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13.12.2017

Wenn Politiker zur Marke werden

Titel-Thema Ob Emmanuel Macron, Christian Lindner oder Sebastian Kurz: Immer öfter ersetzen Personen das Programm oder sogar die Parteien. Warum politische Ich-AGs gerade so erfolgreich sind

Berlin Man muss gar nicht nach Frankreich oder Österreich schauen, um den Trend zur politischen One-Man-Show zu erklären. Auch in Deutschland gibt es Beispiele, wie Personen Parteien ersetzen, wie Politiker sich selbst zur Marke machen. Die FDP feiert als Lindner-Partei ihre Wiederauferstehung. Frauke Petry hat gerade die AfD verlassen, um eine neue Partei zu gründen, deren Botschaft vor allem sie selbst ist. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik erleben wir, dass dominante Politiker sich selbst zum Programm machen. Schon der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer war selbst das Wahlversprechen. Die CDU wurde zum Kanzlerwahlverein.

Auch in anderen europäischen Ländern gab es schon früher überragende Persönlichkeiten wie Charles de Gaulle in Frankreich oder Winston Churchill in Großbritannien. Und doch war dieses Jahr ein besonderes. Selten zuvor feierten so viele politische Alleinunterhalter gleichzeitig derart große Erfolge. Die erstaunlichste Geschichte hat sicherlich Emmanuel Macron geschrieben. Er schaffte es ohne klassische Partei an die Spitze Frankreichs. Seine „Bewegung“ En Marche zerlegte das altgediente politische System. Macron wurde nicht nur Präsident, sondern hat inzwischen auch eine satte Mehrheit in der Nationalversammlung.

In Österreich wird mit Sebastian Kurz ein junger Mann Bundeskanzler, der in der angestaubten ÖVP keinen Stein auf dem anderen ließ. Offiziell trat er als Kandidat der Konservativen an. Doch im Wahlkampf war meist nur die Rede von der „Liste Kurz“. Der Name ist Programm. Selbst vor der Parteifarbe machte der alpenländische Shootingstar keinen Halt: aus Schwarz wurde kurzerhand Türkis. Von den Siegeszügen eines Macron oder eines Kurz ist Christian Lindner zwar noch weit entfernt. Doch seine Methode ist dieselbe. Die Botschaft der FDP im Wahlkampf lässt sich auf ein Wort zusammenkürzen: Lindner. Für seine gnadenlose Selbstinszenierung in Schwarz-Weiß musste sich der Liberale zwar eine Menge Spott anhören, doch das Wahlergebnis gab ihm recht. Die totgeglaubte FDP hat souverän den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft. Die Marke Lindner wurde zum Verkaufsschlager.

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Was alle Senkrechtstarter verbindet: Charisma, Klartext, und der Instinkt, die politische Gefühlslage im Land im richtigen Moment nicht nur richtig einzuschätzen, sondern auch für sich zu nutzen. So werden sie gefährlich für das alteingesessene Establishment. „Politische Außenseiter treten immer dann auf, wenn traditionelle Parteiensysteme nicht mehr dynamisch sind und verknöchern“, sagt Nils Diederich, Parteienforscher an der Freien Universität Berlin. Die Republikaner und Sozialisten in Frankreich hatten abgewirtschaftet. Also wählten die Franzosen Macron. Die Große Koalition schien Deutschland in den Schlaf zu regieren. Also stärkten die Wähler kleine Parteien wie die FDP. Republikaner und Demokraten blockierten sich in Washington jahrelang gegenseitig. Also machten die Amerikaner mit Donald Trump einen Außenseiter zum Präsidenten.

„Frühere Parteien scharten sich um Klassen und Schichten“, sagt Diederich. Arbeiter wählten links, Bürgerliche liberal, Christlich-Konservative rechts. „Dieses Schichtungssystem hat sich aber in gewisser Weise aufgelöst, die Gesellschaft ist individualistischer geworden, das Zusammengehörigkeitsgefühl von Bevölkerungsgruppen hat abgenommen.“ Die Folge: Parteien öffneten sich neuen Zielgruppen, ihre Profile verschwammen. „In Zeiten von Desorientierung und Überfluss sehnen sich Menschen jedoch nach Klarheit“, sagt Achim Feige von der Unternehmensberatung Brand Trust. Und hier kommen die politischen Ich-AGs ins Spiel. „Die Menschen suchen Politiker mit einer starken Botschaft und klarer Kante.“ Und wenn diese neuen Figuren dann auch noch jung sind – umso besser. Das Jahr 2017 war auch das Jahr der neuen Kennedys. Macron ist 39, Lindner 38, Kurz 31. „Ihr Alter ist ein Vorteil“, sagt Diederich. „Junge werden als unternehmungslustiger und risikofreudiger gesehen. Sie sind auch nicht so belastet durch Vorurteile wie Politiker, die jahrzehntelang dabei sind.“ Doch so schnell die Senkrechtstarter aufsteigen, so schnell können sie wieder fallen. „Politiker, die wie eine starke Marke auftreten, müssen ihre Versprechen halten“, sagt Feige. „Wenn sie das nicht tun oder sogar lügen, sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen dahin“, warnt Diederich.

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