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Kirchheim

05.11.2018

Wanzl steht vor großen Veränderungen

Zu der „aktiven Mittagspause“ mit der IG Metall im Juni waren etwa 450 Wanzl-Beschäftigte vor das Tor des Leipheimer Werkes 4 gekommen. In dieser Woche ist eine solche Veranstaltung auch in Kirchheim geplant.

Die Digitalisierung macht vor Supermärkten nicht halt. Mehr bestellen im Netz, die Welt der Einkaufswagen schrumpft. Was bedeutet das für Wanzl-Mitarbeiter?

Mit der knackigen Überschrift „Wanzl: Weltmarktführer oder Sanierungsfall?“ hat der Betriebsrat der Firma zur Teilnahme an der Betriebsversammlung motiviert. Mehr als 1000 der 1650 Mitarbeiter hörten sich in Leipheim an, was Unternehmensleitung, Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall zu sagen hatten. Die 600 Beschäftigen in Kirchheim waren da bereits informiert worden.

Es geht um Geld, viel Geld. Seit August haben Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter ausgelotet, wie es weitergehen soll bei Wanzl – einem Unternehmen, das nicht dem Arbeitgeberverband angehört und sich damit auch nicht ausgehandelten Tarifverträgen verpflichtet fühlen muss. Die Gewerkschaft versucht daher, einen auf Wanzl zugeschnittenen Tarifvertrag auszuhandeln.

In Kirchheim soll am Mittwoch eine "aktive Mittagspause" bei Wanzl stattfinden

Beide Seiten versicherten gegenüber unserer Zeitung, dass sie die Absicht haben, bis Jahresende zu einer für alle akzeptablen Vereinbarung zu kommen. „Warnstreiks wird es vorerst nicht geben“, versicherte Günter Frey, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Neu-Ulm/Günzburg, „denn vorher müssten wir ja die Gespräche für gescheitert erklären“. Die Gewerkschaft will vor den nächsten Gesprächen die Wanzl-Belegschaft hinter sich wissen und lädt deshalb – wie schon im Juni in Leipheim (Lesen Sie hier mehr: Wanzl-Mitarbeiter gehen in Leipheim vors Werkstor ) – zu einer „aktiven Mittagspause“ vor die Werkstore. In Kirchheim ist dafür der kommende Mittwoch vorgesehen. Dem Landratsamt wurden 100 Personen gemeldet, die sich voraussichtlich beteiligen. Tags darauf sprechen Gewerkschaftsvertreter und Betriebsrat vor dem Stammwerk in Leipheim.

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Bisher haben die Gespräche in einem guten Klima stattgefunden, sagt Frey als einer von sieben Vertretern der Arbeitnehmer. Mit Sabrina Balkheimer (ebenfalls IG Metall) und fünf Beschäftigten aus Leipheim und Kirchheim bildet er die „betriebliche Tarifkommission“ für Wanzl. Auf der anderen Seite des Tisches sitzen mit Klaus Meier-Kortwig (Vorsitzender der Geschäftsführung), Frank Derks (Geschäftsführer Finanzen) und Harald P. Dörenbach (Geschäftsführer Technik) auch drei der fünf Mitglieder der Geschäftsleitung.

Große Veränderungen stehen Wanzl bevor - auch in Kirchheim

Wanzl sieht sich vor einem großen Veränderungsprozess. Die Metallwarenfabrik gilt mit 2,5 Millionen Stück im Jahr als weltweit größter Produzent von Einkaufswagen. Doch die Nachfrage geht tendenziell zurück, da das Einkaufen im Internet – auch von Lebensmitteln – offenbar an Bedeutung zunimmt. Auf der Betriebsversammlung wurde das Video eines Fachmarkts im Kreis Neu-Ulm gezeigt, in dem Handwerker – außer sonntags – rund um die Uhr einkaufen können; vor 7 und nach 17 Uhr, ohne dass Personal anwesend ist. Das Bezahlen läuft automatisch ab – etwa mithilfe eines Scantunnels. Wanzl hat die Technik kräftig mitentwickelt.

