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Warmisried

14.11.2019

Wie Josef Lederle die Warmisrieder Geschichte hütet

Josef Lederle hat 40 Jahre lang die Ortschronik von Warmisried geführt und sich dafür tief in die Geschichte des Ortes eingegraben. Niedergeschrieben hat er sie – wie seine Vorgänger – von Hand in schönster Schrift.
Bild: Baumberger

Plus 40 Jahre lang hat Josef Lederle dafür gesorgt, dass die Vergangenheit von Warmisried nicht in Vergessenheit gerät. Er hinterlässt der Gemeinde einen Schatz.

Wer sich für die Geschichte der Gemeinde Unteregg und speziell für die von Warmisried interessiert, kommt an Josef Lederle eigentlich nicht vorbei. Kaum einer dürfte so viel darüber wissen wie er. Immerhin hat er 40 Jahre lang die Chronik des kleinen Ortes geschrieben und ist dafür nun – obwohl er es mit Ehrungen so gar nicht hat – mit der Dankurkunde des Landkreises ausgezeichnet worden, die er bestimmt ganz genau unter die Lupe genommen hat. Der 78-Jährige ist nämlich nicht nur Geschichts-, sondern auch Schönschreib-Experte. Das beweisen schon die Chroniken äußerst eindrucksvoll, aber auch die vielen Urkunden, die er im Laufe der Jahrzehnte in mühevoller Handarbeit selbst geschrieben hat.

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Zu dem Ehrenamt gekommen ist er damals eher zufällig. Als der Pfarrer 1976 überraschend gestorben war, räumte der Kirchenpfleger die Büroräume aus, fand die Chronik und drückte sie mit den Worten „Sepp, du machst das jetzt weiter“ Josef Lederle in die Hand. „Und das ist mir dann geblieben“, sagt er. Mit der Ortsgeschichte habe er bis dato wenig zu tun gehabt – wobei das, wie später deutlich wird, so nicht ganz stimmt. Denn schon als kleiner Bub hat er sich mit großer Begeisterung die Geschichten von früher angehört, die ihm seine Tante und auch die Nachbarn bereitwillig erzählt haben. „Das hab ich alles gespeichert. Das war eigentlich der Grundstock. Die haben mir viel mitgegeben. Da bin ich hingestanden und hab’ zugehört.“

Josef Lederle hat jahrelang zur Warmisrieder Geschichte geforscht

Als er dann die Chronik in Händen hielt, die 1847 beginnt, hat er sie erst einmal gelesen – was leichter klingt, als es anfangs war, weil sich Josef Lederle zunächst in die deutsche Schrift und die damals übliche Sprache einlesen musste. Mittlerweile beherrscht er beides so gut, dass er zusammen mit seiner Frau oft als „Übersetzer“ fungiert, wenn jemand ein altes Dokument zutage fördert und nichts damit anzufangen weiß. „Weil des reizt einen ja selber, was da drinnen steht.“ Das ganze Jahr über kommen Leute zu ihm, die etwas über die Geschichte ihrer Familie oder ihres Hauses in Erfahrung bringen wollen. „Denen will man ja auch was sagen können“, erklärt Josef Lederle sein Engagement.

Wie Josef Lederle die Warmisrieder Geschichte hütet

Auch der Landkreis hat ihn schon um Hilfe gebeten, 1986, als ein Landkreisbuch geplant war – und die Geschichte von Ober- und Unteregg bis dato eher lückenhaft. Da hat sich der Landwirt richtig reingekniet und ist in der überschaubaren Freizeit zig Mal nach München und Augsburg gefahren, um in den dortigen Staatsarchiven alte Steuer-, Lehens- und Viehzählungslisten zu durchforsten und vieles zutage zu fördern, „was die Leute noch nicht gewusst haben“. Seither weiß er zum Beispiel, dass 1822 der Durchschnittsbauer in Unteregg gerade einmal drei Kühe hatte und auch, dass seine Vorfahren der Kartoffel anfangs wohl eher skeptisch gegenüberstanden. Sie wird nämlich erst 1807 in einem Protokoll erwähnt. „Das war relativ spät. Die haben sie anscheinend relativ lang nicht angenommen, die Kartoffel.“ Stattdessen gab es im Winter Kraut. „Da könnte man noch so viel schreiben. Schon über die Ernährung in der Zeit“, sagt Josef Lederle. Aus den Gemeindeprotokollen weiß er, wer damals schon schreiben konnte und wer mit drei Kreuzen unterschreiben musste, ganz zu schweigen von all den Schicksalen, die er im Laufe der Jahre kennengelernt hat. „Gerade der 30-jährige Krieg geht unter die Nägel. Das war ja fürchterlich.“

