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Bad Wörishofen

08.08.2017

Wegen 70,11 Euro: "Oma Ingrid" droht eine Gefängnisstrafe

Die 83-jährige Ingrid Millgramm muss jetzt auf die Gnade der Justiz hoffen, sonst muss sie wegen einiger Ladendiebstähle für neun Monate in Haft.
Bild: Alf Geiger

Einer 83-Jährigen aus Bad Wörishofen droht wegen mehrerer Ladendiebstähle eine neunmonatige Gefängnisstrafe. Sie klaute Lebensmittel im Wert von 70,11 Euro – aus Hunger.

Es ist paradox: Nahezu alle statistischen Daten zeigen, dass es Deutschland so gut geht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Bayern und Baden-Württemberg stehen dabei besonders gut da. Im Unterallgäu herrscht Vollbeschäftigung. Dennoch beschleicht immer mehr Menschen das Gefühl, dass es in der Gesellschaft weniger gerecht zugeht. Die einen werden immer reicher, die anderen wissen kaum noch, wie sie genügend Geld zusammenbekommen sollen, um ihr Leben zu finanzieren. Wie gerecht geht es bei uns zu? Dieser Frage gehen wir nach.

Es hilft nur noch „Gnade vor Recht”

„Muss ich jetzt wirklich ins Gefängnis?”, fragt Ingrid Millgramm mit zittriger Stimme und hält dabei hilflos einen Bescheid der Staatsanwaltschaft Memmingen vor sich. Und tatsächlich – wenn die bayerische Justiz nicht doch noch im letzten Moment Gnade vor Recht ergehen lässt, dann wird die 83-jährige Rentnerin aus Bad Wörishofen hinter Gitter kommen.

Sie wurde verurteilt, weil sie gestohlen hatte: Fünf Mal wurde sie erwischt, als sie in Supermärkten in Bad Wörishofen etwas eingesteckt hatte. Insgesamt geht es um eine Summe von 70,11 Euro. Vier mal waren es Lebensmittel in einem Supermarkt, einmal waren es Taschentücher in einem Drogeriemarkt. Beide Läden liegen nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt und auch wenn die Diebstähle schon mehrere Jahre zurückliegen: Sie schämt sich noch heute dafür, sagt die gebürtige Rheinländerin und kämpft mit den Tränen.

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Reduzierte Ware und Suppenfleisch: Ingrid Millgramm klaute, weil sie Hunger hatte

Sie habe andere beim Ladendiebstahl beobachtet und habe sich gedacht: „Dann kann ich das auch ...” Sie musste monatelang auf das ausstehende Geld vom Sozialamt warten, und war psychisch und physisch am Ende, erinnert sie sich: „Ich hatte Hunger, ich hatte wirklich nichts zu essen.” Und dann riet ihr der Hausarzt, sie sollte sich doch besser ernähren, weil schon erste Mangelerscheinungen aufgetreten seien: „Ich habe wochenlang nur noch von Knäckebrot und Leitungswasser gelebt.”

Da griff sie zu, klaute beim ersten Mal Fleisch, das aber bereits im Preis heruntergesetzt war: „Ich habe extra die reduzierten Waren gestohlen”, sagt sie. Dann war es Hackfleisch, einmal Suppenfleisch, weil sie so einen Appetit auf eine leckere Suppe hatte, die ihr wieder Kraft geben sollte. Und einmal war es ein Paket Knäckebrot, das sie einsteckte, gibt sie reumütig zu.

Sie wolle auch gar nichts schön reden – sie weiß, dass sie mit ihren Ladendiebstählen Unrecht begangen hat. Aber sie versteht nicht, dass niemand ihre Notlage berücksichtigt, in der sie sich damals befunden habe: Aus ihrer Sicht war es die blanke Not, die sie zu dieser Dummheit betrieben hatte: Sie war bitterarm, hatte beim Börsencrash 2001 alle ihre Ersparnisse verloren, die ihr Mann in den USA angelegt hatte. Da stand das einst wohlhabende Paar plötzlich vor dem Nichts, war gerade ins Unterallgäu umgezogen. Im gleichen Jahr verstarb dann auch noch ihr Mann im Alter von 63 Jahren.