„Ich halte das, was uns vorgetragen wurde, für glaubhaft und durchaus diskussionswürdig“, sagt der IG-Metall-Bevollmächtigte Frey, der „verhalten zuversichtlich“ in die beiden entscheidenden Monate gehe. Dabei gilt es noch beachtliche Brocken aus dem Weg zu räumen. Die Einschätzung der Gewerkschaft lautet: Wenn die eine Seite in „ein bis zwei zentralen Punkten“ der anderen Seite entgegenkommt und das umgekehrt auch der Fall ist, „dann müsste eine Lösung möglich sein“.

Die gut einen Monat alten Forderungen der Wanzl-Geschäftsführung beziehen sich unter anderem auf flexible Entgeltbestandteile, die von der Rendite des Unternehmens abhängen sollen: Das gilt sowohl für das Weihnachtsgeld als auch für die zweiprozentige Tariferhöhung aus dem vergangenen Jahr, die bislang nicht an die Beschäftigten weitergereicht worden ist. Zukünftig ausgehandelte Tariferhöhungen sollen erst um neun Monate versetzt gültig und bei 2,5 Prozent gedeckelt werden – auch wenn das Ergebnis der Tarifpartner höher ausfallen sollte. Bei einer 35-Stunden-Woche soll nach Unternehmensvorstellungen eine Mehrarbeit in der Größenordnung von bis zu drei Stunden nicht mehr vergütet werden. „Wir können das nicht in diesem Umfang akzeptieren, aber wir müssen uns ernsthaft damit auseinandersetzen“, erklärte Frey. „Wenn wir das von vornherein zum No-Go erklären, dann sind die Verhandlungen beendet. Das ist meine Einschätzung.“

Was die Gewerkschaft und was die Geschäftsführung von Wanzl wollen, unterscheidet sich in mehreren Punkten

Die Gewerkschaft lehnt Deckelungen von Tariferhöhungen ab – und möchte die zeitversetzte Gültigkeit von anfangs neun Monaten auf sechs, dann vier und zwei Monate im vierten Jahr reduzieren. Die IG Metall kommt mit ihrem Angebot bei der Beschäftigung von Leiharbeitern Wanzl entgegen. Eine Übernahme für maximal 48 Monate statt bislang 18 wäre dann möglich.

Die Vorstellungen zwischen dem Arbeitgeber und der Arbeitnehmervertretung unterscheiden sich nicht nur in der Länge der Laufzeit der möglichen Vereinbarung (die Wanzl-Geschäftsleitung schlägt bis Ende 2025 vor, die IG Metall bis Ende 2022); Wanzl bietet unter anderem eine Altersteilzeit für alle, die unbefristete Übernahme der Auszubildenden und einen Leistungsschutz für Ältere (ab 50 Jahre mit mindestens 20-jähriger Betriebszugehörigkeit) an. Das allerdings nur, wenn die Mitarbeiter einen jährlichen Arbeitnehmerbeitrag von zehn Millionen Euro leisten. Neben der unbezahlten Mehrarbeit sollen die Abschaffung des Fahrgeldes, von Schichtzulagen, einer Wochenendzulage, die Abschaffung des Kleidergeldes und einer Zeitgutschrift bei Arztbesuchen zu dieser jährlichen Summe beitragen; ebenso die Zahlung von Nachtzuschlägen erst ab 22 Uhr (bis 6 Uhr) und nicht wie im Manteltarif vorgesehen ab 20 Uhr.

Wenn das umgesetzt wird, machen Meier-Kortwig und Co. eine Investitionszusage für die Standorte von 15 Millionen Euro pro Jahr. Das wären 105 Millionen Euro – bezogen auf die von Wanzl vorgeschlagene siebenjährige Laufzeit. „Solche Investitionen“, sagt IG-Metaller Frey, „müssen auch überprüfbar sein“. Er fragt sich, wie eine Kompensation aussieht, falls diese Investitionszusage in einem Jahr, aus welchem Grund auch immer, nicht eingehalten wird.

Der Vorsitzende der Wanzl-Geschäftsführung macht in einer Stellungnahme deutlich, wie wichtig es ist, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Auf eine veränderte Einkaufswelt, Stahlpreise, die aktuell 30 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt liegen, eine Umsatzdelle heuer und die steigende Niedriglohnkonkurrenz aus dem Ausland, müsse man entsprechend reagieren und bereit sein für Veränderungen.

Mehr über Wanzl lesen Sie auch hier:

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