?

Sei das nicht möglich, folge in einem letzten Schritt die Insolvenzberatung, möglicherweise müsse dann ein Insolvenz-Antrag gestellt werden. Zunächst werde aber versucht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Dafür müssen die Berater stets auf dem Laufenden sein. „Auch wegen Corona gibt es ständig neue Bestimmungen“, sagt Christian Meier von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie Herzogsägmühle in Marktoberdorf. Beispielsweise gebe es derzeit die Möglichkeit, schneller und unbürokratischer als früher Arbeitslosengeld II zu beantragen.

Erhöhte Gefahr für Obdachlosigkeit im Allgäu

Auch er geht davon aus, dass sich bald noch mehr Menschen an die Beratungsstellen wenden werden. „Einige verlieren durch die Kurzarbeit 40 Prozent ihres Einkommens, die Auswirkungen treten aber erst verzögert auf“, sagt der Experte. Schon jetzt mache sich die schwierige Situation in der „Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit“ im Ostallgäu bemerkbar. Dort gibt es eine Beratung für jene, die Gefahr laufen, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren.

Das trifft laut Christian Meier derzeit verstärkt Menschen, die in der Gastronomie oder im Tourismus arbeiten. Eine solche Fachstelle gibt es auch in Kempten.

„Ich kann gerade nicht feststellen, dass die Menschen zunehmend in Wohnungsnot geraten“, sagt Christian Koops. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise seien aber auch noch nicht absehbar.

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