Trotz 45 Jahren Arbeit reicht die Rente hinten und vorne nicht

Heute lebt die Rentnerin in einer Wohnung im zweiten Stock, sie muss mit 715 Euro Rente und 123 Euro Grundsicherung zurechtkommen. Nach Abzug der Fixkosten wie Miete, Strom und die für ihre chronischen Krankheiten lebenswichtigen Medikamente bleiben ihr gerade einmal rund 100 Euro zum Leben. Sie will dennoch keine Hilfsangebote wie die Tafel oder Ähnliches annehmen – wie viele Menschen ihrer Generation schämt sie sich viel zu sehr für ihre Altersarmut.

Immerhin hat die gelernte Schneiderin 45 Jahre lang hart gearbeitet, ihr selbstständiger Mann verdiente gut – und jetzt reicht ihre karge Rente hinten und vorne nicht. Wichtig ist ihr nach wie vor aber ihre Würde: Man sieht der rüstigen Frau weder ihr hohes Alter noch ihre Armut an. Sie ist perfekt frisiert und geschminkt, trägt ein modisches Kleid und lebt in einer perfekt aufgeräumten Wohnung, in der man die Liebe zum Detail überall erkennen kann.

Alles wirkt so normal, so vertraut – und doch schwebt über der 83-Jährigen das Damoklesschwert einer neunmonatigen Haftstrafe. Für ihre Ladendiebstähle wurde sie zunächst mit einer Geldstrafe belegt, die sie jedoch nicht zahlen konnte. Danach folgten noch zwei Prozesse, die beide mit Bewährungsstrafen endeten.

Die Memminger Justizbehörde urteilte: neun Monate Haft

Weil sie sich so ungerecht behandelt fühlte und weil sie keinen anderen Ausweg mehr sah, griff sie kurzerhand zum Telefonhörer und rief bei der Bild-Zeitung an – und nicht nur das Boulevardblatt, sondern auch mehrere TV-Formate im Privat-Fernsehen und Klatschblätter stürzten sich auf diese Geschichte: Als „Oma Ingrid, die vor Hunger klaute” wurde sie deshalb bekannt – eine Art der Publicity, die der 83-Jährigen jetzt gar nicht mehr so ganz geheuer ist. „Hoffentlich hat das ganze Tohuwabohu nicht erst dafür gesorgt, dass die Justiz jetzt so unnachgiebig ist”, fürchtet sie. Ihre Stimme zittert wieder, als sie das sagt und in ihren Unterlagen blättert, die inzwischen schon einen ganzen Ordner füllen. Denn jetzt scheint die Memminger Justizbehörde keine Gnade mehr zu Kennen: Das Amtsgericht hat ihr schriftlich mitgeteilt, dass sie ihre neunmonatige Haftstrafe antreten muss.

Ihre letzte Hoffnung war eine Untersuchung beim Amtsarzt in der vergangenen Woche – doch der erkannte eindeutig die Haftfähigkeit der 83-Jährigen an. Aus Sicht des Gutachters sei es der Rentnerin durchaus zuzumuten, ihre Haftstrafe abzusitzen. Zwar attestierte er ihr mehrere chronische Krankheiten – doch sei die medizinische Versorgung in einer Haftanstalt gut genug, damit keine Gefahr für die Gesundheit der hochbetagten Rentnerin bestehe.

Ein Gutachter bestätigte ihr die „Haftfähigkeit” von Millgramm

Das hohe Alter und der Gesundheitszustand von Ingrid Millgramm seien beim Urteil bereits berücksichtigt worden, dennoch bestehe aus Sicht der Staatsanwaltschaft Memmingen derzeit kein Ermessensspielraum: „Der Gutachter hat die Haftfähigkeit von Frau Millgramm bestätigt und ein unabhängiges Gericht hat entschieden, dass die Sozialprognose für Frau Millgramm schlecht ist und mit weiteren Straftaten zu rechnen sei”, so der Leitende Oberstaatsanwalt Christoph Ebert auf Anfrage der Mindelheimer Zeitung. Die Staatsanwaltschaft müsse die richterlichen Entscheidungen vollstrecken, wenn sie sich nicht selbst strafbar machen wolle.

Akut müsse sich Ingrid Millgramm zwar keine Sorgen machen, dass sie schon in den nächsten Wochen ins Gefängnis gesteckt wird, betonte Ebert. Denn: Noch stünden Rechtsmittel zur Verfügung, die von der Pflichtverteidigerin der Rentnerin ausgeschöpft werden können. Und selbst wenn dann immer noch eine Haft im Raum stehe, bestehe auch die Möglichkeit, ein „Gnadengesuch” an die Staatsanwalt zu richten, über das dann dort oder letztlich sogar vom Justizminister entschieden werde.

