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Westernach

30.12.2019

Was Bauer Sontheimer aus Westernach in der Seele weh tut

Landwirt Stephan Sontheimer blickt mit gemischten Gefühlen auf das Jahr 2019 zurück. Vor allem das „Bauern-Bashing“ tue ihm in der Seele weh, sagt er.
Bild: Sontheimer

Plus Landwirt Stephan Sontheimer blickt auf ein turbulentes Jahr zurück. Positiv stimmt ihn nur eines: Seine Berufskollegen zeigen sich wieder kämpferisch

Für die Bauern kam dieses Jahr 2019 einer Achterbahnfahrt der Gefühle gleich: Im Frühjahr brach das Bienenvolksbegehren über sie herein, dann die verschärfte Düngeverordnung. Der Tierschutzskandal auf einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Bad Grönenbach folgte und zuletzt die Bauernproteste von Nord bis Süd mit der Botschaft: Wir sind es leid als die allein Schuldigen für alles mögliche herhalten zu müssen.

Stephan Sontheimer ist verheiratet und hat drei Kinder. Er betreibt in Westernach einen Milchviehbetrieb mit 45 Kühen. Nach heutigen Maßstäben ist das ein Kleinbetrieb. Ihn treibt seit Jahren die Sorge um, wie es mit der bäuerlichen Landwirtschaft weiter geht. Deshalb engagiert er sich auch beim BDM, dem Bund der Deutschen Milchviehhalter. Er gehört dort dem 15-köpfigen Kreisvorstand an.

Für Milch bekommt der Westernacher genauso viel wie vor zehn Jahren

Wenn er auf das Jahr zurückblickt, dann sieht er zunächst vor allem Ebbe im Geldbeutel. Für das Kilo Milch bekommt er 34 Cent im Grundpreis. Vor zehn Jahren lag der Preis ähnlich, nur haben sich in der Zwischenzeit die Kosten verdoppelt, wie er sagt. „Ich will nach zehn Jahren wieder ein Frontmähwerk kaufen“, erzählt der 47-Jährige. Heute muss er doppelt so viel bezahlen als damals. Nicht anders sieht es aus, wenn er einen neuen Traktor braucht. Auch hier sind die Preise in die Höhe geschnellt.

Was Bauer Sontheimer aus Westernach in der Seele weh tut

Die Bauern fühlen sich aber auch durch Vorschriften mehr und mehr unter Druck gesetzt, die ins Geld gehen. Sontheimer nennt als Beispiel die Blauzungenkrankheit. Von jedem Tier muss ein Tierarzt eine Blutprobe nehmen. Kosten: 30 Euro je Tier. Für ein Kalb in einem Blauzungenrisikogebiet gibt es nicht einmal mehr zehn Euro. Der eigentliche Skandal an der Sache ist für Sontheimer, dass es bisher zu keinem Ausbruch der Krankheit gekommen ist. Mit diesen Vorschriften aber würden nicht nur die Preise, sondern auch die Märkte kaputtgemacht.

Vielen steht der Sinn nach Aufhören, darunter seien auch schon Bauern, die 80 Kühe im Stall stehen haben, sagt Sontheimer. Wer heute einen Stall baut, dem winken zwar 40 Prozent Fördergelder. Unter dem Strich kommt jeder Kuhplatz im Schnitt auf 18.000 Euro. Anfang der 90er Jahre seien es 7000 D-Mark gewesen.

Spärliche Einnahmen, aber Arbeit ohne Ende: Im Schnitt 80 bis 100 Stunden arbeitet Sontheimer pro Woche für seinen Betrieb. Manche Jüngeren legten sogar noch regelmäßig Nachtschichten ein. „Ich weiß nicht, wie die das auf Dauer aushalten“. Dabei liebt Sontheimer seinen Beruf und sieht sehr wohl auch die schönen Seiten: Arbeiten in freier Natur und frischer Luft, das können nur wenige Berufe bieten.

Der 47-Jährige hat den Eindruck, dass Politikern gar nicht bewusst ist, wie sehr die bäuerlichen Betriebe unter Druck sind. Wenn es so weiter geht, „gibt es in zehn Jahren nur noch Großbetriebe“. Und weitere zehn Jahre später wird ein Hof 600 Kühe haben, prophezeit der Westernacher. Wer wirklich die bäuerliche Landwirtschaft will, „der muss Lösungen anbieten“, sagt er in Richtung Politik. Alles werde in runden Tischen zerredet, findet er.

Gefordert waren günstige Lebensmittel in höchster Qualität

„Wir Bauern haben die vergangenen 40 Jahre genau das umgesetzt, was Politik und Gesellschaft von uns gefordert haben, nämlich Lebensmittel günstig und in höchster Qualität zu produzieren und abzuliefern“, sagt Sontheimer. Manches habe sich in eine falsche Richtung entwickelt, „aber wer die Richtung vorgibt, trägt die Verantwortung. Wir Bauern sind der falsche Adressat für Anschuldigungen“, die an Brüssel, Berlin und München zu richten seien. Dass die Überproduktion schädlich ist, wissen auch die Landwirte. Er halte gerne ein paar weniger Kühe, wenn die Einnahmen stimmen. Auch Landwirten sei das Tierwohl wichtig, schon aus Eigeninteresse. Zur Debatte um fehlende Wertschätzung sagt Sontheimer, die erfahren andere auch nicht, etwa Pflegekräfte. „Wenn wir Produkte haben, die nichts wert sind, ist das natürlich auch ein Beleg für mangelnde Wertschätzung“.

Das „Bauern-Bashing“ tut vielen in der Seele weh. Die Landwirte produzierten hochwertige Lebensmittel zu günstigsten Preisen. Sie seien nicht der Buhmann für alle Probleme. Sontheimer stellt eine erschreckende Doppelmoral in der Gesellschaft fest.

Der Landwirt aus Westernach fühlt sich unter Beobachtung "wie von der Stasi"

Der eigene Lebensstil mit Flügen oder dem Einsatz von Herbiziden im eigenen Garten wird nicht hinterfragt. Wenn er aber einzeln Ampfer auf dem Feld bekämpft, hat er schon erlebt, dass er sich vor wildfremden Menschen rechtfertigen musste. „Wir werden beobachtet wie von der Stasi“, formuliert der Landwirt.

Eines aber stimmt ihn zuversichtlich: Vor allem die jungen Bauern sind bereit, für ihre Höfe auf die Straße zu gehen. Die meisten sind seiner Einschätzung nach auch besonnen. „Bei den massiven Schlepperdemonstrationen muss es auch Radau geben, sonst finden wir kein Gehör“.

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