Auch für Veteranenverein Warmisried schrieb Josef Lederle eine Chronik

Für den Warmisrieder Veteranenverein hat er eine Chronik geschrieben, die vermutlich ihresgleichen sucht: Jedem Soldaten hat er mit einem Foto und einem kurzen Text ein Denkmal gesetzt, er hat Bilder eines Soldaten eingeklebt, der die Zerstörungen der Deutschen dokumentiert und dafür hingerichtet wurde, hat Karten gezeichnet und mit all dem ein trauriges Stück Zeitgeschichte unvergessen gemacht. Denn darum geht es ihm ja vor allem: „Wenn’s geschrieben ist, ist es gesichert. Dass halt nicht alles verloren geht.“

Nur so ist wahrscheinlich auch zu erklären, warum er sieben Jahre darauf verwendet hat, die Geschichte jedes Warmisrieder Hofs und etlicher alter Häuser zu erforschen und niederzuschreiben. Dagegen sind die drei Wochen, in denen er die Pfarrmatrikelbücher von Warmisried und Unteregg fein säuberlich in Schulhefte abgeschrieben hat – „damit man das alles in Ruhe sortieren kann“, wie er sagt – schon beinahe ein Klacks.

Die Chroniken schreibt er mit hauchfeinen Stiften, oft aber auch mit Tusche und Feder. „Also primitiver geht’s nicht. Da schüttelt jeder den Kopf, wenn der meine Werkstatt sieht“, sagt Josef Lederle und lacht. Als er das Chronisten-Amt übernahm, hat er in einem Volkshochschul-Kurs extra die gotische Schrift gelernt und sich im Laufe der Jahre im Schönschreiben und auch in Geduld geübt. Denn einen Text so zu gestalten, dass er exakt Platz findet, alle Buchstaben die gleiche Größe haben und auch stimmen, das ist nicht husch, husch erledigt, das dauert viele Stunden. Trotzdem sagt Josef Lederle: „Das ist eigentlich ein ganz nettes Hobby.“

Josef Lederle hat das Chronistenamt in Warmisried abgegeben

Neben der geschriebenen Chronik, in der alles dokumentiert ist, was interessant war – zum Beispiel das Wetter, Goldene Hochzeiten, Erfolge beim Tischtennis, Pflanzaktionen, aber auch internationale Unglücke wie die Reaktorkatastrophe in Fukushima und der Tsunami in Südost-Asien – hat Josef Lederle auch eine Chronik in Bildern zusammengetragen. Und – natürlich – hat er säuberlich beschriftet, wer und was darauf zu sehen ist. In den vergangenen Jahren hat er außerdem zusammen mit seinem Enkel zwei Fotobücher erstellt, eins über die Warmisrieder Hausnamen und eines über markante Bäume des Ortes, sodass es alles in allem wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn man von einem Schatz spricht, den er der Gemeinde hinterlässt.

Vor etwa einem Jahr hat er das Chronistenamt an Gemeinderat Robert Schaule abgegeben. „Da waren die Bücher voll und dann hab’ ich gedacht, das ist grad’ recht. Sonst mach’ ich’s mit 100 Jahren noch“, sagt er und lacht. „Jetzt genieß ich mein Rentnerdasein, das ist grad’ schön. Und so lange ich’s machen kann, helfe ich den Leuten.“ Denn wer sich für Heimatgeschichte interessiert, kommt an Josef Lederle eigentlich nicht vorbei.

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