Ingrid Millgramm kann es kaum fassen, doch sie ist vorbereitet: In ihrem blitzsauber aufgeräumten Schlafzimmer stehen die gepackten Koffer – sie rechnet jederzeit damit, dass sie die Haftstrafe antreten muss. Alleine diese Angst, dieser psychische Druck, machen ihr aber schwer zu schaffen.

„Ich weiß, dass ich die Ladendiebstähle nicht mehr gutmachen kann. Das tut mir auch so leid und es ist schon richtig, wenn ich dafür bestraft werde. Aber so hart? Neun Monate Gefängnis wegen 70,11 Euro. Ist das gerecht?” Sie sagt das und blättert wieder in ihren Unterlagen.

Mit Tränen in den Augen murmelt sie „Ich werde bestimmt nie wieder etwas stehlen. Warum glaubt man mir das denn nicht?”

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Die Diskussion ist geschlossen.

08.08.2017

Wenn jemand so auf Äußerlichkeiten wert legt, dass er lieber andere beklaut als sich bei der Tafel mit Lebensmitteln zu versorgen, dann habe ich dafür relativ wenig Verständnis, auch wenn es mir leid tut, dass Frau Millgramm auf ihre alten Tage in diese Situation kommen musste.

Ich finde auch komisch, wenn jemand, der gut verdient hat ALLE Ersparnisse in USA angelegt hat und die nun ALLE futsch sein sollen. Wollte da man das was am Fiskus vorbeischleusen?

Und dann fällt eben auf, was hier auch schon angemerkt wurde: Für ihr Äußeres scheint Frau Millgramm genügend Geld übrig zu haben. Die Frisur sieht schwer nach Friseurbesuch aus.

Einmal Klauen ließe ich mir ja noch eingehen. Aber dann überwindet ein normaler Mensch seine Scham und nimmt eines der sozialen Angebote an. Wer fünfmal klaut, der glaubt eben nicht, dass es so kommen könnte, dass er ins Gefängnis muss und insofern ist der Schuss vor den Bug nicht so verkehrt.

Zu dem Verweis auf andere Missetäter, die auch frei herumlaufen: Es gilt: Keine Gleichheit im Unrecht.

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08.08.2017

Mal ganz ehrlich, die "arme" Oma, hat kein Geld um sich Essen zu kaufen, aber sie legt sehr viel Wert auf gepflegtes äusseres ??? Wo wäre das Geld wohl gesser angelegt ? Schaut ausserdem einfach mal bei Google nach, wie die "arme" Oma in den Medien Deutschlands unterwegs ist, da soll einer behaupten, das sie das umsonst macht.

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08.08.2017

Die Frau muß wegen 5 Diebstähle evtl. ins Gefängnis, der Lybier aus Bautzen hat 24 Vergehen, dem droht kein Knast, wo ist da die Gerechtigkeit in Deutschland!

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08.08.2017

Wenn Sie immer Äpfel mit Birnen vergleichen kommen Sie auf einen grünen Zweig.

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08.08.2017

Das war ja klar, das sie für den Lybier volles Verständnis haben. Für mich ist Straftat immer eine Straftat, egal von wem.

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09.08.2017

Ich glaube jetzt reicht es, denn Ihre Unterstellung ist übel.

Wo und wann habe ich gesagt, dass ich für einen Straftäter, ob Libyer oder sonstwer volles Verständnis habe?

Haben Sie so üble Unterstellungen denn nötig? Wenn nicht, dann lassen Sie es doch einfach sein.

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09.08.2017

wo ist da die Gerechtigkeit in Deutschland!

Ganz einfach: Die ist den Bach runter. Um das zu beweisen, muss man nicht mal einen Libyer aus Bautzen bemühen. Was glauben Sie, wieviele Jahre die deutschen Autobosse in den Knast müssten, ginge es gerecht zu und hätte die Strafe etwas mit dem verursachten Schaden zu tun?

Und für die 715 Euro Rente nach 45 Jahren Arbeit sollte sich nicht die Frau schämen, sondern der deutsche Staat, der nur seine sog. Diener bestens versorgt.

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08.08.2017

Und wenn wir jetzt gegenrechnen was den Staat der ganze Verwaltungsaufwand gekostest hat... ich will nichts schönreden, Diebstahl ist nicht ok, aber manchmal wäre ein Auge zudrücken schon angebracht.

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08.08.2017

Im Gefängnis würde sie wenigsten was Gscheits zu essen kriegen! Traurig, was in diesem Land abgeht...

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